Die Deutsche Gesichtsstarre: Eine völkerverständliche Anleitung zum gepflegten Leidwesen
Die Glosse von Micha Haudrauf
Es ist Sonntag. Die Sonne gibt sich alle Mühe, die Bega glitzert so penetrant romantisch vor sich hin, dass man fast eine Sonnenbrille für die Seele braucht, und die Cafés servieren Heißgetränke, die mehr kosten als ein gebrauchter Kleinwagen. Eigentlich der perfekte Moment, um die Mundwinkel wenigstens mal auf Halbmast zu hissen, oder?
Falsch gedacht.
Wer am Wochenende durch unsere Gefilde wandelt, könnte meinen, wir befänden uns in der Endrunde der „Weltmeisterschaft im Zitronen-Aussaugen“. Da sitzen Menschen auf Fahrrädern (ein Sport, der Endorphine freisetzen soll!), auf Liegestühlen am Flüsschen und in den Cafes – und schauen drein, als müssten sie gleichzeitig die Relativitätstheorie rückwärts tanzen und eine Steuererklärung für das Jahr 1994 ausfüllen.
Das „German Resting Schicksalsschlag-Face“
Man fragt sich: Ist Lächeln in Deutschland mittlerweile eigentlich genehmigungspflichtig? Braucht man dafür einen Antrag in dreifacher Ausfertigung, der vom Bauamt erst nach Prüfung der statischen Belastbarkeit der Wangenmuskulatur freigegeben wird?
Es scheint eine Art ungeschriebenes Gesetz zu geben: Wer entspannt aussieht, hat die Kontrolle über sein Elend verloren. Ein fröhliches Gesicht in der Öffentlichkeit gilt fast schon als verdächtig. „Guck mal, der lächelt beim Radfahren… Sicher ein Scharlatan. Oder er hat die Kette frisch geölt und freut sich über die geringere Reibung – dieser Hedonist!“
Die Mimik als Festung
Dabei ist das Gesicht eigentlich unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Aber viele nutzen es lieber als Schutzwall. Wir tragen unsere Sorgen wie einen unsichtbaren, bleischweren Rucksack spazieren, und damit der auch ja nicht verrutscht, tackern wir die Mundwinkel sicherheitshalber auf Kinnhöhe fest.
Das Ergebnis? Eine kollektive Gesichtskontrolle, die eher an eine Wartehalle beim Wurzelbehandlungs-Spezialisten erinnert als an eine gemütliche Auszeit am Fluss. Wir schauen so grimmig, dass selbst die Enten auf der Bega kurz überlegen, ob sie nicht lieber in psychologische Beratung gehen sollten.
Die Revolution der Mundwinkel (Kostenlos!)
Dabei ist die Lösung so simpel, dass sie fast schon wieder wehtut: Lächeln.
- Es ist steuerfrei: Lars Klingbeil hat noch keinen Weg gefunden, die „Heiterkeits-Abgabe“ einzuführen. Nutzen Sie das aus!
- Es ist Training: Ein Lächeln aktiviert bis zu 53 Muskeln. Wer also lächelt, betreibt quasi Gesicht-Yoga im Sitzen. Da spart man sich das Fitnessstudio.
- Die Entwaffnungs-Taktik: Nichts verwirrt einen Griesgram mehr als ein strahlendes Gegenüber. Es ist wie ein Lichtschwert-Duell, bei dem man plötzlich eine Discokugel zieht. Der andere weiß gar nicht, wie ihm geschieht, und – zack! – im besten Fall muss er zurücklächeln, nur um die soziale Symmetrie wiederherzustellen.
Ein kleiner Appell an die „Griesgram-Fraktion“
Liebe Mitmenschen, schauen Sie beim nächsten Mal, wenn Sie auf dem Drahtesel sitzen, durch die Stadt oder am Wasser flanieren, kurz in den Rückspiegel oder in die nächste Schaufensterscheibe. Wenn Ihnen da jemand entgegenblickt, der aussieht, als hätte er gerade eine Betriebsprüfung hinter sich, dann korrigieren Sie die Flugbahn Ihrer Lippen.
Ein Lächeln bricht keinen Zacken aus der Krone – es poliert sie höchstens auf. Es öffnet Türen, für die man sonst einen Rammbock bräuchte, und es macht den Sonntag zu dem, was er sein soll: Ein Tag, an dem die Sorgen mal kurz Pause machen dürfen, während das Gesicht Überstunden in Sachen Freundlichkeit schiebt.
In diesem Sinne: Zähne zeigen! Aber bitte die freundlichen. Es kostet nichts, außer ein bisschen Überwindung – und es steht Ihnen verdammt nochmal ausgezeichnet.




