800 Serien und am Ende gewinnt der Finne
Die Glosse von Micha Haudrauf
Freitagabend, zwanzig Uhr fünfzehn. Die Arbeitswoche liegt hinter mir wie ein überfahrener Waschbär auf der B1. Ich habe mir das verdient. Füße hoch, Chips auf, Fernbedienung gezückt. Heute wird es ein richtig guter Abend.
Das Erste. Florian Silbereisen moderiert irgendwas mit Schlager und Konfetti. Daneben sitzt eine Frau, die so tut, als hätte sie gerade die beste Zeit ihres Lebens. Weiter.
Das Zweite. Ein Krimi. Natürlich ein Krimi. Der Kommissar hat wieder Eheprobleme, eine Leiche liegt im Wald, und die Kollegin sagt: „Das ergibt doch alles keinen Sinn.” Da sind wir schon zwei, die so denken. Weiter.
RTL. Ein Mann isst eine Kakerlake, eine Frau weint, ein anderer Mann schreit: „Ich bin eine Legende!” Er verkauft Gebrauchtwagen in Bottrop. Weiter.
Sat.1. Akte. Wieder Akte. Immer Akte. Seit 1995 deckt Akte Dinge auf, und trotzdem wird die Welt nicht besser. Das allein wäre schon einen Investigativbeitrag wert. Weiter.
Arte. Ein französischer Schwarzweißfilm von 1962. Ein Mann raucht. Eine Frau schaut aus dem Fenster. Drei Stunden lang. Dazwischen: bedeutungsvolles Schweigen. Der Film heißt „Le Silence du Regard” und hat in Cannes irgendeinen Preis gewonnen, wahrscheinlich den für die wenigsten Zuschauer pro investiertem Euro. Ich gebe ihm sechs Minuten. Nach vier schlafe ich ein. Weiter.
Gut, dann eben Streaming. Die Zukunft des Fernsehens! Die Revolution! Die Befreiung vom linearen Programm! Ich öffne Netflix. Netflix empfiehlt mir eine Serie über einen Serienmörder, der auch ein guter Familienvater ist. Daneben eine Serie über eine Anwältin, die auch eine gute Mutter ist. Und eine Serie über einen Teenager, der die Welt retten muss, obwohl er nicht mal sein Zimmer aufräumt. Alle drei haben 4,2 Sterne. Alle drei sehen aus, als wären sie vom selben Algorithmus geschrieben worden. Wurden sie wahrscheinlich auch.
Ich scrolle. Und scrolle. Und scrolle. Das Scrollen durch Netflix dauert mittlerweile länger als die meisten Serien, die dort laufen. Irgendwann zeigt mir Netflix Sachen, die ich schon vor drei Jahren nicht sehen wollte, jetzt aber unter dem Label „Nochmal entdecken” angeboten bekomme. Nein, Netflix. Nein. Wenn ich „Warrior Nuns – Staffel 2” beim ersten Mal nicht angeklickt habe, wird sich daran auch durch einen neuen Vorschauclip mit dramatischerer Musik nichts ändern.
Also Amazon Prime. Prime empfiehlt mir die gleichen drei Filme wie seit 2019. Dazu eine Eigenproduktion, in der sehr attraktive Menschen sehr bedeutungsschwer im Regen stehen. Im Trailer sagt jemand: „Wir müssen die Wahrheit finden.” Ich auch, denke ich. Zum Beispiel die Wahrheit, warum ich für diesen Dienst bezahle.
HBO. Früher das gelobte Land. „The Sopranos”. „The Wire”. „Game of Thrones”, zumindest bis Staffel fünf. Heute? Ein Spin-off vom Spin-off des Prequels einer Serie, die damals gut war, weil sie eben noch kein Spin-off hatte. Dazu eine Miniserie über eine dysfunktionale Familie, die achte dieses Jahr, als gäbe es auf der ganzen Welt keine einzige Familie, die einfach mal normal zusammen zu Abend isst.
Disney+. Noch ein Marvel-Ding. Irgendjemand hat wieder Superkräfte. Irgendjemand anderes will die Galaxie zerstören. Am Ende siegt das Gute, und die Spezialeffekte sehen aus, als hätten sie mehr gekostet als das Bruttosozialprodukt von Luxemburg. Ich bin sechsundfünfzig. Ich will keine Galaxie retten. Ich will nur eine Serie, bei der ich nach der ersten Folge die zweite sehen will.
Ich schaue auf die Uhr. Dreiundzwanzig Uhr zehn. Ich habe den gesamten Abend damit verbracht, etwas zum Gucken zu suchen, ohne irgendetwas zu gucken. Drei Streaming-Dienste, zwei öffentlich-rechtliche Programme, vier private Sender, achthundert Serien – und am Ende lese ich ein Buch.
Meine Frau kommt ins Wohnzimmer und fragt: „Und, was Gutes gefunden?” „Achthundert Serien”, sage ich. „Keine einzige davon taugt was.” Sie setzt sich, nimmt mir die Fernbedienung aus der Hand und drückt zweimal. Florian Silbereisen. Sie drückt wieder. Der Krimi. Die Kollegin sagt gerade: „Das ergibt doch alles keinen Sinn.”
Meine Frau nickt langsam und sagt: „Die Frau hat recht.”
Dann schaltet sie den Fernseher aus, klappt ihren Laptop auf und guckt auf YouTube ein dreißig Minuten langes Video, in dem ein Finne schweigend eine Blockhütte baut. Ich setze mich daneben. Wir schauen beide zu.
Es ist das Beste, was wir seit Monaten gesehen haben.
Der Autor hat inzwischen drei Streaming-Abos gekündigt und einen Finnen abonniert.
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