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Die Unfehlbaren

Die Glosse von Micha Haudrauf

Es gibt Menschen, die morgens aufstehen und sich fragen: Hab ich gestern eigentlich Unsinn erzählt? Die nachts wach liegen und denken: Vielleicht lag der andere doch nicht ganz falsch? Diese Glosse handelt nicht von diesen Menschen. Diese Glosse handelt von allen anderen.

Es fängt harmlos an. Du legst eine Bratwurst auf den Grill. Einfach so. Von links auf den Rost, Deckel zu, fertig. Denkst du. Denn neben dir steht Ralf. Ralf hat den Rost schon gemustert, bevor du die Kohle angezündet hast. Falsche Kohle übrigens. Ralf nimmt nur Quebracho-Holzkohle, argentinisch, aus dem einen Laden, den außer Ralf keiner kennt. Und der Rost ist zu nah an der Glut. Und die Wurst – also die Wurst hätte er jetzt nicht genommen. Ralf sagt das nicht vorwurfsvoll. Ralf sagt das mit der milden Traurigkeit eines Mannes, der es aufgegeben hat, die Welt zu erziehen, es aber trotzdem weiter versucht. Dass seine eigenen Würste letztes Mal aussahen wie vergessene Holzscheite: geschenkt. Das war der Wind.

Beim Bäcker am nächsten Morgen steht Gerd in der Schlange. Gerd braucht keine Brötchen, Gerd braucht ein Publikum. Zwischen Mohnbrötchen und Rosinenschnecke erklärt er der Kassiererin, warum die Bundesregierung im Grunde keinen Plan hat. Keinen. Die Kassiererin nickt, weil sie Gerd kennt und weil hinter ihm acht Leute warten. Gerd verwechselt das Nicken mit Zustimmung. Ukraine? Lösung hat er. Haushaltsloch? Weiß er, wie man das stopft. Klimawandel? Auch da hat er was gelesen. Wo genau, weiß er gerade nicht, aber es war seriös. Auf jeden Fall im Internet. Warum der Kanzler ihn noch nicht angerufen hat, ist das eigentliche Rätsel unserer Zeit.

Montags in der Büroküche wartet Sabine. Sabine hat am Wochenende einen Podcast gehört, und seit Sonntagnachmittag ist die Welt eine andere. Du stellst deinen Teller auf den Tisch: Nudeln, Tomatensoße, ein bisschen Käse. Sabine betrachtet das wie einen Tatort. Gluten, sagt sie. Und Milchprodukte – also, sie will ja nichts sagen. Sagt dann aber doch sehr viel. Kurkuma fehlt sowieso. Und dass du Leitungswasser trinkst statt warmem Zitronenwasser: da zuckt sie kurz zusammen, fängt sich aber wieder. Sabine hat letzte Woche noch ein Salamibrot aus der Tupperdose gegessen, aber das war letzte Woche. Vor dem Podcast. Nächsten Monat wird es Rohkost sein oder basisches Intervallfasten oder irgendwas mit Selleriesaft. Aber mit der gleichen granitartigen Überzeugung.

Samstagnachmittag, Kreisliga, zweite Halbzeit. Auf der Tribüne sitzt Jürgen. Jürgen hat in seinem Leben drei Sportarten betrieben: Meckern, Kopfschütteln und den Arm heben, wenn die Bedienung zu langsam ist. Aber Jürgen weiß mit absoluter Sicherheit, dass man den Stürmer hätte bringen müssen. Schon in der 20. Minute. Spätestens. Der Trainer, der seit 30 Jahren Fußball macht, hat natürlich keine Ahnung. Jürgen hätte das 0:3 verhindert. Jürgen hätte überhaupt vieles verhindert, wenn man ihn nur mal ließe. Dass Jürgen selbst die Treppe nur nimmt, wenn der Aufzug kaputt ist, tut hier nichts zur Sache.

Im Supermarkt, Kasse 3. Vor dir eine Mutter mit einem Zweijährigen, der schreit, als würde man ihm das Grundgesetz vorlesen. Hinter dir eine Frau – nennen wir sie Margit – die genau weiß, woran das liegt. Zu viel Zucker. Oder zu wenig Grenzen. Oder beides. Margit hat selbst Kinder, erwachsen inzwischen, und die haben nie geschrien. Jedenfalls nicht im Supermarkt. Margit sagt das laut genug, dass die Mutter es hören muss, aber leise genug, dass es wie Mitgefühl klingen soll. Die Mutter hört es. Und kauft sich an der Kasse noch eine Flasche Wein. Verständlicherweise.

Abends auf der Couch läuft die Talkshow. Links sitzt jemand, der mit großen Augen erklärt, dass die andere Seite gerade unsere Demokratie zerstört. Aktiv. Mutwillig. Rechts sitzt jemand, der mit verschränkten Armen erklärt, dass die andere Seite ja gar nicht wisse, was Demokratie überhaupt bedeutet. Beide haben Studien gelesen. Beide kennen die Fakten. Komischerweise sind es nie dieselben. Die eine Hälfte weiß mit absoluter Gewissheit, dass die andere Hälfte zu dumm ist, um das Offensichtliche zu sehen. Die andere Hälfte weiß das auch. Über die jeweils erste. Einig sind sich beide nur darin, dass Diskussion sinnlos ist, weil der andere ja doch nicht zuhört. Und so sitzen sie da, Abend für Abend, in zwei verschiedenen Wirklichkeiten, die beide felsenfest bewiesen sind. Nur eben nie mit denselben Felsen.

Am Abend stehst du wieder am Grill. Die Kohle ist durch, die Würste liegen, und Ralf steht daneben. Er erklärt gerade jemandem, warum man Steaks auf keinen Fall mit der Gabel wenden darf. Die Wurst neben seinem Ellenbogen fängt Feuer. Ralf bemerkt es nicht. Jemand löscht sie mit Bier. Ralf erklärt, dass das genau die falsche Methode ist. Kein Zweifel. Nirgendwo. Niemals.

Der Autor ist sich seiner Sache natürlich auch nie ganz sicher. Außer beim Grillen. Da nimmt er ausschließlich Quebracho-Holzkohle.

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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