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Schicken Sie es ruhig als PDF. Ich habe ja sonst nichts zu tun.

Die Glosse von Micha Haudrauf

Montag, 8:47 Uhr. Der Posteingang blinkt. Eine Pressemitteilung! Von einer Institution, die sich auf ihrer Website „professionelle Öffentlichkeitsarbeit“ attestiert. Ich öffne die Mail. Im Anhang: ein PDF. Dreizehn Seiten. Querformat. In der Schriftart, die man bekommt, wenn man in PowerPoint auf „irgendwas Schickes“ klickt. Ein Foto? Fehlanzeige. Kontaktdaten? Der Absender vertraut bei Rückfragen offenbar darauf, dass ich ihn über Rauchzeichen erreiche. Oder Intuition.

Ich lehne mich zurück und schließe kurz die Augen. Seit drei Jahren erkläre ich auf diesem Portal, wie eine Pressemitteilung aussehen sollte. Ich habe Beiträge darüber geschrieben. Mehrere. Auf Social Media und via Mail habe ich einzeln geantwortet, geduldig, freundlich, in ganzen Sätzen. Ich habe Herzchen druntergesetzt. Ich habe nicht einmal geschrien. Nicht laut jedenfalls.

Die Regeln sind so kompliziert wie ein Kassenbon: Ein Text. In Word. Oder als reiner Text in der Mail. Ein Foto dazu, in einer Auflösung, die nicht aussieht, als hätte man es mit einer Kartoffel aufgenommen. Den Namen desjenigen, der das Foto gemacht hat. Und eine Nummer, unter der jemand ans Telefon geht, der weiß, worum es geht. Vier Dinge. Vier. So viele Ecken hat ein Blatt Papier.

Am Dienstag kommt die nächste. Diesmal als JPEG. Das Foto der Vereinsversammlung steckt direkt im Mailtext, irgendwo zwischen Grußwort und Signatur, komprimiert auf die Größe einer Briefmarke. Der eigentliche Text ist als Screenshot angehängt. Als Screenshot. Jemand hat ein Word-Dokument geschrieben, es fotografiert und mir das Foto geschickt. Ich bin nicht sicher, ob das Kunst ist oder ein Hilferuf.

Donnerstag. Eine Behörde – eine Behörde! – schickt ein PDF mit eingebetteten Bildern in einer Auflösung, die selbst auf einem Gameboy von 1992 Mitleid erregen würde. Im Impressum steht „Foto: Archiv“. Welches Archiv? Das Archiv von Atlantis? Der Pressesprecher ist telefonisch nicht zu erreichen, aber er hat eine Autoreply eingerichtet: Er ist bis Freitag auf einer Fortbildung. Thema der Fortbildung – ich kann mir das nicht ausdenken – „Moderne Kommunikation im digitalen Zeitalter“.

Ich habe mittlerweile ein Bewertungssystem eingeführt. Rein intern, versteht sich. Sterne, wie bei Amazon. Ein Stern: PDF ohne Foto, ohne Kontakt, Betreff lautet „Info“. Zwei Sterne: Es gibt ein Foto, aber es zeigt den Parkplatz vor dem Veranstaltungsort. Drei Sterne: Text als Word-Datei, Foto dabei, aber der Fotograf heißt „Handy“. Vier Sterne: Alles korrekt. Vier Sterne habe ich zuletzt vergeben, als Willy Brandt noch Kanzler war. Grob geschätzt.

Das Kuriose: Die ganze Mühe, die sich niemand macht, wäre ja gar nicht für mich. Eine Mitteilung mit Foto und vollständigem Text ist in zwanzig Minuten online – mit Bild, mit Reichweite, mit Klicks. Das dreizehnseitige Querformat-PDF braucht erst eine archäologische Ausgrabung und dann einen Therapeuten. Wer sich hinterher beschwert, dass der eigene Verein nie in der Zeitung steht, der beschwert sich auch beim Koch über das Essen, nachdem er ihm die Zutaten versteckt hat. Und ein bisschen Respekt gegenüber denen, die die eigene Sache sichtbar machen sollen, wäre auch ganz hübsch. Ich verlange ja keinen Präsentkorb. Eine brauchbare Datei würde mir völlig reichen. Denn ein PDF ist für ein Redaktionssystem ungefähr das, was ein Sofa für ein Treppenhaus ist: Theoretisch kriegt man es rein. Praktisch steht man irgendwann fluchend im zweiten Stock und fragt sich, wer auf diese Idee gekommen ist. Beim Kopieren zerlegt es einem gern Absätze, Zeilenumbrüche und Formatierungen, Bilder müssen separat herausgefummelt werden – und aus einer fertigen Pressemitteilung wird plötzlich ein kleiner Renovierungsauftrag.

Ich habe inzwischen zwei, drei Lieblinge. Stammgäste. Ich antworte jedes Mal höflich, mit der Bitte um einen Reintext oder ein Word-Dokument. Die nächste Mail kommt zuverlässig: als PDF. Gleicher Absender, gleiches Format, gleiche stille Verachtung meiner Hinweise. Beim ersten Mal habe ich ein bisschen geweint. Beim zweiten Mal auch. Beim fünften Mal habe ich angefangen, hysterisch zu lachen, und mein Hund hat den Raum verlassen.

Mittlerweile glaube ich, es ist ein Ritual. Eine Art Beziehung. Sie schicken PDFs, ich schreibe zurück, niemand ändert etwas – wie eine Ehe nach dreißig Jahren, nur mit weniger Kommunikation.

Nächste Woche erkläre ich es übrigens nochmal. Zum sechsten Mal. Ich arbeite an einer Version mit Bildern. Großen Bildern. Vielleicht als PDF.

Der Autor hat sich vorsorglich eine Autoreply eingerichtet: „Bin bis auf Weiteres auf einer Fortbildung. Thema: Gelassenheit.“

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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