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Die wundersame Bildung des Kevin

Die Glosse von Micha Haudrauf

Neulich scrollte ich abends durch Facebook. Einfach so, zur Entspannung, wie andere Leute fernsehen, nur ungesünder. Dann blieb mein Daumen hängen. Ein Kommentar. Von Kevin. Kevin, den ich seit zwanzig Jahren kenne. Kevin, der mir zu Weihnachten „Frohe Weinachten und ein gutes Neues“ schreibt. Jedes Jahr. Mit Ausrufezeichen nach jedem Wort. Und „Weinachten“ auch jedes Jahr ohne H, verlässlich wie der Weihnachtsmann selbst.

Dieser Kevin also hatte unter einem Beitrag zur Parkplatzsituation in der Innenstadt einen Kommentar verfasst. Sechzehn Zeilen. Fehlerfrei. Mit Semikolon. Ich wiederhole: Kevin hat ein Semikolon benutzt. Der Mann, der „Aldi Sued“ in sein Navi eingeben muss, weil er „Süd“ nicht auf dem Handy findet, setzt plötzlich Semikolons wie ein emeritierter Germanistikprofessor.

Aber damit nicht genug. Kevins Kommentar hatte Struktur. Und zwar eine ganz bestimmte.

Erstens stellte er das Problem dar. Differenziert. Mit Kontext. Und — natürlich — mit diesen langen Gedankenstrichen, die kein Mensch auf einer deutschen Tastatur findet, weil sie da schlicht nicht drauf sind. Kevins bisherige Satzzeichen-Kompetenz endete bei Punkt, Komma, Ausrufezeichen und dem Emoji mit den Tränen. Jetzt setzt er typografische Schmuckstücke, für die man auf einer normalen Tastatur erst mal eine Doktorarbeit in Zeichentabellen bräuchte.

Zweitens beleuchtete er — selbstverständlich — die verschiedenen Perspektiven. Von der Einzelhändlerin über den Radfahrer bis zum Anwohner. Besonders interessant sei dabei, schrieb Kevin, die Wechselwirkung zwischen Verkehrsplanung und lokalem Gewerbe. Besonders interessant. Kevin. Verkehrsplanung. Wechselwirkung. Der Mann sagt „Dings“, wenn ihm „Ampel“ nicht einfällt.

Drittens bot er einen Lösungsansatz an. Und am Ende natürlich dieser Satz. Sie kennen ihn. Dieser warme, gütige, alles umarmende Schlusssatz, bei dem man unwillkürlich die Kirchenglocken läuten hört: „Letztlich sollten wir alle an einem Strang ziehen — denn nur gemeinsam können wir unsere Innenstadt lebenswert gestalten.“ Amen. Das Wort zum Sonntag, vorgetragen von Kevin, vierzig Jahre, Hobbys: Grillen und Borussia Dortmund.

Dazwischen: Weißraum. Luftiger, großzügiger Weißraum, als hätte jemand zwischen jeden Absatz eine frisch gemähte Wiese gelegt. Man scrollt und scrollt, und Kevins Gedanken entfalten sich vor einem wie eine Bundestagsrede, die ausnahmsweise jemand zu Ende geschrieben hat.

Ich scrollte weiter. Sabine hatte unter einem Zeitungsartikel zum Thema Hundesteuer kommentiert. Dreimal drei Punkte. Weißraum. Fehlerfreie Argumentation. Lange Gedankenstriche. „Besonders interessant“ in Absatz zwei. Versöhnlicher Schlusssatz mit Glockengeläut. Sabine, die in unserer WhatsApp-Gruppe konsequent „mus“ statt „muss“ schreibt und „eig“ als vollwertiges Wort betrachtet.

Noch weiter. Thorsten. Thorsten hatte einen eigenen Beitrag verfasst, über die Zukunft des öffentlichen Nahverkehrs in Ostwestfalen. Achthundert Wörter. Absätze wie aus dem Lehrbuch. Lange Gedankenstriche, als würde er sie am Fließband produzieren. „Besonders interessant“ im dritten Absatz. Und der Schlusssatz? „Wenn wir offen und respektvoll miteinander diskutieren, finden wir sicher einen Weg.“ Thorsten, dessen bisheriger längster zusammenhängender Text „Jemand Bock auf Grillen Samstag? Ich kauf Fleisch, ihr bringt Bier“ war.

Kafkaesk: Keiner von ihnen schreibt drunter, dass eine KI das formuliert hat. Weil sie es nämlich gar nicht so sehen. Sie haben ja die Idee gehabt. Die Gedanken waren ihre! Sie haben sie nur kurz, na ja, aufschreiben lassen. Optimieren lassen. Ein bisschen. In Form bringen. Von wem? Na, von so einem Programm halt. Aber der Inhalt, der ist von ihnen. Hundert Prozent. Kevin ist felsenfest überzeugt, dass er diesen Text geschrieben hat. Er hat ihn schließlich abgeschickt. Und vorher hat er bestimmt drübergeguckt. Also mindestens die erste Zeile. Wahrscheinlich hat er sogar genickt dabei.

Nun muss ich gestehen: Ich arbeite selbst viel mit KI. Mir fiel das also sofort auf. Und ich fand es anfangs ehrlich gesagt ziemlich gut. Charmant geradezu. Sexy, wenn man das über Facebookkommentare sagen darf. Endlich keine Grütze mehr und unverständliches Gebrabbel. Endlich Struktur statt Geschrei. Als vor ein paar Wochen der erste Kevin-Kommentar auftauchte, dachte ich: Mensch, guck an. Geht doch. Willkommen in der Zivilisation.

Das war im Juni. Jetzt ist August, und neunzig Prozent meiner Timeline lesen sich wie aus einem einzigen Mund. Derselbe Dreischritt. Derselbe Weißraum. Dieselben langen Striche. Dasselbe „besonders interessant“. Dasselbe Friedensgebet am Ende. Ich scrolle durch mein Facebook und fühle mich wie in einer Parallelwelt, in der sämtliche Einwohner über Nacht denselben Volkshochschulkurs in Rhetorik besucht haben. Lala Land, nur ohne Ryan Gosling und mit schlechterer Musikuntermalung.

Nur: Wenn alle gleich klingen, klingt am Ende keiner mehr. Ich ertappe mich dabei, wie ich den Dreierblock schon nach dem ersten Absatz erkenne und weiterscrolle. Ah ja, gleich kommt Punkt zwei mit „besonders interessant“, und dann Punkt drei mit dem Friedensgebet. Steht unter jedem zweiten Post. Wortwörtlich. Und immer mit diesen verdammten langen Gedankenstrichen.

Das Traurige: Kevins alte Kommentare waren unterhaltsamer. „Parkplätze gibts null und die Stadt pennt!!!!“ war zwar kein Beitrag für die Ewigkeit, aber immerhin wusste man: Da hat sich jemand aufgeregt. Echt aufgeregt. Mit Ausrufezeichen, die von Herzen kamen. Und mit einer Rechtschreibung, die vor Authentizität nur so strotzte.

Ich warte auf den Tag, an dem Kevin unter einem Kommentar schreibt: „Das habe ich selbst getippt. Drei Fehler sind drin. Wer sie findet, kriegt ein Bier.“

Das wäre mal wieder ein Post zum Lesen.

Der Autor hat für diese Glosse drei KI-Abonnements, zwei Gedankenstriche und ein Semikolon verbraucht. Den Schlusssatz hat er selbst geschrieben. Man merkt es an der fehlenden Versöhnlichkeit.

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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