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Die „Hand Gottes“ trägt jetzt Pariser Handschuhe

Eine Glosse von Micha Haudrauf

Es ist wieder soweit: Ganz Fußball-Deutschland befindet sich im kollektiven Schockzustand. Bayern ist raus, Paris ist weiter, und die Welt, wie wir sie kennen, ist in ihren Grundfesten erschüttert. Doch während die internationale Presse den Einzug von PSG ins Finale als „taktische Meisterleistung“ feiert, haben wir Deutschen längst den wahren Schuldigen ausgemacht. Nein, es war nicht die mangelnde Chancenverwertung oder die Tatsache, dass Harry Kane in der 92. Minute plötzlich den Pfosten mit dem Tornetz verwechselte. Es war – natürlich – der Schiedsrichter.

In den sozialen Netzwerken glühen die Drähte. Das „Handspiel-Drama“ wird in Zeitlupen seziert, die selbst einen forensischen Pathologen vor Neid erblassen ließen. Wir Deutschen sind nämlich ein sehr prinzipientreues Volk. Wir lieben Gerechtigkeit. Wir lieben Regeln. Und wir lieben es ganz besonders, wenn diese Regeln exakt so ausgelegt werden, dass wir am Ende gewinnen.

Besonders kurios wird unsere Regeltreue, wenn wir auf die großen Mythen blicken. Nehmen wir Maradonas „Hand Gottes“. Wenn ein Argentinier den Ball mit der Faust ins Netz befördert, während die Engländer danebenstehen wie bestellte und nicht abgeholte Schuljungen, dann klatschen wir uns in die Hände. Das ist kein Betrug, das ist „Schlitzohrigkeit“. Wir feiern das Unkonventionelle, das Freche, den Triumph des kleinen Mannes über das System – solange der „kleine Mann“ ein Trikot trägt, das uns sympathisch ist. In solchen Momenten mutiert der Regelverstoß zur schützenswerten Folklore. Wir lieben den Gauner, der das Schicksal überlistet, und nennen es „Fußballkultur“. Erst wenn der Pariser Verteidiger gestern Abend das Gleiche tut, wird aus dem charmanten Schlitzohr plötzlich ein skrupelloser Spielverderber.

Es ist eine faszinierende Form der „Fußball-Arithmetik“. Wenn ein englischer Ball 2010 klar hinter der deutschen Torlinie aufschlägt und der Schiedsrichter weiterspielen lässt, nennen wir das „späte Gerechtigkeit für Wembley“. Ein Act göttlicher Vorsehung, quasi das Karma-Konto der FIFA, das nach 44 Jahren endlich einen Zinsausgleich vornimmt. Da wird nicht über Technik diskutiert, da wird hämisch gelacht, bis der Doppelpass-Stammtisch wackelt.

Doch wehe, ein Pariser Verteidiger berührt den Ball im eigenen Strafraum mit einer Fingerspitze, während der Mond im dritten Haus steht! Dann mutieren wir schlagartig zu Verfassungsrichtern des Sports. „Skandal!“ hallt es durch das Land. „Wo bleibt der VAR?“, fragen wir mit der Inbrunst eines Bürgers, der gerade jemanden beim Falschparken erwischt hat. In diesen Momenten ist die „Hand Gottes“ kein Geniestreich mehr, sondern ein Fall für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Man muss diese Bigotterie einfach lieben. Wir fordern die klinische Reinheit des Videobeweises, solange er unsere Träume rettet. Aber wehe, der VAR erkennt uns ein Tor wegen einer Zehenspitze im Abseits ab – dann ist der Fußball „seelenlos“ geworden und wir fordern die Rückkehr zur „menschlichen Tatsachenentscheidung“.

Vielleicht sollten wir es wie die Franzosen halten: Die feiern einfach. Während wir noch die Pixel der Handspiel-Szene zählen, bestellen die in Paris schon den Champagner für das Finale in Budapest.

Und in Lemgo? Da schauen wir wahrscheinlich heute Morgen auf die Klickzahlen im Netz und stellen fest: Nichts zieht so gut wie ein ordentlicher Schiedsrichter-Skandal. Denn eines ist sicher: Solange wir verlieren und dem Schiri die Schuld geben können, bleibt die deutsche Fußballwelt zumindest moralisch in bester Ordnung. Wir haben zwar nicht das Ticket für Budapest, aber dafür die moralische Überlegenheit. Und die schmeckt bekanntlich fast so gut wie ein Champions-League-Pott. Fast.

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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