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Verschiedenes

Das digitale Tourette-Syndrom: Ein Reisebericht aus der Kommentarspalte

Es war einmal eine Zeit, da las man Texte, bevor man eine Meinung dazu hatte. Verrückt, ich weiß. Heute ist das Internet ein Ort, an dem der Titel „Experte“ bereits an jeden verliehen wird, der es schafft, sein Smartphone unfallfrei zu entsperren. Wer heute einen Artikel in den sozialen Medien teilt, gleicht einem Dompteur, der ein Steak in ein Piranha-Becken wirft – nur dass die Piranhas diesmal eine Meinung zu den Haltungsbedingungen des Steaks haben, ohne das Steak überhaupt gesehen zu haben.

Die Goldene Regel: „Ich lese nicht, ich richte!“

Der klassische Kommentator von Welt pflegt eine strikte Informationsdiät. Überschriften sind das Maximum; alles über zwei Zeilen gilt als Zumutung und intellektuelle Nötigung. Warum auch den Text lesen? Das würde ja nur die eigene, mühsam aufgebaute Empörung mit Fakten verwässern. Stattdessen wird direkt in die Tasten gedroschen, als gäbe es für jedes Ausrufezeichen eine Prämie.

Die Drei-Satz-Regel des Zerfalls

Es ist ein beeindruckendes Naturphänomen: Spätestens ab dem dritten Kommentarstrang verlässt die Diskussion den Pfad der Tugend und der Logik.

  • Beitrag: „Neuer Radweg im Stadtzentrum eröffnet.“
  • Kommentar 1: „Wieder Steuerverschwendung!“
  • Kommentar 2: „Typisch, die Grünen wollen uns das Auto verbieten.“
  • Kommentar 3: „Mein Schwager hat eine Glutenunverträglichkeit, und damals unter Adenauer gab es noch richtige Brötchen!“

Zack. Da sind wir. Vom Radweg zur Backwaren-Nostalgie in unter sechzig Sekunden. Wer braucht schon einen roten Faden, wenn man ein Wollknäuel aus purer Willkür haben kann?

Charmebolzen und verbale Abrissbirnen

Dabei ist der Tonfall von einer Herzlichkeit, die man sonst nur aus Verhören in schlechten Krimis kennt. „Nassforsch“ ist da noch die höfliche Umschreibung für eine Mischung aus Größenwahn und schlechter Kinderstube. Da wird beleidigt, gepöbelt und unterstellt, was das Zeug hält. Man hat das Gefühl, die Anonymität des Bildschirms wirkt auf manche wie ein Zaubertrank, der jegliche soziale Kompetenz in Luft auflöst.

Es ist eine mutige neue Welt: Man weiß nichts, man liest nichts, aber man weiß alles besser – und das bitte lautstark und persönlich.


Was wir daraus lernen?

Sollten wir die Kommentarspalten einfach in „Digitales betreutes Schreien“ umbenennen? Es würde den Blutdruck aller Beteiligten senken. Bis dahin gilt: Lächeln, winken und sich immer daran erinnern, dass die lauteste Trommel meistens deshalb so dröhnt, weil sie innen völlig hohl ist.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim nächsten Post – und vergessen Sie nicht, sich vorher den Aluhut und die Baldriantropfen bereitzulegen!

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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