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Neuer Tierschutzverein für Lemgo: Stadttaubenhilfe will Population tierschutzgerecht regulieren


Lemgo. Sie gehören zum Stadtbild wie der Wochenmarkt und historische Fassaden, doch ihr Ruf ist denkbar schlecht: Stadttauben. Oft als „Ratten der Lüfte“ verunglimpft und von vielen Bürgern kritisch beäugt, spalten die Vögel die Gemüter. Doch ein neuer Verein in Lemgo will das ändern. Am Marktplatz trafen wir uns mit Maximilian „Max“ Töfs (Gründungsmitglied und zuständig für die Pressearbeit) und René Begemann (Vorstandsmitglied), um über das neu anlaufende Projekt der „Stadttaubenhilfe Lemgo“ zu sprechen. Das Ziel: Ein friedliches und sauberes Miteinander von Mensch und Tier in der Hansestadt.

Nachdem die Idee einer geordneten Taubenhilfe in Lemgo jahrelang eher als unterschwelliges Konstrukt existierte und nicht richtig „zu Potte kam“, (wir berichteten im August 2025) nimmt das Vorhaben nun konkrete Formen an. Der Verein befindet sich aktuell in der finalen Phase der amtlichen Eintragung beim Amtsgericht. Das Wichtigste vorweg: In enger Kooperation mit der Stadt und dem Tierheim Franziskushof steht das Projekt kurz vor dem Start. Noch in diesem Sommer soll ein betreutes Taubenhaus im Innenstadtbereich errichtet werden.


Das „Image-Problem“: Vorurteile und die wahre Herkunft

Warum aber haben Stadttauben einen so schweren Stand? „Das Vorurteil, dass sie Krankheiten übertragen und dreckig sind, stimmt vorne und hinten nicht“, stellt Maximilian Töfs direkt klar. Im Gegenteil: Stadttauben übertragen an sich keine Krankheiten auf den Menschen. Es sind sehr soziale, entspannte und saubere Tiere, die viel Zeit in die Gefiederpflege investieren und treue, lebenslange monogame Partnerschaften führen. Dennoch hält sich das schlechte Image hartnäckig in den Köpfen einiger weniger.

Ein zentraler Punkt, den viele Bürger nicht wissen: Stadttauben sind keine Wildtiere, sondern die Nachfahren verwilderter Haustiere. Vor einigen Jahrzehnten war die Taubenzucht ein Massenhobby. Tiere wurden später ausgesetzt oder zurückgelassen und vermehren sich seitdem unkontrolliert in den Städten. Das Problem hierbei ist ein angezüchteter Brutzwang: „Diesen Vögeln wurde genetisch ein Zwang angezüchtet, sieben bis acht Mal im Jahr Eier zu legen – völlig unabhängig vom tatsächlichen Nahrungsangebot“, erklärt Töfs. Da in der Innenstadt durch Abfälle, Reste vom Wochenmarkt oder achtlos weggeworfene Eiswaffeln und Brötchenkrümel immer ein Minimum an Nahrung zu finden ist, überleben die Tiere und brüten ununterbrochen weiter.


Warum herkömmliches Füttern den Tieren schadet

Obwohl es viele Menschen gut meinen und die Vögel füttern, bewirken sie damit oft das Gegenteil von Hilfe. Das Füttern mit Haushaltsabfällen, Brot oder Haferflocken ist absolut nicht artgerecht. Haferflocken beispielsweise blähen sich im empfindlichen Kropf der Tiere extrem auf und führen zu schweren Verdauungs- und Darmproblemen. „Es stillt zwar kurz das Sättigungsgefühl, bietet den Tauben aber keine verwertbare Energie oder echte Nährstoffe“, so die Tierschützer.

Zudem bindet die wilde Fütterung die Tiere an feste Orte in der Fußgängerzone, wo sie folglich auch verweilen und koten. Das schürt wiederum den Unmut der Bevölkerung. Die Lösung liegt im geplanten Taubenhaus, wo eine artgerechte Körnermischung angeboten wird, um die Tiere aus der Fußgängerzone wegzulocken.


Das Konzept des Taubenhauses: Eine Win-Win-Situation

Das Herzstück der Vereinsarbeit wird das neue Taubenhaus sein, das stadtnah im Innenstadtbereich in der Nähe des Walls aufgestellt wird. Finanziert wird das Haus über Spenden und Mitgliedsbeiträge, gesponsert wird das Gebäude selbst vom Tierheim Franziskushof. Gelder der Stadt fließen hierfür nicht, aber ein Platz wird zur Verfügung gestellt.

Der Standort wird bewusst noch geheim gehalten, um das Projekt vor Vandalismus durch Taubengegner zu schützen. Sobald das Haus steht, werden dort zunächst junge „Pieper“ aus der Zucht befreundeter Brieftaubenzüchter eingesetzt, die keinen Wettflugsport betreiben. Diese Jungtiere dienen als Lockvögel: Da Tauben sehr feine Sinne haben, merken sie schnell, wo es Artgenossen gut geht, wo es trocken ist und wo regelmäßig artgerechtes Futter bereitsteht. So soll die Population schrittweise aus der Innenstadt in das Haus umgesiedelt werden.

Der Alltag im betreuten Taubenhaus sieht vor, dass die Vereinsmitglieder – aktuell ein fester Kern von etwa acht Personen – mindestens einmal, oft auch mehrmals täglich vor Ort sind. Die wichtigste Aufgabe zur Bestandsregulierung ist der Eier-Tausch: Frisch gelegte Taubeneier werden systematisch entnommen und gegen Attrappen aus Plastik oder Gips ausgetauscht. Die Taube brütet friedlich weiter, ohne zu merken, dass ihr etwas genommen wurde, aber die Population wird sanft, stetig und kontrolliert eingedämmt. Dadurch will der Verein verhindern, dass in Lemgo riesige, problematische Schwärme wie in Bielefeld oder Detmold entstehen.


Vorbildliche Zusammenarbeit mit der Stadt Lemgo

Ein großes Lob sprechen die Vereinsgründer der Lemgoer Stadtverwaltung und der Kommunalpolitik aus. „Wir sind mit der Zusammenarbeit eigentlich wunschlos glücklich, alles klappt reibungslos“, berichtet der Verein. Es gebe feste, verlässliche Ansprechpartner und die Stadt unterstützt tatkräftig bei bürokratischen Hürden sowie bei der Beantragung von Vereinsförderungen, was gerade in der Gründungsphase essenziell ist. Man wisse einfach, dass man im Hintergrund ein offenes Ohr hat, wenn in Zukunft einmal Probleme anstehen oder unkompliziert Hilfe (etwa eine Leiter bei einer Rettungsaktion) benötigt wird.


Skepsis gegenüber Spikes und Netzen

Auf die Frage nach klassischen Abwehrmethoden an Gebäuden wie Spikes (Metallstifte) oder Netzen blicken die Tierschützer skeptisch. „Spikes verletzen die Tiere oft massiv, halten sie aber langfristig nicht ab“, erklärt Max Töfs. Häufig nutzen Tauben die Spikes sogar als perfekte Verankerung für ihr Nistmaterial, wie man an vielen Bahnhöfen beobachten kann. Auch Netze bergen Gefahren: Sind die Maschen zu groß (wie bei Fußballtoren oder Gerüstnetzen), verheddern sich die Vögel und verenden elendig. Zudem versuchen Taubeneltern aufgrund ihres extrem stark ausgeprägten Sozialverhaltens selbst unter Schmerzen durch Netze zu schlüpfen, wenn dahinter noch Jungtiere festsitzen. Die einzig nachhaltige Alternative zur Vergrämung ist und bleibt das kontrollierte Taubenhaus.


Herzblut fürs Ehrenamt: Warum gerade Tauben?

Katzen, Hunde oder Delphine haben riesige Communities im Tierschutz – Tauben hingegen fast nie, besonders in kleineren Städten. Genau hier wollten Maximilian Töfs und René Begemann ansetzen. „Ich wollte schon immer mal etwas Gutes für die Gesellschaft tun und aktiv etwas zu meiner Heimatstadt Lemgo beitragen, die ich einfach wunderschön finde“, begründet René Begemann sein ehrenamtliches Engagement. Für beide ist es eine Herzensangelegenheit, eine Community für die oft vergessenen Tiere zu schaffen und als Vermittler zwischen den Bürgern und den Vögeln aufzutreten, um das Zusammenleben in Lemgo positiv zu stärken.

Dass diese Arbeit emotional bewegend ist, zeigen die persönlichen Erfahrungen. René Begemann erinnert sich an eine verletzte Taube, die er privat von der Straße rettete, über zwei Wochen aufpäppelte und die exakt am Tag der Geburt seiner zweiten Tochter völlig genesen in die Freiheit flog. Max Töfs betreut in seinem privaten Schlag unter anderem zwei ehemalige Waisenküken aus einem Detmolder Parkhaus sowie „Handicap-Tauben“, die Angriffe von Greifvögeln oder Katzen überlebt haben und in freier Wildbahn keine Chance mehr hätten. Sie dürfen in einer großzügigen Voliere ihren Lebensabend verbringen.


Wie Bürger jetzt helfen können

Die Stadttaubenhilfe Lemgo betont, dass sie eigenständig und unabhängig vom Verein in Detmold agiert. Damit Lemgoer Bürgern künftig direkt geholfen werden kann, sucht der Verein abseits von Geldspenden aktiv nach Unterstützung. In Kürze wird es möglich sein, offizielle Fördermitgliedschaften abzuschließen. Der Jahresbeitrag soll mit geplanten 20 bis 40 Euro bewusst niedrig und für jeden erschwinglich gehalten werden.

Zudem werden dringend Schlagarbeiter für die täglichen Dienste im Taubenhaus (Reinigung, Eiertausch) sowie Pflegestellen gesucht, die bereit sind, sich im Aufpäppeln verletzter Tiere schulen zu lassen. Wer den Tieren im Alltag helfen möchte, sollte vor allem zwei Dinge beachten: Erstens, das Wildfüttern in der Stadt konsequent unterlassen. Zweitens: Haare aus Haarbürsten oder Fäden nicht achtlos im Freien entspannen. Diese wickeln sich extrem schnell um die Zehen der Tauben, schnüren diese ab und führen zu schweren Verstümmelungen.

In den kommenden Wochen findet eine erste große Mitgliederversammlung statt, um den Aufbau des Taubenhauses und die Dienstpläne zu koordinieren. Der Verein freut sich über jeden, der sich einbringen möchte.


Infobox: Stadttaubenhilfe Lemgo e.V. (i.Gr.)

  • Hauptaufgaben: Tierschutzgerechte Bestandsregulierung durch Eiertausch (Gipseier), Betrieb des betreuten Taubenhauses, medizinische Erstversorgung und Aufpäppeln verletzter Stadttauben.
  • Erste Hilfe bei Fundtieren: Wenn eine Taube apathisch oder reglos auf dem Boden sitzt, sich Menschen extrem nähren können oder sich anfassen lässt, benötigt sie Hilfe. Bitte das Tier vor Ort sichern (z.B. in einem Karton, einer Jacke oder einer Tasche) – im Dunkeln werden die Tiere sofort ruhig. Danach umgehend den Verein kontaktieren.
  • Gesucht werden: Helfer für den Schlagdienst im Taubenhaus, ehrenamtliche Pflegestellen für verletzte Tiere sowie finanzielle Unterstützer und zukünftige Vereinsmitglieder.
  • Kontakt & Information: Interessierte können sich über Instagram (stadttauben.lemgo) oder Facebook (Stadttaubenhilfe Lemgo) melden, um über Termine auf dem Laufenden gehalten zu werden
  • Notfall-Kontakt bei gefundenen Tauben: Nico Diestelmeyer, Telefon: 015560146323, E-Mail: meyerd41@web.de.

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Michael Pitt

Michael Pitt betreibt das Portal Mein-Lemgo seit 2021. Er ist in Lemgo geboren, wohnt direkt am Marktplatz und ist Lemgoer mit Herz und Seele.
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