Vom „Ankommen“ zum Gestalten: Karolin Saak ordnet das Stadtmarketing in Lemgo neu

Seit rund sechs Monaten ist Karolin Saak als Geschäftsführerin von Lemgo Marketing im Amt. In einer Zeit, in der sich Innenstädte im Wandel befinden und digitale Sichtbarkeit über Erfolg oder Misserfolg entscheidet, hat die gebürtige Lemgoerin klare Vorstellungen für die Zukunft der Hansestadt. Ein Gespräch über neue Strukturen, die Macht des Storytellings und das Projekt Eiswelt.
Mein Lemgo: Frau Saak, Sie sind nun seit fast einem halben Jahr im Amt. Was war Ihr erster Eindruck von Lemgo Marketing und welches ist die größte Veränderung, die Sie seither angestoßen haben?

Karolin Saak: Die ersten Wochen waren vor allem durch das „Ankommen“ geprägt. Es war kein ganz linearer Übergang von meinem langjährigen Vorgänger zu mir, da gab es einige Lücken aufzubereiten. Zudem startete direkt die Eiswelt, die meine ersten Monate operativ stark bestimmt hat.
Die größte Veränderung betrifft das Team und die Sichtbarkeit. Wir haben Stellen in der Buchhaltung, im Projektmanagement und im Bereich Social Media neu besetzt. Da mein Hintergrund in der Kommunikation liegt, ist es mir ein großes Anliegen, in den sozialen Netzwerken deutlich mehr „Gas zu geben“. Wir wollen die Attraktivität Lemgos stärker nach außen spielen – und wir sehen bereits, dass Gäste in die Tourist-Info kommen, weil sie unsere Beiträge gesehen haben.
Mein Lemgo: Social Media ist das eine, aber wie erreichen Sie langfristig jüngere Zielgruppen und Touristen, die von weiter weg kommen?
Karolin Saak: Wir arbeiten aktuell intensiv an einem Tourismuskonzept, das gemeinsam mit der Stadt fortgeführt wird. Lemgo hat unglaublich viel zu bieten: Hansestadt, Weserrenaissance, eine tolle Gastronomie. Aber wir müssen kommunikativ eine klare Linie finden. Mein Ansatz ist das „Storytelling“ für spezifische Zielgruppen. Wir wollen nicht nur ein Thema wie „Hanse“ bespielen, sondern individuelle Geschichten erzählen – etwa für Tagesgäste aus der Region oder Kurgäste aus den Nachbarstädten. Ein stärkeres Branding für die Stadtmarke ist hier das Ziel.
Mein Lemgo: Lemgo ist bekannt für seine großen Events. Wie blicken Sie auf Klassiker wie beispielsweise das Strohsemmelfest?
Karolin Saak: Das Strohsemmelfest ist eine absolute Institution und zeigt, wie tief verwurzelt Tradition in Lemgo ist. Solche Veranstaltungen sind das Rückgrat unseres Stadtmarketings. Aber auch hier schauen wir: Wo können wir Partner neu wählen oder Abläufe modernisieren? Wir wollen nicht immer nur sagen: „Das haben wir schon immer so gemacht.“
Das Strohsemmelfest liegt mir als Lemgoerin sehr am Herzen, aber ich habe mich früher oft gefragt: Wo ist eigentlich der Strohsemmel? Deshalb rücken wir das namensgebende Gebäck wieder in den Fokus: In diesem Jahr wird es am Sonntag einen Gemeinschaftsstand der Lemgoer Bäcker auf dem Marktplatz geben, um das Backhandwerk zu zelebrieren. Gleichzeitig straffen wir das Programm, um unsere Teamressourcen zu schonen: Wir konzentrieren uns bei der Live-Musik voll auf den Abteigarten, sodass es auf dem Marktplatz am Freitag und Samstag keine Live-Bühne mehr geben wird.
Es geht darum, einen frischen Wind in die Planung zu bringen, damit diese Feste auch für die nächsten Generationen attraktiv bleiben. Die Vielfalt – vom Kläschenmarkt über das Strohsemmelfest bis hin zum Hanse-Frühstück – ist unser Pfund, mit dem wir wuchern müssen.
Mein Lemgo: Wie wichtig ist in diesem Prozess die Zusammenarbeit mit der Politik und der Stadtverwaltung?
Karolin Saak: Das ist essenziell. Lemgo Marketing versteht sich hier als Bindeglied. Wir müssen wieder ein ganz fester Akteur in der Stadt sein, der ansprechbar ist und Gehör findet. Die Zusammenarbeit mit der Verwaltung ist eng, da viele unserer Projekte – von der Verkehrsführung bei Großevents bis hin zu Förderanträgen für die Innenstadt – nur gemeinsam funktionieren. Ich sehe uns als Sprachrohr für unsere Mitglieder gegenüber der Politik. Mein Ziel ist es, dass man uns als verlässlichen Partner wahrnimmt, der konstruktiv an Lösungen arbeitet, um die Aufenthaltsqualität in Lemgo zu steigern.
Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut und wir fühlen uns gut abgeholt. Lemgo Marketing genießt inhaltlich große Freiheit, etwa bei der Gestaltung von Rahmenprogrammen für verkaufsoffene Sonntage. Auch ist der städtische Zuschuss eine wichtige Säule, um Planungssicherheit für das Team zu haben.
Wir verstehen uns als Stimme für die Händlerschaft und Gastronomie gegenüber der Stadt und pflegen einen kurzen Draht zur Politik, um auch kritische Themen direkt anzusprechen.
Mein Lemgo: Die Innenstadt und Leerstände sind ein Dauerthema. Wo sehen Sie die Stärken, die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft machen?
Karolin Saak: Lemgo ist eine sehr belebte Stadt mit aktiven Akteuren. Schauen Sie sich die Entwicklung in der Breiten Straße an – da ist richtig Power drin. Auch Formate wie die Pop-up-Stores haben gezeigt, dass es Lust gibt, Neues zu wagen. Zudem haben wir mit dem Wochenmarkt einen echten Frequenzbringer. Wichtig ist mir, das Bewusstsein zu stärken: Wer eine lebendige Innenstadt will, muss auch lokal kaufen. Wir wollen den Stolz der Lemgoer auf ihre Stadt wieder mehr wecken.
Mein Lemgo: Ein emotionales Thema ist die Eiswelt. Es gibt Kritik an der Höhe der Subventionen und der Konzentration auf das westliche Ende der Mittelstraße. Wie gehen Sie damit um?
Karolin Saak: Die Eiswelt ist ein massiver Magnet für die Stadt. Ja, sie braucht viele Sponsorengelder und ist ohne diese nicht machbar. Wir nehmen die Kritik ernst, etwa beim Thema Energie. In der letzten Saison konnten wir durch ein neues Steuerungssystem massiv Strom einsparen. Auch wenn manche Händler den Effekt nicht direkt im Laden spüren, war die Auslastung der Bahn enorm. Für die kommende Saison planen wir wieder eine Eiswelt. Ob man zusätzlich weitere Treffpunkte in der Adventszeit, etwa am Marktplatz, schaffen kann, wird intern durchaus diskutiert. Es wäre ja auch eine Gelegenheit für private Initiativen.
Mein Lemgo: Lemgo Marketing ist ein Verein. Warum sollte ein Unternehmer noch heute Mitglied werden?
Karolin Saak: Weil wir eine starke Stimme gegenüber Politik und Verwaltung sind. Wir bündeln die Interessen von Handel, Gastronomie und Hotellerie. Zudem profitieren auch Unternehmen, die nicht in der ersten Reihe sitzen, von einer attraktiven Stadt. Es geht um Lebensqualität für die Mitarbeitenden und deren Familien. Wer Mitglied ist, unterstützt ein Team, das mit Vollgas für den Erhalt dieser Qualität arbeitet.
Mein Lemgo: Wenn wir uns in drei Jahren wieder zusammensetzen: Woran werden die Bürger merken, dass Carolin Saak die Geschäftsführung übernommen hat?
Karolin Saak: Ich hoffe, dass man merkt, dass Lemgo Marketing wieder ein nahbarer Ansprechpartner für alle Akteure ist. Mein Ziel ist es, den Verein als starken Treffpunkt für Kommunikation und Austausch zu festigen. Es geht um eine gewisse Modernität in den Prozessen und die Offenheit für neue Themen, ohne das Bewährte unnötig über Bord zu werfen.
Ein Kommentar: Kommunikation als Schlüssel
Das Gespräch mit Karolin Saak macht eines deutlich: Das Stadtmarketing in Lemgo wird digitaler und kommunikativer. Dass die neue Geschäftsführerin den Fokus auf Social Media und Storytelling legt, ist in Zeiten von Amazon, Facebook, Instagram und Co. kein „Nice-to-have“, sondern überlebenswichtig. Entscheidend wird dabei die enge Verzahnung mit der Politik und Verwaltung sein, um aus guten Ideen auch Taten folgen zu lassen. Ob Strohsemmelfest oder Eiswelt: Die Balance zwischen Tradition und modernem Management wird darüber entscheiden, ob Lemgo seine Strahlkraft in der Region behält. Der „frische Wind“ ist da – nun müssen alle Beteiligten gemeinsam die Segel setzen.
Dass die neue Geschäftsführerin beim Strohsemmelfest „Back to the roots“ geht und das namensgebende Gebäck wieder auf den Marktplatz holt, ist konsequent. Gleichzeitig zeigt die Entscheidung, die Live-Musik auf den Abteigarten zu konzentrieren, einen mutigen Blick auf die eigenen Ressourcen.
Das Thema Eiswelt bleibt das zweischneidige Schwert des Lemgoer Winters. Einerseits ist sie ein unbestreitbarer Publikumsmagnet, der Emotionalität und Frequenz in die Stadt bringt.
Andererseits sorgen die massive Bezuschussung und Bindung von Sponsorengeldern, der hohe Ressourcenverbrauch und die klimatischen Auswirkungen in Zeiten der Nachhaltigkeit für berechtigte Diskussionen. Besonders schwer wiegt, dass sich Teile der Händlerschaft und Gastronomie im Rest der Stadt nicht abgeholt fühlen, da die Strahlkraft oft am Marktplatz endet und weite Teile der Mittelstraße regelrecht verwaisen.
Es ist Zeit, über Alternativen nachzudenken: Ein weihnachtlicher Mini-Treffpunkt am Marktplatz, am Ostertor, Langenbrücker Tor oder dem Waisenhausplatz könnte den Fokus entzerren.
Lemgo braucht in der Adventszeit mehr als nur die Eiswelt – es braucht eine belebte Innenstadt in ihrer gesamten Länge.
Schlussendlich darf man nicht vergessen: Lemgo Marketing kann die Leerstände in unserer Innenstadt nicht allein beseitigen – das ist auch nicht deren primäre Aufgabe. Hier sind die Wirtschaftsförderung, die Städteplanung und die Politik in der Pflicht – vor allem aber wir alle als Gesellschaft: Jeder Einzelne entscheidet mit seinem Handeln darüber, wie lebendig unser Lemgo morgen noch ist.
Kommentar: Michael Pitt



