Zwischen Renaissance-Klang, Schüler-Slam und 20er-Jahre-Revue: Das mixTour-Festival bringt Lemgo zum Klingen
Wenn man sich an einem Spätsommertag mit Frank Schreiber, dem Kantor der Lemgoer St. Nicolai-Kirche, im Eiscafé Venezia auf ein Gespräch verabredet, wird schnell deutlich, mit wie viel Leidenschaft und Vorfreude die Festwoche vorbereitet wird. Alle zwei Jahre verwandelt sich Lemgo für eine Woche in eine klingende Bühne. „Alle zwei Jahre setzen wir uns hin und feiern eine Woche Musik“, erzählt Frank Schreiber mit ansteckender Begeisterung. Unter dem diesjährigen Motto „Macht Musik“ spannt das Festival vom 26. September bis zum 4. Oktober 2026 einen weiten Bogen von der Renaissance bis in die Moderne. Getragen wird das Kulturprojekt im engen Schulterschluss von der St. Nicolai- und der St. Marien-Gemeinde, der Stadt Lemgo sowie dem Weserrenaissance-Museum Schloss Brake. Zwar trägt die mixTour traditionsgemäß den Untertitel „Renaissance der Musik“, doch Berührungsängste vor elitärer Klassik muss niemand haben. „Das heißt aber nicht, dass wir nur Renaissancemusik machen. Wir machen alles Mögliche! Es ist ein sehr vielfältiges Festival, es ist nicht genregebunden“, stellt Schreiber gleich zu Beginn klar.
Hinter dem Festival steht ein starkes künstlerisches Doppel: Frank Schreiber leitet die mixTour gemeinsam mit seinem Kollegen Volker Jänig, dem Kantor der Mariengemeinde. Beide teilen sich nicht nur die künstlerische Gesamtverantwortung, sondern stehen auch gemeinsam am Pult: So leiten Schreiber und Jänig das große Eröffnungskonzert am 26. September in St. Nicolai Seite an Seite.

Thematisch widmet sich die Festwoche in diesem Herbst dem hochaktuellen und zugleich zeitlosen Spannungsfeld von „Krieg und Frieden“. Als historische Aufhänger dienen das Jubiläum des Westfälischen Friedens sowie der 350. Todestag des Liederdichters Paul Gerhardt, der die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges selbst miterlebt hat. Doch die Bezüge zur Gegenwart drängen sich unausweichlich auf. „Dass wir uns mit dieser Thematik beschäftigen, ist natürlich sehr davon motiviert durch die Zeit, in der wir jetzt leben“, betont Schreiber nachdenklich. Auf die Frage, was Musik vermag, woran politische Debatten oft scheitern, findet der Kantor eine überzeugende Antwort: „Musik kann sehr, sehr gut Emotionen ausdrücken – viel besser und viel unmittelbarer als Worte. Im Konzert kann man mit der Musik durch die Emotionen durchgehen. Man sitzt da, lässt sich mitnehmen und vollzieht das mit.“
Ein prägendes Merkmal der mixTour sind die historischen Schauplätze und ihre jeweilige akustische Eigenart. „Das ist ein großer Schatz, den wir haben“, schwärmt Frank Schreiber. „Musik aus dieser alten Zeit passt natürlich hervorragend in diese alten Gebäude.“ Die gotische Hallenkirche St. Nicolai etwa eröffnet durch ihren weiten Raum und den tragenden Nachhall spektakuläre Möglichkeiten: „Man kann den ganzen Raum nutzen und sozusagen Surround-Sound basteln, indem man die Gruppen an unterschiedliche Orte stellt. Das matcht dann einfach!“, beschreibt Schreiber das Erlebnis mehrchöriger Barockwerke. Wenn Sänger und Instrumentalisten von verschiedenen Emporen musizieren, entsteht ein dreidimensionales Klangerlebnis. Die Kirche St. Marien wiederum besticht mit ihrer weltberühmten Schwalbennestorgel und einer warmen, intimeren Akustik, die Vokalstimmen wie Instrumenten eine strahlende Klarheit verleiht. Im historischen Rathaus herrscht dagegen eine trockene, unmittelbare Akustik vor, in der jede Nuance eines Textes und jeder Klavieranschlag trennscharf beim Publikum ankommen. Und Schloss Brake steuert mit seiner Renaissance-Kulisse ein dichtes Ambiente bei, das Lesung und Musik atmosphärisch verbindet.
Besonders wichtig ist den Machern, keine reine Expertenveranstaltung zu kreieren, sondern Brücken zu schlagen – insbesondere zur jungen Generation und zu neuen Zielgruppen. Ein zentraler Baustein ist dabei der Poetry Slam „SLAMGO – Mensch, wo soll das alles enden?“ am Mittwoch, 30. September, um 16:00 Uhr auf dem Kirchplatz St. Nicolai. Hier bekommen Schülerinnen und Schüler das Mikrofon in die Hand, maßgeblich unterstützt durch Lehrer Philip Schmidt-Riese von der Lemgoer Gesamtschule sowie Beteiligte des Engelbert-Kaempfer-Gymnasiums. Unter dem bewusst offen gehaltenen Motto verfassen die Jugendlichen eigene Gedichte, Reden, Comedy-Beiträge oder Pamphlete. Das Besondere: Die Texte der Schüler werden unmittelbar mit Texten aus der Renaissance konfrontiert. „Die Idee ist sozusagen herauszuarbeiten, dass die Menschen damals eigentlich die gleichen Sorgen und Ängste hatten wie wir heute“, erläutert Schreiber das Konzept. Beim Blick in die ersten Entwürfe zeigte sich der Kantor positiv überrascht: „Die Texte, die ich bisher kenne, hatten gar nicht so den großen Kriegsbezug. Das waren mehr die Kriege in der Familie, mehr die Konflikte im kleineren Bereich.“ Ein spannender Nachmittag, an dem eine junge Generation mitten im Herzen der Stadt ungeschminkt zu Wort kommt.
Wer es weltlicher und nostalgischer mag, kommt am selben Abend im Rathaus auf seine Kosten: Um 19:30 Uhr verwandelt sich der Ratssaal in eine musikalische Bühne für eine echte 20er-Jahre-Revue unter dem Titel „Macht Musik!“. Auch hier geht es um Krieg und Frieden, allerdings aus dem Blickwinkel der Weimarer Republik und der heraufziehenden 1930er-Jahre. „Wir machen da wirklich eine echte Revue mit Texten und Musik aus der Zeit“, verspricht Schreiber. Das Programm verwebt Lieder und Schriften von Hans Eisler, Paul Dessau bis hin zu Klassikern wie „Lili Marleen“. Durch den Abend führt der bekannte Musikkenner Prof. Joachim Thalmann als Sprecher, Gesangssolistin ist Uta Singer, und an den Tasten sitzen Volker Jänig und Frank Schreiber höchstpersönlich im Duett am Flügel. Ein Format, das beweist, wie packend, zugänglich und geistreich Geschichte aufbereitet werden kann.
Rund zehn Köpfe umfasst das Organisationsteam, doch insgesamt stehen während der Festwoche rund 150 Musizierende auf den Beinen – von engagierten Gemeindechören bis zu überregionalen Profis. Neben der Revue und dem Schüler-Slam warten weitere Höhepunkte: das große Eröffnungskonzert am Samstag, 26. September (19:30 Uhr, St. Nicolai), mit Werken von Schütz und Mauersberger, die Lesung zu Grimmelshausens „Der abenteuerliche Simplizissimus“ mit Meike Rötzer und Cellist Prof. Olaf Reimers auf Schloss Brake (Fr., 02.10., 19:30 Uhr) sowie das Gastspiel der Berliner A-cappella-Stars „German Gents“ am Samstag, 3. Oktober (19:30 Uhr, St. Marien). Letztere sind laut Schreiber der absolute Vorverkaufs-Renner: „Das ist eine der besten A-cappella-Gruppen in Deutschland. Die sind anschlussfähig in beide Richtungen: Die können Klassik genauso wie Pop und Jazz – und sehen auch noch sehr gut aus dabei!“ (Lacht)
Ein persönliches Herzensprojekt Schreibers ist zudem der musikalische Abschlussgottesdienst am Sonntag, 4. Oktober (10:00 Uhr, St. Nicolai). „Ich schreibe gerade ganz viele neue Arrangements für ein kleines Kammerorchester. Es wird eine Mischung aus Populär und Klassik, ein großer Stilmix. Das macht unheimlich Spaß!“, verrät der Kirchenmusiker.
Trotz der schweren Leitfragen soll die Festivalwoche Hoffnung stiften. „Das sind keine Programme, die uns in die Depression reißen“, betont Frank Schreiber. „Bei Paul Gerhardt gibt es immer diesen Hoffnungsschimmer. Wo der seine Hoffnung hernimmt, das ist total beeindruckend.“ Sein Wunsch an die Lemgoerinnen und Lemgoer ist schlicht: „Ich wünsche mir immer, dass die Leute reicher nach Hause gehen, als sie gekommen sind. Erfüllt von dieser tollen Musik und vielleicht mit Gedankenanstößen im Gepäck.“
Dass Lemgo ein solches Ereignis auf die Beine stellen kann, verdankt es neben ehrenamtlichem Engagement und lokalen Unterstützern auch einer besonderen Würdigung: Erstmals greift die renommierte Kunststiftung NRW der mixTour mit einer maßgeblichen Förderung unter die Arme. „Das ist für uns schon ein kleiner Ritterschlag, weil die eigentlich nur die ganz großen Festivals fördern“, freut sich Schreiber sichtlich stolz.
ℹ️ Infobox: mixTour 2026 im Überblick
- Zeitraum: 26. September bis 04. Oktober 2026
- Veranstaltungsorte: u. a. St. Nicolai, St. Marien, Historisches Rathaus Lemgo, Weserrenaissance-Museum Schloss Brake, Marktplatz Lemgo
- Programm & Tickets: Detaillierte Infos zum gesamten Spielplan und Tickets gibt es im Gemeindebüro St. Nicolai (für das Eröffnungskonzert), im Festivalbüro mixTour/MarienKantorei (für alle weiteren Termine) sowie online unter www.mixtour-lemgo.de.
Kultur unterstützen: Spendenkonto für die mixTour
Eine Festwoche mit 150 Mitwirkenden, Gastensembles und intensiver Probenarbeit erfordert große finanzielle und organisatorische Anstrengungen. Wer die mixTour und die Arbeit der Ensembles unterstützen möchte, kann dies über das Spendenkonto tun:
- Empfänger: MarienKantorei Lemgo
- Kreditinstitut: Sparkasse Lemgo
- IBAN:
DE26 4825 0110 0009 8729 46 - BIC:
WELADED1LEM - Verwendungszweck: mixTour
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