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Bekenntnisse eines zitternden Lokalredakteurs

Oder: Wie ich lernte, die Worte zu fürchten. Eine Glosse von Mich Haudrauf

Es ist Dienstagmorgen, kurz vor neun. Ich sitze hinter meinem Schreibtisch in der Lokalredaktion und starre auf einen blinkenden Cursor. Vor mir liegt der Bericht über das Sommerfest des Landfrauenvereins. Zwölf Zeilen. Harmlos, sollte man meinen. Meine Hände zittern.

Nicht, weil der Kaffee zu stark war. Nicht, weil draußen ein Gewitter tobt. Nein. Ich habe geschrieben: „Die Frauen des Landfrauenvereins servierten selbstgebackenen Kuchen.“

Ich lehne mich zurück. Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn. Irgendwo in den Tiefen des Internets – ich spüre es – erwacht bereits jemand, der diese acht Worte in einen Skandal verwandeln wird. Frauen, reduziert auf ihre Rolle als Kuchenbäckerinnen. Im Jahr 2026. Nicht 1956. Ich höre die Empörung förmlich rauschen, wie einen herannahenden Sturm. Dabei wollte ich doch nur sagen: Die haben Kuchen gebacken. Erdbeertorte. Sehr lecker übrigens.

Früher, in den goldenen Zeiten des Lokaljournalismus, schrieb man einfach auf, was passiert war. Der Bürgermeister hat ein Band durchgeschnitten. Die Feuerwehr hat geübt. Der Schützenkönig kam aus dem Ort. Fertig. Feierabend. Ab zum Stammtisch. Heute sitze ich vor jedem Satz wie ein Sprengstoffexperte vor einem verdächtigen Paket. Welcher Draht ist der richtige? Rot? Blau? Oder ist es egal, weil eh alles hochgeht?

Neulich, die Feuerwehrübung. Ich tippte arglos: „Die Männer der Freiwilligen Feuerwehr probten den Ernstfall.“ Kaum war der Beitrag veröffentlicht, vibrierte mein Handy. Gibt es etwa keine Feuerwehrfrauen?! Dieses systematische Unsichtbarmachen weiblicher Einsatzkräfte ist Teil des Problems! Ich wollte antworten: Doch, gibt es. Zwei sogar. Sehr engagiert. Hatten aber Spätschicht. Aber ich schwieg. Man lernt.

Der Kollege von der Sportredaktion hat mittlerweile einen Nervenzusammenbruch hinter sich. Angefangen hat es mit dem Seniorenwandertag. Er schrieb: „Rüstige Rentner wanderten zum Aussichtsturm.“ Rüstig. Das Wort verfolgt ihn bis heute. Es sei ableistisch, hieß es in dreizehn Zuschriften und einem offenen Brief. Es suggeriere, dass es bemerkenswert sei, wenn ältere Menschen sich bewegen könnten. Er habe damit Vorurteile gegenüber Menschen mit eingeschränkter Mobilität zementiert. Er wollte ihnen doch nur ein Kompliment machen. Die waren wirklich gut drauf, die Rentner. Sind den Berg hochmarschiert wie nichts. Aber das darf man ja offenbar auch nicht mehr sagen.

Ich scrolle durch meinen Entwurf für den Bauernmarkt-Bericht. „Bäuerin Monika Huber verkaufte ihre preisgekrönten Marmeladen.“ Ich halte inne. Markiere. Lösche. Schreibe neu. Lösche wieder. Bäuerin – zu antiquiert. Landwirtin – könnte als überkorrekt ausgelegt werden. Monika Huber – definiere ich sie damit nicht über ihren bürgerlichen Namen, der womöglich ein patriarchales Erbe darstellt? Preisgekrönt – muss Leistung immer über Wettbewerb definiert werden? Ist das nicht typisch kapitalistisches Denken? Am Ende steht dort: „Eine Person bot Konfitüren an.“ Das muss reichen.

Das Schützenfest war besonders heikel. Ich hatte geschrieben: „Schützenkönig wurde dieses Jahr wieder ein Einheimischer.“ Was ich meinte: Der Typ wohnt im Ort. Im Gegensatz zum letzten Jahr, als der Schwager aus Düsseldorf gewonnen hat. Das war damals der große Aufreger beim Frühschoppen gewesen. Lokaler Kontext. Harmlos. Was ankam: Wer definiert hier „einheimisch“? Und warum ist das überhaupt relevant? Unterschwelliger Nationalismus im Lokalteil! Ich habe drei Tage gebraucht, um mich davon zu erholen. Und einen Kasten Spezi.

Manchmal, wenn ich nachts nicht schlafen kann, denke ich über Auswege nach. Der Konjunktiv vielleicht? „Die Feuerwehr soll das Feuer gelöscht haben.“ Niemand kann mir einen Vorwurf machen, wenn ich mir selbst nicht sicher bin. Oder das Passiv? „Es wurde Kuchen serviert.“ Von wem? Keine Ahnung. Ich war nicht dabei. Ich weiß von nichts. Am radikalsten wäre die Kafka-Lösung: Einfach nur noch Einladungen zu Veranstaltungen abdrucken. Ohne Bericht danach. Was passiert ist, bleibt im Dorf. Wie in Vegas. Nur mit mehr Blasmusik.

Es ist jetzt halb elf. Der Cursor blinkt immer noch. Der Bericht über die Kita-Einweihung wartet. Ich hatte geschrieben: „Die kleinen Strolche freuten sich über die neuen Spielgeräte.“ Ich lösche Strolche. Zu kriminalisierend. Ich lösche kleine. Bodyshaming. Ich lösche „freuten sich“. Unterstelle ich damit, dass Kinder permanent fröhlich zu sein haben? Toxic Positivity im Kindergarten?

Am Ende bleibt: „Kinder. Spielgeräte. Neu.“

Der Kollege kommt vorbei, schaut auf meinen Bildschirm, nickt anerkennend. „Wasserdicht“, sagt er. „Das kann keiner falsch verstehen.“ Wir stoßen an. Mit koffeinfreiem Kaffee natürlich. Koffein könnte ja als Drogenverherrlichung ausgelegt werden.

Manchmal frage ich mich, ob das Tragischste an allem nicht ist, dass wir eigentlich nur berichten wollen, dass der TSV sein Sportheim renoviert hat. Ohne die Systemfrage zu stellen, warum der Verein „Turn- und Sportverein“ heißt, obwohl dort seit 1987 niemand mehr geturnt hat.

Aber wissen Sie was? Ich mache weiter. Jeden Tag. Mit zitternden Händen und einem Thesaurus in Griffweite. Weil irgendjemand muss ja berichten, dass Monika Hubers Erdbeermarmelade wirklich ausgezeichnet schmeckt.

Auch wenn ich das so natürlich nie schreiben würde.

Der Autor dieser Glosse bittet darum, sämtliche Interpretationen, Deutungen und Unterstellungen an die Adresse seiner Fantasie zu richten. Er selbst ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits im Zeugenschutzprogramm untergetaucht. Erreichbar ist er unter: Ein-harmloser-Lokaljournalist@bitte-nicht-missverstehen.de

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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