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Schleichen verboten

Micha Haudrauf wollte zu Radfahrern in der FuZo eigentlich nichts mehr schreiben. Musste er nun doch. Eine Glosse

Samstag, Markttag, Lemgoer Fußgängerzone. Eine junge Frau steuert ihr Lasten-E-Bike durch die Menge wie einen Containerfrachter durch den Suezkanal. Im Anhänger sitzen zwei Kinder, auf dem Gepäckträger drei Einkaufstüten, am Lenker baumelt eine Stofftasche mit Biogemüse. Ausweichmanöver nach links, Vollbremsung, Ausweichmanöver nach rechts. Ein älterer Herr mit Rollator rettet sich in den Eingang einer Bäckerei, eine Frau reißt ihren Dackel an der Leine hoch wie einen pelzigen Heißluftballon. Die junge Frau ruft „Achtung!” – als hätte das jemals irgendeinem Menschen geholfen, der gerade überrollt wird.

Sonntag. Die Fußgängerzone gehört den Fußgängern, sagt die Beschilderung. Die Beschilderung. Nicht die Realität. Hunderte Radfahrer, Familienausflug, Sonntagstour, E-Bike-Konvoi. Manche klingeln, die meisten nicht. Wozu auch. Klingeln würde ja bedeuten, dass man anerkennt, dass hier eigentlich jemand anderes Vorrang hat. Und das wäre natürlich eine unerträgliche Kränkung für jeden, der auf zwei Rädern sitzt.

Dabei liegt die Lösung – ganz wörtlich – dreißig Meter entfernt. Der Innenstadtring mit Echtern- und Papenstrasse umschließt die Fußgängerzone wie ein Geschenkband. Alle hundert Meter führt eine Stichstraße rein in die Innenstadt. Wer schnell radeln will, kann also den Ring nehmen, in Ruhe seine zwanzig oder dreißig Stundenkilometer fahren, an der nächsten Stichstraße abbiegen, absteigen, die letzten dreißig Meter schieben. Dreißig Meter. Einmal tief einatmen, dreimal „Om” sagen, fertig. Stattdessen wird durch die Fußgängerzone gerast, als gäbe es auf dem Innenstadtring Landminen.

Auf den Wallanlagen, Lemgos historischem Rundkurs, trainiert derweil die nächste Leistungsklasse. Rennlenker in Untergriffhaltung, Lycra so eng, dass man die Blutgruppe erraten kann, und ein Tempo, bei dem selbst die Eichhörnchen in den Bäumen nervös werden. Zwischen ihnen: Rentner mit Gehstock. Kinder auf Laufrädern. Ein Golden Retriever, der sein Geschäft verrichten will und dabei fast zum Straßenopfer wird. Der Fahrer in Aerodynamik-Stellung dreht sich nicht um. Kann er auch gar nicht, bei dem Tempo wäre er schon in Detmold, bis er den Kopf gedreht hätte.

Die E-Bike-Fraktion auf den Wallanlagen steht dem in nichts nach. Sechzig, siebzig Jahre alt, aber dreißig Stundenkilometer schnell, weil der Bosch-Motor ja alles regelt. Was der Motor nicht regelt: Bremsweg, Reaktionszeit und die Tatsache, dass ein Dreijähriger jederzeit auf den Weg laufen kann, weil er drei ist.

Das Schöne an der Sache ist die Argumentation. „Da war doch gar keiner.” „Ich hab doch aufgepasst.” „Ist doch nur kurz.” Es sind dieselben Sätze, die man bei Tempo siebzig vor der Grundschule sagen könnte. Macht bloß keiner. Vor der Schule bremst jeder brav auf dreißig runter, selbst wenn weit und breit kein Kind zu sehen ist. Weil da ein Schild steht, das ernst genommen wird. Weil da vielleicht mal die Polizei steht. Weil es sich dort komisch anfühlen würde, einfach durchzubrettern.

In der Fußgängerzone fühlt sich nichts komisch an. Da fährt man, wie man will. Schrittgeschwindigkeit steht in der StVO, aber Schrittgeschwindigkeit klingt auch so furchtbar langsam. Wer will schon schleichen. Schleichen ist was für Einbrecher und Katzen. Nicht für Menschen mit einem zweitausend Euro teuren Gravelbike und einer Mission.

Die Polizei, muss man fairerweise sagen, hat in den Sommerferien durchaus kontrolliert. Allerdings mit bemerkenswertem Timing: Als die Stadt leer war, die Fußgängerzone verwaist, die Wallanlagen menschenleer – da standen sie. Präsenz zeigen, wenn es nichts zu sehen gibt, das ist eine Kunstform. Geschwindigkeit gemessen haben sie dabei nicht. Warum auch. Man will ja die Leute nicht verunsichern, wenn ohnehin keine da sind, die überfahren werden könnten.

Nun wäre es unfair, das alles nur den Radfahrern anzuhängen. Radfahrer sind keine schlechteren Menschen als andere. Sie verhalten sich nur so, sobald sie aufsteigen. Irgendwas passiert zwischen Sattel und Pedal, eine Art Verwandlung, wie bei Werwölfen, nur mit Helm. Denn das Phänomen endet ja nicht am Lenker. Die gleichen Leute kommen in Gruppen von sechs, acht, zehn Personen an, stellen ihre Räder rund um die Außenterrasse des Cafés ab wie eine mittelalterliche Wagenburg und riegeln damit jeden Fluchtweg ab. Wer drinnen sitzt und zahlen will, muss klettern. Wer von außen einen Tisch sucht, steht vor einer Barrikade aus Carbon und Aluminium. Man fühlt sich wie bei einer Belagerung, nur dass der Feind einen Cappuccino bestellt. Vor Geschäften und Hauseingängen dasselbe Bild – wer die Eingangstür erreichen will, braucht inzwischen die Beweglichkeit einer Katze und die Geduld eines Bombenentschärfers.

Abends dann (oder auch tagsüber), die Scheinwerfer. Moderne Fahrradlampen leuchten mit einer Intensität, mit der man problemlos ein Flugzeug vom Himmel holen könnte. Eingestellt sind sie grundsätzlich so, dass der Lichtstrahl nicht etwa den Weg ausleuchtet, sondern die Netzhaut des Entgegenkommenden. Wer zu Fuß unterwegs ist, wird kurz schneeblind. Wer selbst Rad fährt, sieht drei Minuten lang nichts außer violetten Flecken. Es gibt eine Einstellschraube an diesen Lampen. Man könnte sie nutzen. Macht bloß keiner.

Und was die Sommerferien betrifft: Die Hoffnung war, sechs Wochen Urlaub, Strand, Berge, Entspannung – da kommen die Menschen doch zur Ruhe. Kommen runter. Finden zu sich. Und fahren danach vielleicht ein bisschen langsamer und umsichtiger. Die Hoffnung ist am Samstag gegen elf Uhr dreißig gestorben, eingeklemmt zwischen einem Lastenrad und einem E-Scooter auf der Mittelstrasse.

Radfahren ist doch eigentlich eine wunderbare Sache. Draußen sein, Wind im Gesicht, leise, umweltfreundlich, gesund. Und dann steigt man auf und wird zum Verkehrsrowdy. Als ob der Sattel einen Schalter im Kopf umlegt. Ich will es doch einfach nur verstehen. Ich stehe jeden Morgen auf der Mittelstraße, mein Hund an der Hüfte, mein Rad ohne Motor, und gucke den Leuten hinterher, die an mir vorbeirauschen, und denke: Ihr habt doch das schönste Verkehrsmittel der Welt. Warum fahrt ihr es, als hättet ihr das schlimmste?

Der Autor fährt selbst täglich Fahrrad durch die Lemgoer Innenstadt. Manchmal sogar zu verbotenen Zeiten. Allerdings ohne Motor, dafür mit Hund an der Hüfte – und ist damit vermutlich der einzige Verkehrsteilnehmer, der unfreiwillig Schrittgeschwindigkeit einhält.

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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