Wissenschaft mit Kante: Professor Löffl über Gaming, Bürokratie-Frust und den Gang zum Berg
Von Michael Pitt
Wer an die Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe (TH OWL) denkt, hat oft das Bild von dicken Büchern, komplexen Theorien und einem Campus oben auf dem Berg im Kopf. Dass Wissenschaft aber auch ziemlich nahbar, menschlich und sogar ein bisschen „Unterhaltung“ sein kann, beweist das Team des Instituts für Wissenschaftsdialog (IWD). Mittendrin: Institutsleiter Prof. Dr. Josef Löffl. Frisch ausgezeichnet mit dem Transferpreis 2026 der TH OWL, haben wir ihn im Innovationszentrum „Anno 1578“ in der Lemgoer Mittelstraße getroffen. Ein Gespräch jenseits des üblichen akademischen Phrasendreschens – über pendelnde Professoren, den „Bären, der (noch) nicht steppt“, und warum Lemgo bald Gaming-Spezialisten ausbildet.
Das Interview: „Wir sorgen dafür, dass sich Menschen verstehen“

beim Gespräch im Anno.
Foto mein-lemgo
Mein Lemgo: Herr Professor Löffl, erstmal herzlichen Glückwunsch zum Transferpreis 2026! Hand aufs Herz: Wo feiert ein Professor so eine Auszeichnung? Ganz klassisch mit einem Glas Sekt oder eher bodenständig bei einem kühlen Bier in der Lemgoer Altstadt?
Prof. Dr. Josef Löffl: Weder noch! Sondern eher ganz unspektakulär mit meiner Frau zu Hause. Sie ist ebenfalls berufstätig, wir nahmen das dann kurz freudig zur Kenntnis – und dann geht man zu Bett, weil der Wecker am nächsten Morgen um 5 Uhr klingelt. Ich bin nämlich Berufspendler und bringe meine Frau morgens meistens erst noch zum Bahnhof, bevor ich nach Lemgo aufbreche. Aber im Ernst: Ich habe mich riesig gefreut. Für mich ist dieser Preis sinnbildlich für das gesamte Team des IWD. Mir ist am wichtigsten, dass die Leute drumherum damit glücklich werden und sehen, dass es eine Auszeichnung für ihre harte Arbeit ist.
Mein Lemgo: Das IWD steht als zentrale wissenschaftliche Einrichtung etwas außerhalb der normalen Fachbereiche der Hochschule. Sie sitzen da in einer echten Mittlerposition. Wo zwischen vermitteln Sie eigentlich?
Prof. Dr. Löffl: Solche Mittlerpositionen sind in der Tat nicht immer ganz einfach! Wir schlagen Brücken in zwei Richtungen: Intern verbinden wir die unterschiedlichen Standorte, Fachbereiche und Persönlichkeiten der TH OWL. Ein topaktuelles Beispiel ist das Thema Gaming. Wir entwickeln gerade gemeinsam mit den Informatikern aus Lemgo und den Medienproduzenten aus Detmold einen neuen kreativen Studiengang rund um das Thema Spielen und Spielkultur. Und die zweite Richtung ist extern: Wie bringen wir die Themen der Hochschule so mit den Bürgern vor Ort in den Diskurs, dass eine echte Bindung entsteht – und nicht nur ein anonymes Schild mit der Aufschrift „Dort ist die Hochschule“?
Mein Lemgo: Das klingt für den normalen Bürger trotzdem noch recht akademisch. Wenn Sie es Ihrer Nachbarin ohne Uni-Deutsch beim Bäcker in der Schlange zwischendurch erklären müssten: Was machen Sie da den ganzen Tag?
Prof. Dr. Löffl: (schmunzelt) Wir sorgen dafür, dass sich Menschen verstehen. Menschen neigen nämlich dazu, wunderbar aneinander vorbeizureden. Jeder ist bis zu einem gewissen Grad eitel und will recht haben. Wir bieten Räume und Lösungen an, in denen man dem anderen einfach mal zuhört, sich auf dessen Gedankengänge einlässt und merkt: „Man kann das auch anders sehen“, ohne dass sofort ein Konflikt ausbricht. Beim Bäcker würde ich sagen: „Frau Meyer, Sie sehen das anders als ich. Aber deshalb sind Sie für mich nicht gleich blöd. Ich nehme Sie ernst, es gibt nur einfach noch einen anderen Blick darauf.“
Mein Lemgo: Ein greifbares Ergebnis dieser Philosophie ist das „Anno 1578“ in der Mittelstraße, in dem wir gerade sitzen. Viele kennen es noch als traditionelle Fleischerei oder Bistro. Warum zieht es die TH OWL ausgerechnet dorthin, wo die Lemgoer ihre Einkäufe erledigen?
Prof. Dr. Löffl: Das ist einer Idee zu verdanken, die Kollegen wie Herr Jasperneite (Direktor des Fraunhofer IOSB-INA in Lemgo, ebenfalls am Campus ansässig. Die Red.) oder Herr Witte (Vizepräsident für Forschung und Transfer, die Red.) schon lange umtreibt. Junge Hochschulen wie die TH OWL wurden meist viel später als die alten Universitäten in Heidelberg oder Marburg gegründet. Unsere TH ist deshalb nicht mitten in der Altstadt, sondern liegt draußen – jenseits einer Straße, einer Bahnlinie oder eben auf einem kleinen Berg. Die Lemgoer gehen zwar gern da hoch, wenn der TBV Lemgo Lippe Handball spielt. Aber wenn wir dort oben akademische Veranstaltungen machen, wird es schwierig. Es gibt irrationale Ängste wie: „Darf ich da überhaupt rein, wenn ich nicht studiere?“ Deshalb steht an der Tür hier im „Anno“ auch absichtlich nur ganz klein „TH OWL“. Wir müssen aus reiner Selbsterhaltung zu den Leuten in die Stadt gehen. Wir wollen niemanden belehren, sondern zeigen, was die Studierenden machen, und mit den Leuten reden.
Mein Lemgo: Und klappt das? Steppt hier der Bär?
Prof. Dr. Löffl: Bedingt. Es ist jetzt gerade Mittag, und wie Sie sehen, sieht es hier nicht nach Party aus. Das Ganze ist ein Experiment, ein Stück weit sogar ein Unfall. Drei Leute standen vor dem Gebäude und sagten: „Wir probieren das jetzt mal.“ Manche Dinge funktionieren fantastisch, wie die Abendveranstaltungen oder der Vortrag des Kapitäns der Polarstern, der 80 Leute angelockt hat. Bei anderen Dingen, etwa junge Leute direkt nach der Schule hier reinzuholen, müssen wir noch an uns arbeiten. Aber wenn wir merken, ein Thema zieht nicht, lassen wir es halt.
Mein Lemgo: Durch Formate wie PowerPoint-Karaoke oder lockere Lesungen im „Anno“ soll das Eis bei einer Tasse Kaffee ja schnell tauen. Doch mancher ältere Lemgoer fragt sich vielleicht trotzdem: „Was bringt mir die Hochschule eigentlich, wenn ich selbst gar nicht studiere?“ Welchen praktischen Nutzen hat das Ganze für die Menschen in der Region?
Prof. Dr. Löffl: Man müsste eher die Gegenfrage stellen: Was wäre los, wenn es die Hochschule nicht mehr gäbe? Die TH OWL ist in unglaublich vielen kleinen, dezentralen Projekten mit Unternehmen, Verbänden oder der Stadt verankert. Wir agieren oft als ehrlicher Makler. Aber der eigentliche Schlüssel sind die jungen Leute. Hier entstehen Netzwerke, die 20 oder 30 Jahre halten. Wir haben vielleicht keine Nobelpreisträger, aber unsere absolute Stärke ist die Anwendungsorientierung – wir bekommen Dinge geregelt. Auf unserem Campus sind – zusammen mit den Schulen, der Lippebildung, der Kreishandwerkerschaft und Phoenix Contact – rund 6.000 bis 7.000 Menschen gebündelt. Die Wege sind kurz, man läuft einfach mal über den Flur. Das ist für den gesamten Lebenszyklus Bildung ideal.
Mein Lemgo: Lemgo ist geschichtsträchtig, aber eben auch eine Studentenstadt. Wo drückt im Miteinander von Bürgern und Studierenden aktuell der Schuh?
Prof. Dr. Löffl: Lemgo ist extrem aufgeschlossen, ich wurde hier mit offenen Armen empfangen. Die echte Herausforderung der Zukunft liegt jenseits der Hochschule: Durch die Demografie müssen wir massiv auf Internationalisierung setzen. Es kommen junge Menschen zu uns, die noch kein Deutsch sprechen, die wir aber dringend als Fachkräfte brauchen. Wo finden die eine Wohnung oder den ersten Job? Gefühlt verlieren wir aktuell zu viele junge Menschen an die benachbarten Großstädte. Was wir bräuchten, wären unbürokratische, temporäre Unterbringungen – wie innovative Containerbauten –, damit die Leute die ersten 6 bis 8 Wochen ankommen können. Ich würde mir manchmal einfach wünschen, wir könnten in Deutschland Dinge erst mal machen und ausprobieren, anstatt vorher 5.000 Genehmigungen einholen zu müssen. (lächelt)
Mein Lemgo: Wenn wir auf die Lehre schauen: Bei der TH OWL wird ja neuerdings auch auf moderne Studiengänge wie „Digital Management Solutions“ gesetzt. Was lernen die jungen Leute dort, was sie fit für die lippische Wirtschaft macht?
Prof. Dr. Löffl: Die Realität! Die Studierenden arbeiten an echten Projekten aus realen Unternehmen, nicht an fiktiven Planspielen. Sie sollen in einem geschützten Raum auch mal scheitern dürfen, um das Wichtigste überhaupt zu gewinnen: Erfahrung. Über diese Projekte lernen sich Unternehmen und Studierende kennen wie in einem ungestellten Assessment Center. Wenn aus einem Projekt eine Werkstudententätigkeit wird und die Person fünf Jahre später der Projektleiter im Betrieb ist, dann weiß ich: Es funktioniert. Das renommierte Fraunhofer-Institut hier vor Ort ist dabei übrigens ein absolutes Vorbild für uns, gerade bei der internationalen Netzwerkbildung.
Mein Lemgo: Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft: Wenn das „Anno“ in fünf Jahren der absolute Kulttreffpunkt in Lemgo ist – was muss bis dahin passieren?
Prof. Dr. Löffl: Es müssen noch viel mehr junge Menschen und vor allem Schülerinnen und Schüler hier reingehen. Da dürfen sich die Lemgoer Gymnasien und Handelsschulen trotz der räumlichen Nähe gerne noch ein bisschen stärker und mutiger einbringen (lacht). Und projekttechnisch starten wir nächstes Jahr im Wintersemester mit einem echten Knaller: dem deutschlandweit ersten Studiengang zum Thema Unternehmensnachfolge welcher sich mit der eigenen, individuellen Nachfolgesituation befasst. Angesichts des demografischen Wandels in Lippe ist das die „Krise hinter der Krise“. Die Nachfolgerinnen und Nachfolger werden dabei direkt an ihrer eigenen, realen Betriebsthematik studieren. Das Curriculum wird im positiven Sinne sehr abenteuerlich!
Mein Lemgo: Herr Professor Löffl, vielen Dank für das erfrischende Gespräch!
Pragmatismus schlägt Elfenbeinturm
Das Gespräch im „Anno“ zeigt: Die TH OWL ist kein theoretisches Konstrukt, das isoliert auf dem Berg thront, sondern ein echter Motor für die Zukunft Lemgos. Mit Typen wie Professor Löffl, die den sprichwörtlichen Elfenbeinturm liebend gern gegen die Lemgoer Fußgängerzone eintauschen, gewinnt die Stadt nicht nur an akademischem Profil, sondern vor allem an gelebter Menschlichkeit. Wenn nun noch die Schulen der Stadt den Ball aufgreifen und den Weg in die Mittelstraße finden, ist das Experiment „Wissenschaft im Zentrum“ endgültig geglückt.
Zur Person: Prof. Dr. Josef Löffl
- Der Ursprung: Studierte Geschichte, Archäologie und lateinische Philologie an der Universität Regensburg und wurde dort in Alter Geschichte promoviert. Er war Stipendiat des Bayerischen Elitenetzwerks.
- Der Wirtschafts-Ausflug: Arbeitete jahrelang in der freien Wirtschaft als Top-Management-Consultant, Projektleiter und Mitglied der Geschäftsführung in mittelständischen Unternehmen und Strategieberatungen.
- Der Wechsel nach Lippe: Nach einer Professur für Projekt- und Changemanagement an der Hochschule Coburg übernahm er im September 2018 die Leitung des Instituts für Wissenschaftsdialog (IWD) an der TH OWL.
- Aktueller Meilenstein: Ausgezeichnet mit dem Transferpreis 2026 der TH OWL für sein Engagement, Wissenschaft über Projekte wie das Lemgoer Innovationszentrum „Anno 1578“ mitten in die Stadtgesellschaft zu tragen.
- Privat: Der gebürtige Bayer ist bekennender Berufspendler, lebt mit seiner Frau in der Nähe von Hannover und findet seinen Ausgleich fernab der Academica im eigenen Garten und beim Versorgen der Tiere.



