Zwischen Tradition und Pink Summer: Ein Nachmittag bei Rosario Amico im „Venezia“
Wer in Lemgo an Eis denkt, denkt unweigerlich an das Eiscafé Venezia. Seit rund sechs Jahren führt Rosario Amico das Lokal in der Mittelstraße, das für viele Lemgoer so fest zum Stadtbild gehört wie das historische Rathaus. Wir haben uns mit dem „Gastro-Urgestein“ auf einen Kaffee getroffen, um über Familientraditionen, die Kunst des Handwerks und die Zukunft der Innenstadt zu sprechen.
Der morgendliche Blick auf die Hansestadt
Obwohl Rosario Amico schon seit seiner Kindheit in Lemgo lebt, hat die Stadt für ihn nichts von ihrem Zauber verloren. Im Gegenteil: Er genießt jeden Morgen den Weg zur Arbeit. „Jedes Mal, wenn ich morgens durch die Stadt zur Arbeit fahre, finde ich es immer noch wunderschön“, erzählt er mit einem Lächeln. Für ihn ist Lemgo eine der schönsten Städte überhaupt – nicht nur wegen der historischen Gebäude, sondern vor allem wegen der Menschen. Dieser tägliche Moment der Ruhe, bevor der Trubel im Eiscafé beginnt, ist für ihn die beste Motivation.
Die dritte Generation: Eis im Blut
Obwohl Rosario erst seit sechs Jahren der Inhaber des Venezia ist (davor betrieb er beispielsweise mit Partnern das Eiscafé am Marktplatz), reicht seine Geschichte in der Gastronomie viel weiter zurück. „Ich habe schon mit 14 Jahren als Aushilfe angefangen“, erinnert er sich. Die Leidenschaft wurde ihm buchstäblich in die Wiege gelegt, auch wenn es in der Familie einen kleinen Umweg gab. Während sein Großvater bereits Eis herstellte, entschied sich sein Vater zunächst gegen die Eistradition und für Pizzerien und Restaurants. „Papa war im Endeffekt die Unterbrechung“, schmunzelt Rosario. Später kehrte der Vater jedoch zum Eis zurück, und heute führt Rosario die Tradition in dritter Generation fort.
Dabei bricht er mit alten Klischees: Während früher vor allem Norditaliener für die Eiskunst in Deutschland bekannt waren, stammen Rosarios Eltern aus dem tiefsten Süden Italiens. In der Heimat war das Eismacher-Handwerk damals weit weniger etabliert als im Norden. Dass er heute hier in Lemgo diese Tradition lebt, ist also auch ein Stück weit Pionierarbeit seiner Familie.
Handwerk ohne Kompromisse
Was macht das perfekte Eis aus? Für Rosario ist die Antwort klar: echte Zutaten und der Verzicht auf industrielle Abkürzungen. „Wir werden nicht auf Milch verzichten“, betont er entschieden. Trotz moderner Ersatzprodukte oder Milchpulver setzt das Venezia auf frische Komponenten bei den Zutaten. „Es ist für mich eine Freude zu hören, wenn Gäste sagen, das Eis schmeckt noch wie früher“, erzählt er, denn der klassische Eismacher sei mittlerweile fast ein aussterbender Beruf.
Doch klassisch bedeutet nicht stehengeblieben. Die Eiskultur in Lemgo hat sich massiv gewandelt. „Früher hatten wir keine 12 Sorten. Da reichten Erdbeere, Stracciatella und Vanille“, erinnert er sich an seine Anfänge. Heute ist die Auswahl komplexer geworden. Neben modernen Kreationen wie Basilikum-Zitrone hat sich Rosario besonders auf vegane Sorten spezialisiert. Das hat auch einen persönlichen Hintergrund: Da er selbst kein Milcheis isst, wollte er das vegane Angebot schon früh auf ein neues Qualitätslevel heben – lange bevor es ‚hip‘ wurde. „Aber man muss auch sagen: Das Spaghettieis ist und bleibt der absolute Bestseller und ist von einer Eiskarte einfach undenkbar wegzudenken.“
Ein besonderes Highlight für diesen Sommer: Der „Pink Summer“. Eine Sorte mit Himbeergeschmack und weißer Schokolade, die nach einer Testphase aufgrund der enormen Nachfrage nun fest eingeplant ist. Dass nicht jedes Experiment glückt, gibt er offen zu: Ein Versuch mit Ricotta-Eis kam bei den Lemgoern bisher weniger gut an – „vielleicht ist man hier noch nicht so weit“, lacht er.
Mehr als nur Gastronomie: Der „Psychologe“ hinter der Theke
Das Venezia ist in Lemgo mehr als eine reine Verkaufsstelle; es ist ein Ort des Vertrauens. „Wir hören jeden Tag Geschichten – von Freud und Leid, von Feiern oder Sorgen in der Familie“, erzählt Rosario. Gerade am frühen Morgen, wenn die Stammkunden kommen, ist es fast familiär und man hat immer ein offenes Ohr.
Auf die spielerische Frage nach der Psychologie der Bestellung hat der Profi eine klare Theorie: Welches Eis bestellt jemand, der gerade Liebeskummer hat? „Der Klassiker – Vanille oder Schokolade, etwas Bodenständiges“, ist sich Rosario sicher. Wer hingegen im Lotto gewinnt, darf es sich mit einem Salted Caramel gutgehen lassen. Er selbst bleibt übrigens privat ebenfalls bodenständig: Nach einem langen Arbeitstag darf es gerne etwas Herzhaftes sein. Und wenn es doch Eis ist, dann ist er seit seiner Kindheit ein treuer Fan von Zitroneneis.
Die „Bohne“, die Maschine und der Cappuccino-Kodex
Ein echtes italienisches Café wird auch an seinem Kaffee gemessen. Rosario setzt auf eine spezielle Mischung mit einem hohen Robusta-Anteil, die weniger Bitterstoffe enthält und dadurch besonders bekömmlich ist. „Da kann man ruhig zwei, drei Tassen mehr trinken, ohne ein komisches Gefühl danach zu haben“, erklärt er.
Doch wie hält er es als Italiener mit den deutschen Kaffeegewohnheiten? Beim Thema Cappuccino nach 12 Uhr mittags ist er entspannt: „Nee, beim Cappuccino blutet mir nicht das Herz.“ Aber es gibt eine klare Grenze: „Beim Latte Macchiato ab einer bestimmten Uhrzeit, da finde ich es schon komisch“, gesteht er schmunzelnd.
Dahinter steckt harte Arbeit. Die Kaffeemaschine (er schwört auf das Modell Dalla Corte) ist das Herzstück. Fast täglich werden Mühle und Maschine neu eingestellt, da der Mahlgrad und der Brühvorgang von Luftdruck und Feuchtigkeit abhängt. „Es ist keine Kunst, es ist Handwerk, Wissen und Disziplin“, sagt er bescheiden. Und natürlich eine große Portion Leidenschaft.
Ein Appell an die Zukunft Lemgos
Trotz steigender Kosten blickt Rosario positiv in die Zukunft. Sein Team liegt ihm dabei besonders am Herzen: „Gute Mitarbeiter zu finden ist augenblicklich nicht einfach. Ich bin froh über mein Team, weil sie wirklich gerne hier arbeiten“. Er sieht sich dabei nicht nur als Chef, sondern auch als Partner seiner Mitarbeiter.
Für die Lemgoer Innenstadt wünscht er sich wieder mehr Frequenz und echte Vielfalt beim Branchenmix. „Wir leben vom starken Einzelhandel“, erklärt er. Die Gastronomie kann nicht alleine funktionieren; wir leben von einem guten und breit gefächerten Einzelhandel. Je besser der Einzelhandel läuft, desto einfacher ist es für uns, einen Cappuccino zu verkaufen
In der Gastronomie sieht er Lemgo zwar quantitativ gut aufgestellt, vermisst aber manchmal neue Konzepte: „Noch ein Café mit Cappuccino brauchen wir eigentlich nicht – mehr Abwechslung bei Speisen und Konzepten, beispielsweise für die Jugend, würde die Stadt beleben“.
Sein Schlusswort an die treuen Kunden: „Wir sollten positiv in die Zukunft schauen. Lemgo ist eine wunderschöne Stadt. Leerstände gibt es in jeder Stadt mal, aber es wird hundertprozentig wieder bergauf gehen. Wir werden wieder attraktive Geschäfte bekommen, die die Leute nach Lemgo ziehen.“
Service-Info für Ihren Besuch:
- Platzangebot: Das Venezia bietet ca. 50 Plätze im Innenraum und 50 auf der eigenen Terrasse. Solange der benachbarte „Ankaplatz“ noch nicht neu besetzt ist, stehen dort zusätzlich rund 30 bis 40 Außenplätze zur Verfügung.
- Reservierungen: Besonders an Feiertagen (wie dem kommenden Pfingsten) oder für größere Gruppen wird eine rechtzeitige telefonische Reservierung empfohlen – das erleichtert dem Team die Planung enorm.
- Spezialitäten: Neben dem klassischen Kugel-Verkauf fertigt das Team auf Vorbestellung (bitte einige Tage Vorlauf einplanen) auch individuelle Eistorten an oder bereitet größere Eis-Paletten für Firmenfeiern und Büropausen vor.



