Waschen, Schneiden, Scrollen

Micha Haudrauf wollte nur zum Friseur. Stattdessen hat er sieben Zielgruppen in freier Wildbahn beobachtet – eine Glosse
Ich sitze beim Friseur und warte. Neben mir ein Mann um die fünfzig, der sein Handy hält, als würde er gleich eine Rede vor der UNO halten. „Ich poste gerade auf LinkedIn”, sagt er zu niemandem Bestimmten. „Über Leadership.” Er ist Abteilungsleiter bei einem mittelständischen Zulieferer in Lage. Sechs Mitarbeiter, von denen vier innerlich gekündigt haben, aber auf LinkedIn heißt das dann „People Manager in einer dynamischen Organisation”. Morgens um halb sieben, wenn normale Menschen noch mit dem Kaffee kämpfen, verteilt er bereits Weisheiten über agiles Mindset und postet Selfies von leeren Konferenzräumen mit der Unterschrift „Ready to disrupt.” Sein letzter viraler Beitrag begann mit „Ich bin gescheitert.” Er hatte den falschen Druckertoner bestellt. 47 Personalberater haben „Stark!” darunter kommentiert. Einer hat geweint. Emoji mit Träne zumindest.
Am Nebentisch tippt eine Frau auf Facebook. Sie schreibt „Wunderschön!! 😍” unter ein Foto vom Blumenbeet ihrer Nachbarin, obwohl sie mir zwei Minuten vorher erzählt hat, dass genau dieses Blumenbeet seit Jahren auf ihren Parkplatz wuchert und sie „die Alte” am liebsten verklagen würde. Aber so läuft das auf Facebook. Man likt, was man hasst, man teilt, was einen nichts angeht, und man gratuliert Leuten zum Geburtstag, deren Nachnamen man nur kennt, weil Facebook einen daran erinnert. Die Gruppen heißen „Du bist aus Lemgo, wenn…” und bestehen zu achtzig Prozent aus Leuten, die seit 1997 in Bielefeld wohnen, aber jeden Kreisverkehr-Umbau kommentieren, als wäre es der Untergang des Abendlandes.
Der Sohn der Friseurin kommt aus dem Hinterzimmer. Neunzehn, Undercut, das Handy auf Augenhöhe. Er filmt sich beim Reingehen, beim Hinsetzen, beim Nichtstun. TikTok. Sechzehn Sekunden, in denen er synchron zu einem Song die Lippen bewegt, den ich nicht kenne, und dazu eine Handbewegung macht, die aussieht wie ein Schlaganfall in Zeitlupe. „Das geht gerade viral”, sagt er. Er hat 340 Follower. 280 davon sind Bots aus Kasachstan.
Seine Schwester ist auf Instagram. Sie hat einen Flat White vor sich stehen. Nicht um ihn zu trinken, sondern um ihn von oben zu fotografieren. Dann von schräg. Dann mit der Hand dran. Dann ohne Hand. Dann nochmal mit Hand, aber anderer Winkel. Der Kaffee ist längst kalt, aber das Licht stimmt jetzt endlich. Hashtag „lemgoliebe”. Hashtag „authentisch”. Hashtag „ohnefilter”, natürlich mit Filter.
Im Wartebereich hängt ein älterer Herr an YouTube. Er schaut ein dreißig Minuten langes Tutorial, wie man einen Wasserhahn repariert. Er hat keinen tropfenden Wasserhahn. Er hat nicht mal eine Rohrzange. Aber seit seiner Verrentung ist er professioneller Tutorial-Zuschauer. Letzte Woche hat er sich vierzig Minuten lang erklären lassen, wie man einen Pizzaofen aus Lehm baut. Er wohnt in einer Mietwohnung im dritten Stock
Die Friseurin selbst ist auf Pinterest. Sie sammelt Frisuren, die sie nie schneiden wird, in Ordnern, die niemand je sieht, für Anlässe, die nie stattfinden. „Boho-Hochzeit am Strand” – sie ist seit zwölf Jahren mit demselben Mann verheiratet und war zuletzt 2014 am Meer. Zwischen zwei Kundinnen pinnt sie „Zehn Schritte zur perfekten Work-Life-Balance”. Sie arbeitet sechzig Stunden die Woche.
Am Eingang sitzt ein Mann und schaut auf X, ehemals Twitter. Er streitet mit einem Fremden aus Sachsen über die Klimapolitik der Bundesregierung. Seit einer Stunde. Beide haben keine Ahnung, aber unerschütterliche Überzeugungen. Der Sachse hat ein Profilbild mit Sonnenbrille im Auto, eine Deutschlandflagge im Namen und „Freidenker” in der Bio. Der Mann am Eingang hat ein Profilbild von 2011 und „Hier für die Wahrheit” stehen. Bisher haben sie sich gegenseitig als Schlafschaf und als Nazi bezeichnet, sind sich aber einig, dass die Medien lügen – ausgerechnet auf einer Plattform, auf der jeder lügt. Ab und zu schreibt einer „Informier dich mal!” – der aggressivste Weg, zuzugeben, dass man selbst auch nichts weiß. Zwischendurch drohen beide, die Plattform endgültig zu verlassen. Seit zwei Jahren. Täglich.
Ich zahle, gehe raus und stelle fest: Man braucht gar kein Internet, um die Menschheit zu verstehen. Man braucht nur einen guten Friseur und etwas Geduld.
Der Autor hat diesen Text auf Facebook und Instagram gepostet. An seine siebentausend Follower. Ohne Filter. Versteht sich.
Dir gefällt unser täglicher Einsatz für Lemgo? Dann unterstütze meine Arbeit hier mit einem virtuellen Kaffee für den Redakteur – oder einem Kauknochen für Redaktionshund Bolle! 🐾
🦴 Kauknochen oder Kaffee spendieren



