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Wenn die Altstadt grün wird: Was alles hinter dem Lemgoer Schützenfest steckt

Ein Blick hinter die Kulissen der Schützengesellschaft Lemgo e.V. – über 25.000 Stunden Ehrenamt, Bürokratie im Verborgenen, ungeschriebene Gesetze und Momente, die Gänsehaut garantieren

LEMGO. Wenn Ende August am Festwochenende die Marschkapellen durch die historischen Gassen der Hansestadt ziehen, die Anzüge der Schützen sitzen, das Bier kühl fließt und Tausende Zuschauer am Straßenrand den bunten Umzügen zujubeln, wirkt ganz Lemgo wie eine perfekt choreografierte Kulisse. Die Stimmung ist gelöst, das Festzugbild prachtvoll. Doch was der Bürger am Straßenrand sieht, ist nur die glänzende Spitze eines gewaltigen organisatorischen Eisbergs.

Wer ahnt schon, wie viele schlaflose Nächte, wie viel Bürokratie, Herzblut und unzählige Arbeitsstunden nötig sind, bevor überhaupt die erste Musiknote ertönt? Wir haben uns mit dem Planungsteam der Schützengesellschaft Lemgo e.V. getroffen – mit Oberst Jörg Mayer, Oberleutnant Peter Lüssem (2. Kompanie) und Schriftführer Wilfried Thiel (1. Kompanie) -, um genau das herauszufinden.

Der 25.000-Stunden-Marathon: „Nach dem Fest ist vor dem Fest“

Wer glaubt, dass die Schützenbrüder nach dem großen Umzug erst einmal monatelang die Beine hochlegen, irrt gewaltig. Für das Organisationsteam gibt es im Grunde keine Sommerpause. „Das Jahr fängt eigentlich direkt nach dem Fest an“, bringt es das Team auf den Punkt. „Am 1. September – oder am 31. August noch direkt auf dem Umzug selbst – werden bereits die ersten Gespräche und Verhandlungen für das nächste Schützenfest geführt.“

Was da im Stillen anläuft, wächst rasch zu einer gigantischen Logistikmaschinerie heran. Das Bataillons-Planungsteam, das sich um das Gesamtrahmenwerk außerhalb der vier Kompanien kümmert, umfasst 20 Köpfe. Hinzu kommen die Strukturen in den Kompanien selbst: In der 2. Kompanie sitzt beispielsweise allein ein rund 12-köpfiger Vorstand an der internen Detailarbeit.

Rechnet man die regelmäßigen Sitzungen, unzählige E-Mails, Telefonate und die kurzen Absprachen zusammen, die man mal eben auf der Mittelstraße trifft oder per WhatsApp klärt, stößt der Aufwand in gewaltige Dimensionen vor:

Da bist du pro Kopf schnell jenseits der 200 Stunden nur für das Schützenfest. Rechnet man alle Helfer zusammen, die in den Kompanien, beim Aufbau, beim Schmücken und während des Festes selbst aktiv sind, kommt man auf eine schwindelerregende Zahl: 20.000 bis 25.000 Ehrenamtsstunden fließen von den Vereinsmitgliedern während der zwei Jahre Vorbereitung in die vier Tage Schützenfest.!“

Die Komplettvergabe der Organisation an eine externe Eventagentur? Völlig ausgeschlossen. „So etwas kannst du nicht extern vergeben. Da steckt soviel Insider Wissen und gewachsenen Tradition drin, das musst du leben“, stellt die Runde klar.

Eine wesentliche Änderung gegenüber den Corona-Jahren: Es gibt wieder einen Festwirt, eigentlich sogar zwei: „Juppy“ Nawrot & Dirk Mesch von der ALL INN Event GmbH. „Dadurch hat sich der Aufwand für die Schützengesellschaft wirklich reduziert“, erklärt Mayer. „Alles, was mit Bespaßung, Getränken, Musik und Festzelt zu tun hat – die Hardware sozusagen – darum brauchen wir uns nicht mehr zu kümmern.“

Nach Corona war das anders. 2022 mussten die Schützen vieles selbst organisieren – „aus der Hüfte geschossen“, wie Mayer es nennt. Keine Festzelte, kaum Kapellen, kein Personal. „Die Veranstalter waren alle personell ausgedünnt. Das große Zelt wurde seinerzeit auf den letzten Drücker vom damaligen Festwirt abgesagt. Es war im Prinzip für uns wirklich ein Neuanfang mit allem.“

Medaillen, Urkunden und der tägliche Paragrafendschungel

Ein riesiger Teil der Arbeit findet weitab von Marschmusik und Festzelt am heimischen Schreibtisch statt. Wilfried Thiel verbringt in den heißen Phasen täglich zwei Stunden vor dem PC, um E-Mail-Berge abzuarbeiten. Brauereiverträge müssen verhandelt, Festwirte gebunden und komplizierte GEMA-Abrechnungen fristgerecht erledigt werden.

Hinzu kommt eine peinlich genaue Aktenführung, denn im Hintergrund wartet eine enorme Fleißarbeit. Das Team durchforstet dafür Hunderte von Karteikarten, um lückenlos zu ermitteln, welche Mitglieder in diesem Jahr ein großes Jubiläum für 25, 40, 50, 60 oder sogar 70 Jahre Vereinstreue feiern. Parallel dazu müssen die entsprechenden Orden und Ehrennadeln geprüft und nachbestellt werden. Für das aktuelle Fest wurde vom Vorstand sogar ein ganz neuer Verdienstorden am Band entworfen, dieser wird beim Festakt übergeben.

Auch das gesamte Protokoll erfordert höchste Präzision: Von den exakten Gästelisten für den offiziellen Empfang im Rathaus über die Einladungen an Persönlichkeiten der Stadt bis hin zur Betreuung der ehemaligen Könige und Königinnen muss jeder Schritt sitzen. Die Zeremonie der Übergabe der Schützenkette beispielsweise und die Grußrituale des Festaktes werden bei Hauptmann Frank Brinkmeier (3. Kompanie) auf dem Parkplatz hinter seinem Haus Wochen vorher nochmal penibel geübt.

Sieht aus wie ‚Hobby-Marschiering‘, ist aber eine wichtige Auffrischung vor dem Fest. Foto: mein-lemgo

Gleichzeitig läuft der behördliche Hürdenlauf an. Bereits im Januar starten die ersten Anträge bei der Stadtverwaltung, bevor im Juni die große Abstimmungsrunde folgt. Hier sitzen die Schützen mit allen städtischen Abteilungsleitern, der Feuerwehr und der Polizei an einem Tisch, um Straßensperrungen, Rettungswege, detaillierte Sicherheitskonzepte und moderne Terrorschutz-Maßnahmen bis ins kleinste Detail festzuzurren.

Das grüne Meer Lemgos: Birken, Bindeabende und „Jede Fahne zählt!“

Ein unverkennbares Markenzeichen des Schützenfestes ist die grüne Wandlung der Lemgoer Altstadt. Doch die Birken wachsen bekanntlich nicht von selbst an den Fachwerkhäusern. In Absprache mit dem Stadtförster ziehen die Kompanien in Eigenregie jeweils am Donnerstag vor dem Fest in den Wald und schlagen 1.500 bis 2.000 Birken.

Wir schlagen sie und stellen sie den Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung, damit sie lieblicherweise die Innenstadt so schön wie möglich machen.“

Damit die Fußgängerzone erstrahlt, greift der Verein unter anderem auf 22 Bodenhülsen zurück, die sonst im Winter die Weihnachtsbäume halten. Gleichzeitig setzt das Team auf das Engagement der Lemgoer Bevölkerung: Dachböden nach Fahnen und Schmuck durchforsten, Fensterfronten schmücken, Birken mit Kreppband schmücken, aufstellen und gießen!

Aufruf an alle Lemgoer: „Jede Fahne, jede Girlande und jede Birke zählt!“ Wer auf dem Dachboden noch Fahnen findet und die weitergeben möchte oder Nachschub benötigt, kann sich direkt an die Hauptleute der Kompanien wenden.

Eine besonders tiefe Wurzel der Tradition ist der Bindeabend am Donnerstag vor dem Fest. Bei Familie Thiel beispielsweise in der Neuen Straße kommen Nachbarn und Schützen zusammen, genauso wie bei Familie Bracht in der Mittelstrasse. Während meterlange Tannengrün-Girlanden geflochten werden, lebt auch das tradierte Puppenbasteln wieder auf – ein geselliges Dankeschön an alle Schützenbrüder, die morgens im Forst geschwitzt haben.

Wirtschaftsunternehmen Musik & das streng geheime Königsschießen

Ein Bürgerschützenfest dieser Größenordnung ist im Kern auch ein Wirtschaftsunternehmen. Einer der größten Posten im Budget ist die Verpflichtung der zahlreichen Spielmannszüge und Blaskapellen. Da auch hier viele Kapellen mit Nachwuchssorgen kämpfen und gleichzeitig hochbegehrt sind, läuft die Planung und Buchung der Musik Jahre im Voraus. „Und die schicken alle eine Rechnung“ bemerken die Drei vom Planungsteam humorvoll.

Richtig knistern wird die Luft am 22. und 23. August beim Königsschießen. Teilnahmeberechtigt ist jedes Mitglied ab 18 Jahren mit mindestens sechsjähriger Vereinszugehörigkeit. Das gesamte Prozedere verläuft unter absoluter Geheimhaltung, um maximale Fairness zu garantieren. Die Schießleitung wertet die Schussbilder vollkommen anonymisiert aus, sodass der Vorstand bei der Beurteilung des besten Ergebnisses zu keinem Zeitpunkt weiß, wer den Schuss abgegeben hat. Erst wenn die beste ‚Zehn‘ unumstößlich feststeht, wird die Karte gedreht und der Name enthüllt.

Und in diesem Jahr steht eine historische Neuerung im Raum: Nach über 450 Jahren Vereinsgeschichte gab es im Vorstand die einstimmige Entscheidung, dass erstmals auch eine Königin regieren könnte! Zudem öffnet sich der Thron für die gesamte Stadt: Der neue Regent muss seinen Hofstaat nicht mehr zwingend aus der eigenen Kompanie oder dem Schützenverein wählen – jeder Lemgoer Bürger kann Teil des Throns werden.

Wenn das „Locken“ beginnt: Das Wachrütteln der Hansestadt

Für eingefleischte Schützen beginnt das Fest nicht erst am offiziellen Festfreitag, sondern Wochen vorher mit dem „Locken“. Ab dem Königinball Anfang August zieht die Vorfreude spürbar an. Locken bedeutet das fröhliche Wachrütteln der Schützenbrüder und Lemgoer Bürger. Wenn Blaskapellen durch die Straßen marschieren, um dem Oberst oder den Hauptleuten ein spontanes Ständchen zu bringen, weiß jeder: Der Ausnahmezustand naht!

Ist das Festwochenende dann da, verwandelt sich der Alltag der Vorstands- und Corps-Mitglieder in einen echten Marathon mit 14- bis 16-Stunden-Schichten. Entgegen dem alten Klischee, die Schützen würden die Tage gemütlich in ihren Rottbuden verbringen, zeigt die Realität ein ganz anderes Bild: Höchstens 15 Stunden verteilt über die gesamten vier Tage verbringen sie drinnen – die restliche Zeit sind die Kompanien draußen in der Stadt und bei den Bürgern unterwegs.

Was bleibt: Stolz und Gänsehaut-Momente

Warum opfert man hunderte Stunden seiner Freizeit für diese Mammutaufgabe? Die drei Vollblut Schützenbrüder bringen es lächelnd auf den Punkt:

„Wir haben Spaß am Organisieren und besonders stolz sind wir eigentlich, dass es am Ende des Tages klappt – trotz aller Probleme, die man vorher irgendwo hatte.“

Für Oberst Jörg Mayer, Peter Lüssem und Wilfried Thiel gipfelt all die Mühe in einem ganz bestimmten emotionalen Moment, der den gesamten Stress vergessen lässt: Wenn der Freitagabend hereinbricht und der Große Zapfenstreich auf dem festlich erleuchteten Marktplatz erklingt.

„Das ist eine absolut festliche Atmosphäre auf unserem Marktplatz. Wer das einmal miterlebt hat – da geht einem einfach ein Schauer den Rücken runter.“

Das Lemgoer Bürgerschützenfest ist am Ende genau das: Ein Fest von Bürgern für Bürger, getragen von Menschen, die im Hintergrund unermüdlich das Beste für ihre Heimatstadt geben.


Infobox: Das Festwochenende (28. – 31. August 2026)

  • Veranstaltungsort: Schützenplatz Lemgo
  • Eintritt: An allen Tagen EINTRITT FREI!
  • Besonderheit: Großer Biergartenbereich

Programm-Übersicht:

  • Freitag, 28.08.2026
    • 22:00 Uhr: Großer Zapfenstreich auf dem Marktplatz
    • Ab 21:30 Uhr: Party im Festzelt mit »DJ MAC«
  • Samstag, 29.08.2026
    • Ab 21:00 Uhr: Party im Festzelt mit der Partyband »EMSPERLEN«
  • Sonntag, 30.08.2026
    • 13:00 Uhr: Festakt auf dem Marktplatz und anschließender Festumzug durch die Stadt
    • 19:00 Uhr: Polonaise auf dem Jahnplatz
    • Ab 21:00 Uhr: Party im Festzelt mit XL Music »DJ FLORIAN WEIDNER«
  • Montag, 31.08.2026
    • 14:00 Uhr: Königsproklamation
    • 19:00 Uhr: Polonaise auf dem Jahnplatz
    • Ab 20:00 Uhr: Party im Festzelt mit »DJ MINO & DJ OLLI G.«
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Michael Pitt

Michael Pitt betreibt das Portal Mein-Lemgo seit 2021. Er ist in Lemgo geboren, wohnt direkt am Marktplatz und ist Lemgoer mit Herz und Seele.
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