Dufte Typen
Eine Glosse nach Kölnisch Wasser Art von Micha Haudrauf
Es gibt Begegnungen, die vergisst man nicht. Nicht wegen des Gesagten, nicht wegen eines Blickes – sondern wegen der Nase. Weil einem im Fahrstuhl, im Wartezimmer oder an der Käsetheke bei Marktkauf plötzlich eine Duftwolke in die Atemwege fährt, die einen ernsthaft darüber nachdenken lässt, ob man gerade einen allergischen Schock erleidet oder einfach nur neben jemandem steht, der sich heute Morgen nicht eingesprüht, sondern eingeweicht hat.
Parfüm ist eine feine Sache. Dezent aufgetragen, ein Hauch hier, ein Tupfer da, kann es bezaubern. Das Problem ist nur: Dezent ist ausgestorben. Dezent liegt irgendwo zwischen Blinker setzen und Danke sagen auf dem Friedhof der vergessenen Umgangsformen. Was heute zählt, ist Reichweite. Wer sich parfümiert, will nicht riechen. Er will wirken. Und zwar flächendeckend. Im Umkreis von mindestens zwanzig Metern. Wie ein olfaktorischer Sendemast.
Besonders schön wird es in geschlossenen Räumen. Wer schon einmal in einem voll besetzten Linienbus saß, in dem sich drei Generationen Duftphilosophie überlagern – Omas Tosca, Papas Joop und die Tochter mit irgendwas, das nach Zuckerwatte und Benzinkanister riecht -, der weiß: Es gibt Momente, in denen man sich wünscht, die Evolution hätte uns den Geruchssinn einfach erspart.
Dabei sind die gesundheitlichen Nebenwirkungen durchaus real. Kopfschmerzen, Übelkeit, Atemnot bei empfindlichen Menschen. Aber versuch das mal jemandem zu erklären, der gerade mit einer Wolke aus Sauvage die Bäckerei betritt, als würde Johnny Depp persönlich durch die Wüste reiten – nur eben auf dem Weg zu den Rosinenbrötchen.
Man muss das Phänomen verstehen: Der moderne Mensch hat ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körpergeruch. Er traut ihm nicht. Und weil er ihm nicht traut, ballert er dagegen an. Drei Sprühstöße? Lachhaft. Das reicht ja nicht mal bis zur Haustür. Sieben müssen es sein. Mindestens. Dann nochmal zwei in den Nacken, einen auf die Handgelenke, und weil die Flasche eh schon offen ist, auch noch einen in die Jackentasche, den Autositz und vorsorglich den Hund.
Das Ergebnis kennt jeder, der morgens in Lemgo an der Mittelstraße unterwegs ist: Man riecht seinen Mitmenschen, bevor man ihn sieht. Es ist wie ein unsichtbares Frühwarnsystem. Da kommt jemand um die Ecke, und die Nase weiß es dreißig Sekunden vor den Augen.
Früher galt die Faustregel: Parfüm soll entdeckt werden, nicht angekündigt. Wer es richtig macht, den riecht man erst, wenn man nah genug dran ist, um auch geküsst zu werden. Heute riecht man manche Zeitgenossen schon auf der gegenüberliegenden Straßenseite und fragt sich unwillkürlich, ob dort drüben ein Mensch unterwegs ist oder ein wandelnder Duty-Free-Shop.
Wir brauchen eine neue Einheit. Den Nasenkilometer – der Abstand, auf den ein Mensch noch riechbar ist. Wer mehr als fünf Nasenkilometer erreicht, bekommt keinen Zutritt mehr zum Wartezimmer. Wer zehn schafft, ist meldepflichtig.
Bis es soweit ist, bleibt uns nur eins: Durchatmen. Aber bitte flach.
Der Autor besitzt genau ein Parfüm. Geschenkt bekommen, Weihnachten 2014. Füllstand: dreiviertel voll. Er gilt in seinem Umfeld als Minimalist. Oder als Sparfuchs. Je nach Nasenkilometer.
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