Totgesagte leben länger: 6 Monate „Friesenstube“ – Wie zwei Lemgoer Quereinsteiger eine (Kult)-Kneipe wachküssten
Lecker Lemgo – Essen & Trinken | Ein Gastroführer Teil 7: Die ‚Friesenstube‘
Lemgo. Sie ist eine Institution an der Mittelstraße 124, schräg gegenüber des Lippegarten: Die Friesenstube. Generationen von Lemgoern haben hier ihr Feierabendbier getrunken, gelacht und politisiert, bevor es um die Traditionskneipe ruhiger wurde. Doch seit knapp einem halben Jahr weht ein frischer, aber herrlich vertrauter Wind durch die Räume. Jochen Köster (42, Immobilienmakler und Eismann-Handelsvertreter) und Anar Zeynalov (43, Hardwareentwickler und Elektroingenieur) haben als blutige Gastro-Anfänger das Ruder übernommen. Gegründet als JK & AZ Events GbR wagten die beiden Kumpels, die sich seit über 20 Jahren kennen, den Sprung ins kalte Kneipenwasser.
Wir haben uns mit den beiden neuen Wirten auf dem Marktplatz zusammengesetzt, um bei einer kleinen Brise Lemgoer Alltag ein ehrliches, humorvolles und verdammt leckeres Halbjahres-Fazit zu ziehen. Ein Gespräch über fliegende Toiletten-Einsätze, das Comeback des Soleis und das ungeschriebene Gesetz des Tresens.

Mein Lemgo: Hand aufs Herz nach fast einem halben Jahr als Kapitäne der Friesenstube: Ist das Gastro-Leben so, wie ihr es euch erhofft habt, oder gab es Momente, in denen ihr dachtet: „Warum verdammt haben wir uns das angetan?“
Jochen Köster: (lacht) Da triffst du direkt den Nagel auf den Kopf! Ich gebe offen zu: In der ersten Zeit stand ich manchmal am Zapfhahn und dachte mir beim Blick in die Runde: „Wieso machst du das eigentlich nebenbei?“ Eine Kneipe zu führen, stellen sich viele Leute von außen viel einfacher vor, als es tatsächlich ist. Das ist ein vollwertiges Unternehmen mit allem Drum und Dran – inklusive Buchhaltung und Orga. Aber das Schöne ist: Es hat sich alles stabilisiert, wir haben ein tolles Mitarbeiter-Team aufgebaut und es macht einfach riesigen Spaß.
Anar Zeynalov: Wir haben uns das damals im Vorfeld wirklich sehr gut überlegt. Die Idee, mal ein zweites Standbein aufzubauen, war schon immer da. Als sich die Gelegenheit mit der Friesenstube ergab, haben wir gesagt: „Komm, wir machen das jetzt!“ Dass es in der Gastronomie nicht einfach wird, war uns klar, aber dass es jetzt so genialen Anklang findet und die Gäste da sind, freut uns riesig.
Mein Lemgo: Was war denn in den ersten sechs Monaten die größte Überraschung? Was lief auf Anhieb besser als gedacht und wo musstet ihr hart nachjustieren?
Jochen Köster: Die größte Überraschung war eigentlich der Start selbst. Wir haben eröffnet und der Laden lief vom ersten Tag an unfassbar gut. Wir hatten echtes Glück, dass die Lemgoer das sofort so toll angenommen haben – die Hütte war voll und dieser Zuspruch hält bis heute an den Wochenenden an.
Anar Zeynalov: Und weißt du, worüber wir uns im Vorfeld die meisten Sorgen gemacht haben? Das Zapfen! Wo stehen die Gläser? Wie werden wir im Stress schnell genug? Am Ende hat sich das alles super eingespielt, wir haben die Abläufe für uns optimiert und ich habe von den Gästen sogar schon Komplimente für mein gutes Zapfen bekommen! Was anstrengender war, war eher der ganze Bürokratie-Kram, Formblätter und die Website-Präsenz.
Mein Lemgo: Ihr seid seit über 20 Jahren eng befreundet. Wie läuft der Alltag als Duo im stressigen Kneipenbetrieb? Sitzt jeder Handgriff blind oder fliegen auch mal die Fetzen?
Jochen Köster: Mittlerweile sitzt das blind. Am Anfang war es natürlich ein Reinkommen: Wie gestalten wir die Einkäufe? Was geht an Getränken überhaupt wie schnell raus? Aber wenn du das tagtäglich machst, hast du den Dreh schnell raus.
Anar Zeynalov: Wir stehen ja immer noch am Anfang unseres Weges, aber wir haben uns richtig gut eingeschwungen. Das Wichtigste ist: Wir reden ständig miteinander. Wir sind seit über zwei Jahrzehnten Freunde, wir kennen uns in- und auswendig, wissen genau, wie der andere tickt und was wir uns anvertrauen können. Deshalb klappt das ohne große Streitereien.
Mein Lemgo: Kommen wir mal zum Publikum. Bisher war die Friesenstube ja eher für ein reiferes, gesetzteres Publikum bekannt – sagen wir mal die Generation 50, 60, 70. Inzwischen sieht man bei euch eine ganz neue Mischung. Wie erlebt ihr diesen Spagat zwischen Alt und Jung am Tresen?
Anar Zeynalov: Das ist sogar eine der schönsten Sachen überhaupt bei uns. Die älteren Kunden sind unser fester, treuer Bestandteil, über den wir uns wahnsinnig freuen. Aber es kommen eben auch immer mehr junge Leute rein. Und weißt du was? Die feiern das total! Wenn wir die Rockmusik der 80er auflegen, stehen die Jungen und die Älteren zusammen am Tresen. Die Jungen sagen uns, wie cool die Atmosphäre ist, auch weil sie sich von den älteren Stammgästen ein paar coole Sprüche drücken lassen können. Dieses generationenübergreifende Wohlfühlen ist genau das, was wir wollten.

Jochen Köster: Ein absoluter Magnet dafür ist auch unser „bierbegleitendes Essen“. Wir haben das klassische Solei wieder eingeführt. Früher standen diese Gläser in jeder Kneipe auf der Theke, heute gibt es das kaum noch. Viele junge Leute kennen das Solei nur noch aus den Erzählungen von ihrem Opa. Die kommen jetzt extra rein und sagen: „Hier gibt’s Solei? Das muss ich probieren!“ Das kommt fantastisch an. Genau wie unsere Frikadellen, die frisch zubereitet werden. Das ist einfach ehrliches Kneipen-Essen zum Bier. Und wer richtig Hunger hat, bekommt ein deftiges Schnitzel mit Bratkartoffeln.
Mein Lemgo: Da blutet mir nun das Herz, dass wir das Interview auf dem Marktplatz und nicht bei euch am Tresen mit einem Solei vor der Nase führen. Aber noch mal zu den Stammgästen: Die Friesenstube ist ein geschichtsträchtiger Name. War es für euch sofort klar, dass der Name bleiben muss?
Jochen Köster: Absolut. Viele Stammgäste kamen sofort am ersten Tag wieder, als wir aufgeschlossen haben. Es kamen aber auch viele Lemgoer zurück, die jahrelang nicht mehr hier waren, weil ihnen unser Konzept und unsere Art gefällt. Für uns war von vornherein klar: Wir behalten den alten Namen Friesenstube, denn den kennt in Lemgo einfach jeder. Die Leute erzählen sich in der Stadt weiter: „Geht mal wieder in die Friesenstube, da ist es richtig gemütlich.“ Der neue Wind ist also ein sehr freundlicher Wind.
Anar Zeynalov: Die Leute sind positiv überrascht von uns und wir bekommen super viel Zuspruch. Unser Bier läuft fantastisch und wir hören oft den Spruch: „Egal wie das Wetter ist, ich komme mit dem Fahrrad zu euch, weil bei euch die Temperatur vom Bier einfach exakt so stimmt, wie ein frisch Gezapftes schmecken muss.“ Das ist für uns als Kneiper das größte Kompliment. Im Februar hatten wir zum Beispiel ein Kölsch-Angebot zum Karneval mit den klassischen Kränzen (traditionell 11 Kölsch, Anmerkung der Red.) . Das lief so gut, dass das Kölsch seitdem ein echter Renner geblieben ist.
Mein Lemgo: Ihr habt das Wort „Events“ im Firmennamen stehen. Was habt ihr denn in der nächsten Zeit noch so in der Schublade?
Jochen Köster: Der Grundgedanke bei der Gründung war tatsächlich, dass wir uns als Friesenstube auch mal bei Events außerhalb präsentieren oder selbst etwas auf die Beine stellen. Das lassen wir aber ganz entspannt auf uns zukommen. Was aber feststeht: Die Friesenstube feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Jubiläum, wenn man vom Gründungsjahr 1986 ausgeht. Sobald wir die ersten großen Sommer-Wochenenden hinter uns haben und alles komplett eingeschliffen ist, wollen wir dieses Jubiläum ganz in Ruhe mit einem speziellen Angebot aus Musik und Essen feiern. Ein Schritt nach dem anderen.
Mein Lemgo: Jetzt mal Butter bei die Fische. In Lemgo wird ja traditionell viel geredet, wenn sich in einer Kult-Location was tut. Was war das absurdeste oder lustigste Gerücht, das euch in den letzten sechs Monaten zu Ohren gekommen ist?
Anar Zeynalov: (lacht) Na ja, wir sind als blutige Anfänger gestartet und die ersten Tage waren für uns natürlich auch ein bisschen holperig, das haben die Leute uns auch angesehen. Da hieß es am Anfang scherzhaft: „Oh Gott, schaffen die das? Kriegen wir hier jetzt englisches Bier?“ Das hat sich zum Glück nach einer Woche gelegt. Aber manche wetten heute noch, wann wir wegen der Doppelbelastung aus Hauptjob und Kneipe zusammenbrechen.
Jochen Köster: Das Schöne ist einfach, dass wir aus Lemgo kommen. Wenn du von auswärts kommst und hier eine Kneipe aufmachst, ist es immer schwerer. Man kennt uns einfach aus dem Stadtbild, man hat mit den Leuten schon mal am Wochenende irgendwo ein Bier getrunken, bevor wir den Laden übernommen haben. Die Lemgoer sehen, dass wir uns reinknien, sympathisch rüberkommen und uns für die Gäste Zeit nehmen. Bis jetzt hören wir wirklich nur Gutes.
Mein Lemgo: Als Wirte seid ihr ja auch immer ein bisschen Seelsorger und Psychologen. Über welche Themen wird in Lemgo am Tresen aktuell am heißesten diskutiert – und bei welchem Thema schaltet ihr lieber auf Durchzug?
Anar Zeynalov: Ganz großes Thema in den letzten Monaten war die neue Gestaltungssatzung der Stadt, speziell das Thema Ampelschirme. Da bringen die Kunden die Zeitung mit an den Tresen und diskutieren heftig, ob die Stadt überhaupt den Unterschied zwischen einem normalen Schirm und einem Ampelschirm kennt. Oft geht es darum, dass Entscheidungen über die Köpfe der Betroffenen hinweg getroffen werden. Wo ich aber ganz bewusst wegschalte, ist, wenn die Gespräche mit steigendem Alkoholkonsum in zu negative, parteipolitische Richtungen abdriften. Da gilt das alte Kneipergesetz: Politik und Religion bleiben draußen, ich zapfe dann einfach schweigend das nächste Bier.
Jochen Köster: Bei mir wird auch viel allgemein über die Lemgoer Gastronomie geredet. Wenn da über andere Mitbewerber gesprochen wird – egal ob positiv oder negativ –, halte ich mich komplett raus. Für mich sind das alles Kollegen, mit denen man vielleicht irgendwann mal zusammen ein Event macht. Wir sind in Lemgo letztlich alle ein Team und ich hoffe, das bleibt auch so.
Mein Lemgo: Was war denn in diesem ersten halben Jahr eure absolute Taufe – die härteste, aber vielleicht auch genialste Schicht für euch und das Team?
Jochen Köster: Definitiv der 1. Mai wo Lemgo ‚ein Fass aufmacht‘! Wir wussten im Vorfeld überhaupt nicht, was auf uns zukommt, obwohl man früher ja selbst am 1. Mai in der Stadt feiern war und wusste, dass überall die Hütte brennt. Aber es selbst zu managen, das Personal zu planen und die Mengen zu kalkulieren, war eine echte Herausforderung. Dank unseres Getränkehändlers, der uns mit seiner Erfahrung super unterstützt hat, lief es aber genial.
Anar Zeynalov: Unsere allererste Feuertaufe war aber auch „Lemgo Live“ kurz nach der Eröffnung im Februar. Da sind wir zum ersten Mal an unsere absoluten Grenzen gekommen und haben gesehen, wie voll dieser Laden sein kann. Stress gehört dazu, aber richtig anstrengend wird es dann, wenn mitten im größten Trubel plötzlich die Toilette verstopft ist und du dich im dichten Gedränge auch noch darum kümmern musst. Oder wenn du am 1. Mai dreimal die Außentische umstellen musst, weil irgendwem von der Stadt etwas nicht passt. Das sind so Sachen, die den Stresspegel unnötig hochjagen.
Mein Lemgo: Umso schöner, dass ihr heute darüber lachen könnt. Schauen wir nach vorne: Der Sommer steht vor der Tür. Wie wollt ihr das Geschäft draußen beleben und wie viel Platz habt ihr eigentlich genau für die Lemgoer?
Anar Zeynalov: Wir haben uns eine richtig schöne Außenterrassen-Bestuhlung besorgt und versuchen, das vorne an der Mittelstraße immer einladend zu gestalten, untermalt von leiser Lounge-Musik im Hintergrund. An Feiertagen wollen wir draußen auch mal Specials machen, einen Getränkestand oder einen Würstchengrill aufbauen. Das ist natürlich extrem wetterabhängig – unser Plan für Vatertag ist ja leider sprichwörtlich ins Wasser gefallen.
Jochen Köster: Drinnen haben wir Platz für 42 gemütliche Sitzplätze. Dazu kommen etwa 11 klassische Thekenplätze, wie man das von früher kennt. Und hinten im Hof haben wir noch unseren gemütlichen Biergarten mit vier Tischen und 16 Plätzen. Wir wollen uns auf jeden Fall auch an den großen Lemgoer Stadtveranstaltungen beteiligen und überlegen schon, was wir zu Weihnachten Schönes einbringen können.
Mein Lemgo: Zum Abschluss: Wenn ihr eine Schlagzeile über euer erstes halbes Jahr Friesenstube für Mein Lemgo diktieren dürftet – wie würde sie lauten?
Jochen Köster & Anar Zeynalov: (überlegen kurz und lachen, Anar prustet: BESTE Kneipe!) Das ist gar nicht so einfach, wenn man mitten am Anfang steht. Aber mit einem Augenzwinkern würden wir sagen: „Die Friesenstube – Lemgos Kult-Kneipe erfolgreich zum Leben erweckt!“
Unser Eindruck
Jochen Köster und Anar Zeynalov beweisen nach sechs Monaten eindrucksvoll, dass Leidenschaft, ein kühles Bier, ehrliche Frikadellen und vor allem eine gehörige Portion Lemgoer Herzblut ein gutes Rezept sind, um ein Stück Stadtgeschichte erfolgreich fortzuschreiben. Wer also Lust auf ein frisch gezapftes KöPi oder Kölsch, ein legendäres Solei und ein gutes Gespräch von Tresen zu Tresen hat, ist in der Mittelstraße 124 goldrichtig – egal, ob mit 25 oder 75 Jahren. Auf die nächsten sechs Monate, Jungs!
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