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Das geflügelte Wunder von der Mittelstraße: 40 Jahre Buchhandlung Pegasus

Als 1986 in Lemgo die kleinste von damals vier Buchhandlungen eröffnete, gaben ihr viele Skeptiker kaum eine Chance. Vier Jahrzehnte, mehrere Inhaberwechsel und einen digitalen Umbruch später beweist die Buchhandlung Pegasus das Gegenteil: Mit frischem Wind, Mangas und einer riesigen Portion Herz feiern Katharina Miller und Inga Kunz gemeinsam mit ihrer Vorgängerin Ursula Heer ein ganz besonderes Jubiläum.

Von unserem Lokalredakteur

Lemgo. Es gibt diese Tage im Buchhandel, die vergisst man nicht. Wie jenen Nachmittag vor nicht allzu langer Zeit, als eine Stammkundin wieder im Pegasus anrief. „Wir hatten so lange nicht von ihr gehört, wir befürchteten Schlimmes“, erinnert sich Katharina Miller lachend, aber sichtlich berührt. Vor der Pandemie gehörte die Dame zum festen Inventar des Ladens, danach war sie plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Doch statt eines traurigen Abschieds gab es ein Wiedersehen am Telefon: Die Kundin war schlicht auf einen Rollstuhl angewiesen und hatte zwischenzeitlich woanders bestellt. Bis sie befand: Schluss damit, ich will wieder zu meinen Pegasus-Frauen nach Lemgo. Miller und Kunz organisierten kurzerhand den Lieferservice – und die Kundin war zurück.

Genau solche Geschichten sind es, die das Geheimnis des Pegasus ausmachen. Seit 40 Jahren trotzt der kleine Buchladen in der Mittelstraße 63 den großen Ketten, dem Online-Riesen und den Unkenrufen der Branche. Am 1. Oktober feiert die Buchhandlung ihren runden Geburtstag.

Vom Nesthäkchen zum langlebigen Herzstück

Gegründet wurde die „Bücherstube Pegasus“ am 1. Oktober 1986 von Heide-M. Kaiser und Sabine Kaufmann. Damals war das Geschäft das Nesthäkchen in Lemgos Buchhandelslandschaft – die kleinste von vier Anlaufstellen für Leseratten. Heute ist von den damaligen Mitbewerbern in dieser Form keiner mehr übrig.

Ende 2004 übernahm Ursula Heer das Ruder und prägte den unverwechselbaren, heiteren Charakter des Ladens zwei Jahrzehnte lang. „Das ist pure Lebenszeit“, sagt Heer heute mit Stolz im Blick, als sie während des Gesprächs spontan in den Laden spaziert. „Es sind Menschen, die uns und das Geschäft über Jahrzehnte begleitet haben. Viele haben sich mit uns verändert, andere sind sich treu geblieben. Das ist eine Erinnerungsstrecke, die einfach guttut.“

Generationswechsel mit Feingefühl und Doppelspitze

Vor genau zwei Jahren, zum 1. Oktober, wagte Heer den Schritt in den Ruhestand – und übergab an ein eingespieltes Duo: Katharina Miller (34) und Inga Kunz (30). Beide sind längst keine Unbekannten im Pegasus. Inga Kunz absolvierte hier ab 2016 ihre Ausbildung und blieb. Katharina Miller wechselte vor rund elf Jahren nach ihrer Ausbildung in Detmold nach Lemgo, bildete sich mit Heers Unterstützung neben dem Beruf zur Betriebswirtin weiter.

„Als Ulla damals aufhören wollte, war uns früh klar: Wenn wir diesen Schritt wagen, dann machen wir es zusammen“, erzählt Miller. Denn mit eigener Familie und zwei Kindern sei die Selbstständigkeit als Einzelkämpferin kaum zu stemmen. Ein Jahr lang begleitete Heer ihre Nachfolgerinnen noch im Betriebsalltag, bis vor zwölf Monaten der endgültige Übergang kam. „Da sind dann schon Tränen geflossen“, gibt Kunz unumwunden zu. Doch aus der Unsicherheit vor Rechnungen, Kammern und Verwaltung wurde schnell Souveränität. „Wir haben eine dritte Familie gewonnen“, sagt Miller lächelnd.

Keine Bestseller-Stangenware, dafür Mangas und britisches Flair

Was unterscheidet das Pegasus von den anonymen Regalfluchten der Großfilialisten? „Wir haben unseren eigenen Charme und suchen jedes Buch persönlich aus“, betont Kunz. Wer die Bestsellerlisten von Platz 1 bis 20 sucht, ist hier an der falschen Adresse. „Wir gucken: Was gefällt uns? Was passt zu unseren Kunden?“

Dass Tradition nicht Stillstand bedeutet, beweist der sanfte Umbau seit der Übernahme: Die Räume wurden heller, moderner und freundlicher gestaltet. Neben anspruchsvoller Belletristik und Kinderbüchern zogen englischsprachige Originalliteratur und Mangas in die Regale ein.

Ein echter Coup: „Wir haben dadurch ganz viele junge Leute und Schüler vom nahen Engelbert-Kaempfer-Gymnasium dazugewonnen, die in Freistunden vorbeikommen“, freut sich Kunz. Gleichzeitig schätzen langjährige Kunden den fast schon hellseherischen Service: Wer ein Faible für besondere Autoren oder neue Schmuckausgaben hegt, wird oft angerufen, bevor das Buch überhaupt im Laden liegt. Und wenn etwas nicht vorrätig ist? „Können wir es meist bis zum nächsten Morgen besorgen. Schneller ist das Internet auch nicht – und bei uns kann man vorher zwei Seiten anlesen und stöbern.“

Kultur vor Ort: Mehr als nur ein Elfenbeinturm

Für Kunz und Miller erschöpft sich der Beruf längst nicht im Kassieren an der Theke. Viermal im Jahr lädt das Pegasus zu festen Eigenveranstaltungen wie der beliebten Reihe „Lieber lesen“ oder Lesewochen ein. Dazu kommen regelmäßige Kooperationen mit der Volkshochschule, der Kirchengemeinde St. Nikolai und der Gleichstellungsstelle.

„Nur im Elfenbeinturm zu sitzen, funktioniert heute nicht mehr“, stellt Kunz klar. Miller ergänzt: „Für mich ist das Buch Kultur – und Kultur muss unter die Menschen gebracht werden.“

Und wie sieht die Vision für das nächste runde Jubiläum in zehn Jahren aus? „Wenn wir zum 50. Geburtstag hier sitzen, möchte ich immer noch reinkommen und spüren: Das ist mein Pegasus“, wünscht sich Kunz. Miller träumt derweil von noch etwas mehr Platz für Begegnungen: „Samstags bilden sich hier oft kleine Grüppchen. Man trifft sich, quatscht. Mein Traum wäre eine kleine gemütliche Ecke zum Verweilen, wo man nicht nur nach Büchern stöbert, sondern einfach Zeit verbringen kann.“

Sekt, Popcorn und Porträts: Das Jubiläumsprogramm

Für den runden Geburtstag haben sich die beiden Buchhändlerinnen ein buntes Programm überlegt:  

 Donnerstag, 1. Oktober 2026 (ab Ladenöffnung):

Am offiziellen Geburtstag geht es entspannt und gesellig zu. Für alle Besucherinnen und Besucher steht den ganzen Tag ein Glas Sekt bereit. Zudem wirft Katharina Miller die Popcornmaschine an. Wer an diesem Tag stöbert und einkauft, erhält ab einem bestimmten Einkaufswert eine liebevoll gepackte Wundertüte mit kleinen Überraschungen.  

 Freitag, 2. Oktober 2026 (ab 14:00 Uhr):

Der Freitagnachmittag steht im Zeichen von Kunst und Familie. Eine bekannte Illustratorin aus Bielefeld ist zu Gast. Sie liest aus ihrem Kinderbuch, gefolgt von einem kleinen Bastel-Mitmachworkshop für die jungen Gäste. Ein echtes Highlight gibt es auch für Erwachsene und Tierfreunde: Die Künstlerin zeichnet vor Ort auf Wunsch Porträts von mitgebrachten Vierbeinern (oder nach Fotovorlage).  

Blick in die Zukunft: Raum für Begegnung

Und wie soll es beim nächsten großen Jubiläum, dem 50. Geburtstag, aussehen?

„Ich möchte reinkommen und sofort spüren: Das ist mein Pegasus“, wünscht sich Inga Kunz. Katharina Miller träumt davon, den Raum für Begegnungen noch weiter auszubauen: „Samstags bilden sich hier oft kleine Grüppchen, man kommt ins Plaudern. Ein Ort zum Verweilen, ein gemütliches Eckchen, um einfach Zeit im Laden zu verbringen – das wäre schön“.  

Dass das Pegasus auch in den nächsten Jahrzehnten fliegen wird, daran zweifelt in Lemgo wohl kaum jemand. Denn wie Miller es treffend zusammenfasst: „Ein solcher Laden funktioniert nur, wenn man ihn mit echter Leidenschaft lebt“.  

Infokasten: Buchtipps der Inhaberinnen

Für Lesemuffel:

 „Geschichten, die glücklich machen“ (Insel Verlag) – Der Allrounder für jede Lebenslage, empfohlen von Inga Kunz.  

 „Pawlowa oder Wie man eine Eselin über den Hindukusch schmuggelt“ – Katharina Millers Tipp über die herrlich skurrile und warmherzige Reise eines jungen Afghanen und seines störrischen Vierbeiners.  

Für die einsame Insel:

 Inga Kunz packt den Fantasy-Klassiker „Eragon“ ein.  

 Katharina Miller setzt auf den zeitlosen Literaturklassiker „Jane Eyre“.  

Pegasus Bücher & Geschenke OHG, Mittelstraße 63, 32657 Lemgo. Online unter www.pegasus-lemgo.de.

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Michael Pitt

Michael Pitt betreibt das Portal Mein-Lemgo seit 2021. Er ist in Lemgo geboren, wohnt direkt am Marktplatz und ist Lemgoer mit Herz und Seele.
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