Kürbis, Kerzen, Kirchentür: Warum an diesem Wochenende so viel auf einmal los ist
Am Samstag klingeln Gespenster an der Haustür, in Wittenberg wird an Martin Luther erinnert, am Sonntag stehen auf den Friedhöfen die Grablichter – und in Mexiko feiert man den Tod mit Musik und Zuckerschädeln. Selten drängeln sich so viele Gedenk- und Feiertage auf so wenige Tage. Mein-Lemgo sortiert das Durcheinander: Was steckt eigentlich hinter Halloween, Reformationstag, Allerheiligen, Allerseelen und dem Día de los Muertos?
Samstag, 31. Oktober: Halloween – Grusel mit irischen Wurzeln
Wer glaubt, Halloween sei eine amerikanische Erfindung, liegt nur halb richtig. Der Name ist eine Verkürzung von „All Hallows’ Eve“, also dem Vorabend von Allerheiligen. Die Wurzeln reichen aber noch weiter zurück: Die Kelten feierten um diese Zeit Samhain, das Ende des Sommers und den Beginn der dunklen Jahreshälfte. In dieser Nacht, so die Überlieferung, war die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Toten besonders dünn.
Nach Amerika kam der Brauch im 19. Jahrhundert mit irischen Auswanderern – und mit ihm die Legende vom „Stingy Jack“, einem geizigen Trunkenbold, der den Teufel mehrfach überlistete. Nach seinem Tod wollte ihn weder der Himmel noch die Hölle haben, und so wandert er seitdem mit einem glühenden Stück Kohle in einer ausgehöhlten Rübe durch die Dunkelheit. Richtig gelesen: Rübe. Erst in Amerika wurde daraus der Kürbis, weil der dort reichlich wuchs und sich deutlich besser schnitzen ließ.
In Deutschland ist Halloween noch erstaunlich jung. Richtig Fahrt nahm es erst in den 1990er-Jahren auf. Die gängige Erklärung liefert die Spielwarenbranche gleich selbst: 1991 fielen wegen des Golfkriegs vielerorts Karnevalsumzüge und -feiern aus, die Hersteller blieben auf ihren Kostümen sitzen und warben in den Jahren danach gezielt für ein zweites Verkleidungsfest im Herbst. Ganz uneigennützig ist diese Version natürlich nicht, denn sie stammt von denen, die daran verdienen. Funktioniert hat es trotzdem: Heute ziehen auch in Lemgo am Abend kleine Hexen, Vampire und Skelette um die Häuser.
Ebenfalls am 31. Oktober: Reformationstag – der Tag, an dem Luther (vielleicht) hämmerte
Während die einen Kürbisse schnitzen, denken die anderen an Martin Luther. Am 31. Oktober 1517 schickte der Wittenberger Theologieprofessor seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an Erzbischof Albrecht von Mainz – also gegen die Praxis, sich gegen Geld den Nachlass von Sündenstrafen erkaufen zu können. Dieser Brief ist bis heute erhalten. Das Bild vom Mönch, der seine Thesen mit kräftigen Hammerschlägen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche nagelt, kennt dagegen jedes Schulkind. Ob es sich so zugetragen hat, ist unter Historikern allerdings seit Jahrzehnten umstritten. Sicher ist: Dank des noch jungen Buchdrucks verbreiteten sich die Thesen in Windeseile. Man könnte sagen: Sie gingen viral, lange bevor es das Wort gab.
In mehreren nord- und ostdeutschen Bundesländern ist der Reformationstag ein gesetzlicher Feiertag, in Nordrhein-Westfalen nicht. Nur 2017, zum 500. Jubiläum, hatte ganz Deutschland einmalig frei.
Für Lemgo hat die Reformation eine ganz eigene Geschichte. Als Graf Simon VI. zur Lippe 1605 in seinem Land das reformierte Bekenntnis einführte, stellte sich die selbstbewusste Hansestadt quer und blieb lutherisch. Nach jahrelangem Streit wurde Lemgo das 1617 im sogenannten Röhrentruper Rezess verbrieft. Deshalb ist Lemgo bis heute lutherisch geprägt, während der Rest Lippes überwiegend reformiert ist – Sturkopf mit Tradition, gewissermaßen.
Sonntag, 1. November: Allerheiligen – ein Feiertag für alle, die keinen eigenen haben
Die katholische Kirche kennt unzählige Heilige, und viele haben einen eigenen Gedenktag. Aber eben nicht alle. Für sie gibt es Allerheiligen. Die Idee geht auf das frühe Mittelalter zurück: Anfang des 7. Jahrhunderts weihte Papst Bonifatius IV. das römische Pantheon, einst ein Tempel für alle Götter, zu einer Kirche für Maria und alle Märtyrer. Im 8. Jahrhundert widmete Papst Gregor III. im Petersdom eine Kapelle allen Heiligen und legte das Fest der Überlieferung nach auf den 1. November. Im Jahr 835 machte Kaiser Ludwig der Fromme es auf Bitten von Papst Gregor IV. im ganzen Frankenreich verbindlich.
In Nordrhein-Westfalen ist Allerheiligen ein gesetzlicher Feiertag und zugleich ein sogenannter stiller Feiertag, an dem laute Vergnügungen eingeschränkt sind. Dieses Jahr fällt er allerdings auf einen Sonntag – einen zusätzlichen freien Tag gibt es also nicht. Pech gehabt.
Montag, 2. November: Allerseelen – Lichter für die Verstorbenen
Gilt Allerheiligen den Heiligen, so ist Allerseelen allen Verstorbenen gewidmet. Eingeführt hat den Gedenktag Abt Odilo von Cluny im Jahr 998, zunächst für die ihm unterstellten Klöster; von dort aus verbreitete er sich in der ganzen Kirche. Der Gedanke dahinter: Die Lebenden beten für die Seelen der Toten.
Weil Allerseelen kein Feiertag ist, gehen viele Familien schon am Nachmittag von Allerheiligen auf den Friedhof. Die Gräber werden geschmückt, und am Abend leuchten die roten Grablichter – früher „Seelenlichter“ genannt. Wer an diesen Tagen bei Dunkelheit über einen Friedhof geht, erlebt ein stilles, fast tröstliches Lichtermeer.
Und die Protestanten? Sie haben ihren eigenen Totengedenktag: den Ewigkeitssonntag, auch Totensonntag genannt, am letzten Sonntag vor dem Advent. In diesem Jahr ist das der 22. November.
1. und 2. November in Mexiko: Día de los Muertos – Party mit den Ahnen
Ganz anders, und doch eng verwandt, gehen die Mexikaner mit dem Tod um. Beim Día de los Muertos, dem Tag der Toten, wird nicht still getrauert, sondern gefeiert. Die Vorstellung: In diesen Tagen kehren die Seelen der Verstorbenen für einen Besuch zu ihren Familien zurück. Am 1. November werden traditionell die verstorbenen Kinder erwartet, am 2. November die Erwachsenen.
Für den Besuch wird ordentlich aufgetischt. Zu Hause entstehen bunte Altäre, die „Ofrendas“, mit Fotos der Verstorbenen, Kerzen, ihrem Lieblingsessen und manchmal auch ihrem Lieblingsschnaps. Leuchtend orangefarbene Studentenblumen, die „Cempasúchil“, sollen den Seelen mit ihrem Duft und ihrer Farbe den Weg weisen. Dazu gibt es Zuckerschädel und das süße „Pan de Muerto“, das Brot der Toten. Die Bräuche verbinden Traditionen der Azteken und anderer indigener Völker mit dem katholischen Allerheiligen und Allerseelen, das die Spanier mitbrachten. Seit 2008 steht der Día de los Muertos auf der Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO.
Die berühmteste Figur ist „La Catrina“, ein elegant gekleidetes Skelett mit ausladendem Federhut. Ihr Vorbild schuf der Grafiker José Guadalupe Posada um 1910 als „La Calavera Garbancera“ – eine bissige Satire auf Mexikanerinnen, die ihre Herkunft verleugneten und sich so europäisch-vornehm gaben wie die Oberschicht. Ihren heutigen Namen und ihr festliches Kleid bekam sie erst 1947 vom Maler Diego Rivera, der sie in ein berühmtes Wandbild aufnahm. Die Botschaft ist geblieben: Unter der Haut sind wir alle gleich, egal wie teuer der Hut ist.
Kurios: Die große Parade mit riesigen Skelettfiguren, die heute durch Mexiko-Stadt zieht, gibt es erst seit 2016. Vorbild war ausgerechnet ein Film – die Eröffnungsszene des James-Bond-Streifens „Spectre“ zeigte 2015 einen solchen Umzug, den es damals in Wirklichkeit gar nicht gab. Die Touristen kamen trotzdem und wollten ihn sehen. Also hat man ihn kurzerhand erfunden. Wenn das mal keine Pointe ist.
Und was bleibt?
Keltisches Erntefest, irischer Rübengeist, Luthers Thesen, die Heiligen, die Toten und tanzende Skelette in Mexiko: So unterschiedlich die Bräuche sind, sie kreisen alle um dieselbe Frage, wie wir mit Vergänglichkeit, Erinnerung und der dunkler werdenden Jahreszeit umgehen. Die einen gruseln sich, die anderen beten, die nächsten feiern. Und manchmal macht man in derselben Familie alles drei an einem Wochenende.
In diesem Sinne: Fröhliches Gruseln, ein besinnliches Allerheiligen – und vielleicht ein Grablicht mehr für jemanden, den man vermisst.
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