Aufrecht rein, gebeugt raus – Ein Abend im Rathaus

Die Glosse von Micha Haudrauf
Es gibt Menschen, die gehen ins Fitnessstudio, um an ihrer Haltung zu arbeiten. Ich gehe stattdessen in Rats- und Ausschusssitzungen. Der Effekt ist derselbe, nur umgekehrt: Ich betrete den Saal als aufrechter, hoffnungsvoller Mensch und verlasse ihn drei Stunden später als seelisch entkernte Ruine mit Presseausweis.
Beim Betreten des Sitzungssaals bin ich noch guter Dinge, geradezu übermütig. Der Kaffee dampft, der Block ist leer, der Stift gespitzt, die Tagesordnung überschaubar: siebzehn Punkte. „Das machen wir bis halb neun“, denke ich mit der Naivität eines Menschen, der Kommunalpolitik noch nie aus nächster Nähe erlebt hat. Ich sitze aufrecht, die Schultern zurück, das Herz weit. Ich glaube in diesem Moment noch an das Gute, an die Sache, an die schlanke, sachliche Debatte. Ein letztes Mal.
Tagesordnungspunkt 1. Ein Ratsmitglied greift zur Beschlussvorlage – jener Vorlage, die vor zehn Tagen verschickt wurde, damit man sie vorher liest. Man liest sie jetzt. Zum ersten Mal. Live. Die Augenbrauen wandern nach oben, als hätte gerade jemand persönlich diese eine überraschende Wendung hineingeschmuggelt. „Also, wenn ich das hier richtig verstehe…“ – nein, tun Sie nicht, aber das klärt sich auch in den nächsten vierzig Minuten nicht. Etwas in mir, ganz klein und leise, macht das erste Knacken.
Was mich dabei rührt: Wir haben ein modernes Ratsinformationssystem. Online. Hochglanz. Dort sollen eigentlich alle Vorlagen liegen, damit jeder – Ratsmitglied, Gast, Journalist – vorbereitet erscheinen kann. Ein digitales Versprechen von Transparenz und Bürgernähe. Nun präsentiert die Verwaltung während der Sitzung stolz eine frische Stellungnahme, die tatsächlich alles Wesentliche klärt. Wunderbar. Nur hat es entweder das zuständige Referat oder die IT- Abteilung dann doch nicht geschafft, dieses Dokument vor Sitzungsbeginn in eben jenes System einzupflegen. So sitzen Gäste und Presse da wie zu einer Überraschungsparty geladen, bei der niemand verraten wollte, wer gefeiert wird. Transparenz ist eben auch eine Frage des Timings. Meine Schultern sinken um einen ersten, vorsichtigen Zentimeter.
Dann das Mikrofon. Ein technisches Wunderwerk, geschaffen, damit auch die Menschen in den hinteren Reihen und auf der Pressebank etwas verstehen. Es wird behandelt wie ein Gegenstand von zweifelhafter Herkunft. Man beugt sich weit weg von ihm, murmelt in Richtung Tischplatte, oder – der Klassiker – man zieht es sich heran, klopft dreimal prüfend darauf („Geht das?“), und redet dann, sobald es geht, in eine ganz andere Richtung. Ich notiere: „… bezahlbaren Wohnraum … irgendwas mit Parkplätzen … [unverständlich] … deshalb dagegen. Oder dafür.“ Große Politik, festgehalten für die Nachwelt. Ich beuge mich unwillkürlich vor, das Ohr nach vorne gerichtet, und merke nicht, dass ich diese gebeugte Haltung heute nicht mehr verlassen werde.
Gelegentlich trägt die Verwaltung vor oder hat einen „Experten“ eingeladen. Was dann folgt, ist keine Präsentation, sondern ein akustisches Beruhigungsmittel: vierzig Folien, an die Wand projiziert und vorgelesen mit einer Stimme, welche Yoga-Apps Konkurrenz macht. Spätestens bei Folie 20 ist die Politik im Saal so weichgekocht, dass man ihr vermutlich auch den Abriss des Rathauses zur Abstimmung vorlegen könnte. Auch Bolle, mein Redaktionshund, hat inzwischen innerlich gekündigt. Er liegt unter der Pressebank, seufzt in regelmäßigen Abständen und schaut mich bei jeder weiteren Wortmeldung vorwurfsvoll an. Ein Hund kann schließlich nicht verstehen, warum Menschen freiwillig so lange über Dinge reden, die längst gesagt sind. Ich zunehmend auch nicht.
Und dann sind da natürlich die Charaktere, ohne die kein Gremium der Welt auskommt. Da ist zunächst der Mann – es ist meistens ein Mann -, der sich beim Reden selbst am liebsten zuhört. Für ihn ist eine Wortmeldung kein Mittel zum Zweck, sondern der Zweck selbst. Er beginnt bei Adam und Eva, macht einen kleinen Abstecher zu den Römern und landet, wenn man Glück hat, gegen Ende beim eigentlichen Tagesordnungspunkt. Er formuliert Sätze, die keinen Anfang zu haben scheinen und ganz sicher kein Ende, und wenn er endlich Luft holt, hält der ganze Saal reflexartig ebenfalls die Luft an – in der trügerischen Hoffnung, er sei fertig. Er ist nie fertig. Ich spüre, wie mit jeder Nebensatzschleife ein weiteres Stück meiner Zuversicht abbröckelt.
Ihm gegenüber sitzt der Pathetiker. Ein feiner Mann, ergriffen von der Bedeutung des Augenblicks. Er hat verinnerlicht, dass er Politik macht, und zwar Große Politik. Dass es hier eigentlich um die Frage geht, ob der Bolzplatz an der Grundschule ein zweites Tor bekommt, ficht ihn nicht an. In seiner Rede schwingt Weltgeschichte mit. Er beschwört „die Verantwortung, die wir hier tragen“, spricht von „einem Signal, das von diesem Saal ausgehen muss“, und man wartet unwillkürlich darauf, dass gleich die Europafahne hereingetragen wird und irgendwo eine Hymne anschwillt. Es geht, ich betone es noch einmal, um ein Fußballtor. Und während er das Signal beschwört, geht in mir leise ein Licht aus.
Es ist ohnehin alles gesagt. Wirklich alles. Von links, von rechts, von der Mitte und von der Verwaltung. Aber – und hier gebe ich innerlich hörbar nach – es ist noch nicht von allen gesagt worden. Und schon gar nicht von diesem Redner hier, der das bereits Gesagte nun in eigenen Worten wiederholt, was ungefähr die gleichen Worte sind, nur langsamer. „Meine Vorrednerin hat ja im Grunde schon alles ausgeführt, aber ich möchte doch noch einmal betonen…“ An dieser Stelle, meine Damen und Herren, betone ich innerlich mit – und mit mir betont sich langsam auch mein Rückgrat aus der Senkrechten hinaus.
Dazwischen gedeihen die kleinen Nebendisziplinen. Ein gutes Drittel tippt mit der Hingabe von Teenagern auf dem Handy, oder auf dem Notebook während der eigene Antrag verhandelt wird, hebt zur Abstimmung aber zuverlässig die Hand – wozu genau, bleibt ein Betriebsgeheimnis. Andere melden sich per Geschäftsordnung zu Wort, nicht um etwas zu sagen, sondern um anzukündigen, dass sie gleich etwas sagen möchten. Und sobald es ernst zu werden droht, ertönt zuverlässig der Fluchtruf der Kommunalpolitik: „Können wir das nicht noch einmal in den Ausschuss verweisen?“ Warum heute entscheiden, was man in drei Sitzungen genauso gut nicht entscheiden kann. Bei jedem dieser Sätze schrumpfe ich ein wenig weiter in meinem Stuhl zusammen.
Ich? Ich sitze auf der Pressebank und tue, wofür ich hier bin: Ich versuche, aus alldem eine verständliche Meldung zu machen. „Rat beschließt Sanierung der Turnhalle“ klingt so schön einfach. Was der Leser nie erfährt, ist, dass zwischen Antrag, Beratung in drei Unterausschüssen und Beschluss eine Turnhalle real hätte errichtet werden können, von Hand, mit den bloßen Händen der Anwesenden, in der Zeit, die die Debatte über die Farbe der Hallendecke in Anspruch nahm. Ich schreibe das auf, und mir ist, als schriebe ich meinen eigenen Nachruf.
Gegen 22:47 Uhr, bei Tagesordnungspunkt 9 von 17, fällt der schönste Satz des Abends: „Ich fasse mich ganz kurz.“ Es ist der Moment, in dem in mir endgültig etwas zerbricht, leise, fast lautlos, wie ein Streichholz. Unter der Pressebank hebt Bolle nicht einmal mehr den Kopf.
Wobei, der Fairness halber: Die Menschen dort vorn machen das ehrenamtlich. Nach Feierabend. Unbezahlt. Während der Rest der Stadt auf dem Sofa sitzt und sich über die Kommunalpolitik beschwert, ohne je in einem Sitzungssaal gewesen zu sein. Das verdient Respekt. Großen sogar. Es erklärt nur nicht die vierzig Minuten für Tagesordnungspunkt 1.
Wenn ich schließlich hinausgehe, bin ich nicht mehr der Mann, der hereinkam. Aufrecht, hoffnungsvoll, voller Glauben an die schlanke Debatte war er – und was von ihm übrig ist, schleicht nun gebeugt, geknickt und innerlich ausgehöhlt durch die Tür, ein Schatten mit Notizblock. Der Rücken krumm, der Blick leer, die Zuversicht dahin. Und doch – und das ist der augenzwinkernde Teil – setzt sich dieser gebrochene Mann noch auf dem Rathausflur wieder halbwegs zusammen. Denn ich komme ja wieder. Nächste Woche. Freiwillig. Mit gespitztem Stift, geradem Rücken und weitem Herzen.
Man muss ja an seiner Haltung arbeiten.
Der Autor ist Journalist und besucht regelmäßig Ratssitzungen. Sein Therapeut nennt das Selbstsabotage.
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