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Kurz mal eben: Eine Abrechnung mit dem Autofahrer im urbanen Ausnahmezustand

Die Glosse von Micha Haudrauf

Es gibt Menschen, die behaupten, der moderne Stadtverkehr sei ein Problem. Diese Menschen haben offensichtlich noch nie die Kunstfertigkeit erlebt, mit der ein routinierter Autofahrer seinen Wagen auf einem Fahrradschutzstreifen platziert. Nicht irgendwie – diagonal. Mit Warnblinker. Der Warnblinker ist wichtig. Er verwandelt jedes Vergehen in eine Notsituation, und wer will schon jemandem in einer Notsituation einen Vorwurf machen?

Das „Kurz-mal-eben“-Prinzip

„Kurz mal eben“ ist dabei die offizielle Zeiteinheit des Innenstadtparkers. Sie reicht von drei Sekunden bis zu dem Moment, in dem das Ordnungsamt um die Ecke biegt. In dieser flexiblen Zeitspanne lässt sich erstaunlich viel erledigen: ein Brötchen kaufen, einen Kaffee trinken, drei Telefonate führen und philosophisch darüber nachdenken, warum der Radfahrer, der gerade in den Gegenverkehr ausweicht, so aggressiv schaut. Wahrscheinlich der Koffeinmangel.

Ebenfalls gern genommen: das Halten auf dem Radstreifen für den Arztbesuch. Denn wer krank genug ist, um zum Arzt zu müssen, ist offensichtlich zu krank, um noch zwanzig Meter weiter zu fahren. Das Rezept wird dann direkt nebenan in der Apotheke eingelöst – natürlich ohne das Auto zu bewegen, denn wer weiß, ob der Parkplatz auf dem Radstreifen nachher noch frei ist. Der Radfahrer, der währenddessen zwischen Linienbus und Lieferwagen hindurchnavigiert, bekommt so wenigstens ein bisschen Bewegung. Das ist im Grunde ein Gesundheitsservice.

Besonders beliebt als Kurzparkzone: der abgesenkte Bordstein. Ein Rollstuhlfahrer, der hier queren möchte, hat offenbar nicht verstanden, dass dieser Bordstein für etwas Wichtigeres reserviert ist – nämlich das Auto von jemandem, der nur kurz mal eben seine Bio-Mandelmilch holen muss. Barrierefreiheit ist ein schönes Konzept, aber wo kämen wir hin, wenn jeder einfach überall langfahren dürfte?

Die hohe Kunst des Nicht-Blinkens

Der Blinker ist ein viel missverstandenes Instrument. Viele Menschen glauben, er diene der Kommunikation mit anderen Verkehrsteilnehmern. Falsch. Der Blinker dient einzig dazu, dem eigenen Auto mitzuteilen, dass man abbiegen möchte. Und das weiß der Wagen ja schon, weil man am Lenkrad dreht. Wozu also die Redundanz?

Im Kreisverkehr offenbart sich diese Philosophie in ihrer reinsten Form. Hier blinken heißt: dem Feind seine Strategie verraten. Der wartende Autofahrer an der Einfahrt soll gefälligst raten, ob man rausfährt oder noch eine Ehrenrunde dreht. Das schult die Intuition. Das stärkt die Reflexe. Das ist quasi Gehirnjogging für alle Beteiligten.

Der Überholabstand: Eine Frage der Interpretation

Die StVO empfiehlt beim Überholen von Radfahrern innerorts anderthalb Meter Abstand. Das ist natürlich ein Richtwert – so wie das Mindesthaltbarkeitsdatum bei Joghurt. Der erfahrene Autofahrer weiß: Da ist noch Spielraum. Fünfzig Zentimeter reichen völlig, wenn man dabei entschuldigend guckt. Und wenn der Radfahrer hinterher zittert, ist das wahrscheinlich der Wind vom Außenspiegel – quasi eine kostenlose Erfrischung an heißen Sommertagen.

Dooring: Die vergessene Kampfsportart

Das Öffnen der Autotür ohne Schulterblick ist eine Kunstform, die leider vom Aussterben bedroht ist – und zwar weil immer mehr Radfahrer geradezu paranoid Abstand halten. Dabei wäre es doch eigentlich ihre Aufgabe, den toten Winkel eines parkenden Fahrzeugs vorauszuahnen. Schließlich hat der Autofahrer seinen Motor abgestellt und damit seinen Teil zur Verkehrssicherheit beigetragen.

Es gibt da diesen „holländischen Griff“ – die Tür mit der rechten Hand öffnen, damit man sich automatisch nach hinten dreht. Aber mal ehrlich: Wir sind hier nicht in Amsterdam. Hier wird mit der richtigen Hand geöffnet. Der linken. Der deutschen.

Die Fußgängerzone: Letzte Bastion der automobilen Freiheit

Die Fußgängerzone ist – der Name deutet es an – ein Ort für Fußgänger. Aber der Name deutet eben nur an. Er verbietet nichts. Zumindest nichts, was sich nicht mit langsamer Geschwindigkeit und einem Ausdruck müder Selbstverständlichkeit überwinden ließe. Das Auto rollt durch die Menschenmenge wie Moses durchs Rote Meer, nur dass hier niemand zur Seite springt, weil es Gott so will – sondern weil die Alternative die Motorhaube wäre. Ziel ist selbstverständlich der Laden mit dem kürzesten Fußweg zur Fahrertür. Wer vor der Bäckertheke parkt, hat gewonnen. Alle anderen haben einfach nicht genug gewollt. Der durchschnittliche Innenstadt-SUV transportiert eine Person, zwei Einkaufstüten und die stille Überzeugung, dass man den Rest des Autos irgendwann bestimmt noch braucht.

Die Kreuzungs-Verstopfung: Ein Gesellschaftsspiel für die ganze Familie

Das Spiel geht so: Die Ampel wird gelb. Normal denkende Menschen würden jetzt bremsen. Aber der geübte Stadtkrieger denkt: Wenn ich jetzt noch in die Kreuzung fahre, spare ich einen ganzen Ampelzyklus! Dass der Verkehr auf der anderen Seite stockt und man dann mitten auf der Kreuzung steht – das konnte ja wirklich niemand ahnen.

Die anderen Autofahrer, die jetzt nicht fahren können, weil man selbst quer steht, verstehen das sicher. Man nickt sich zu. Man zuckt mit den Schultern. Man formt lautlos Wörter mit den Lippen, die auf „-iot“ enden. So entsteht Gemeinschaft.

Die Hupe: Das Instrument der gehobenen Konversation

Die Straßenverkehrsordnung sagt, die Hupe sei ein Warngerät. Das ist natürlich eine sehr enge Auslegung. In der Praxis ist die Hupe ein multifunktionales Kommunikationsinstrument:

  • Kurzes Hupen (0,2 Sek.): „Die Ampel ist grün, werte Person vor mir.“
  • Mittleres Hupen (0,5 Sek.): „Ich persönlich nehme Ihnen übel, dass Sie die Ampel nicht bereits im Umschalten erkannt haben.“
  • Langes Hupen (2+ Sek.): „Ich habe heute Morgen meinen Kaffee verschüttet und suche jemanden, dem ich das mitteilen kann.“
  • Rhythmisches Hupen: „Ich habe eine Meinung, und diese Meinung hat keine Worte.“

Der Motor im Leerlauf: Ein Fenster zur Seele

Nichts sagt „mir liegt die Umwelt am Herzen“ so sehr wie ein laufender Motor, während man zehn Minuten auf den Beifahrer wartet. Der Innenraum muss schließlich klimatisiert bleiben. Nicht für einen selbst – man ist ja abgehärtet – sondern für den Beifahrer. Aus Höflichkeit. Dass die Umstehenden den Auspuff einatmen, ist bedauerlich, aber sie können ja zur Seite gehen. In eine andere Stadt vielleicht.

Im Winter wird der laufende Motor zur Notwendigkeit: Wie soll man sonst die Scheiben freikratzen? Mit den Händen? Wie ein Tier?

Die 30er-Zone: Ein Vorschlag zur Güte

In Deutschland gibt es sogenannte Tempo-30-Zonen. Das „30“ ist dabei weniger als Zahl zu verstehen, sondern eher als Orientierungswert. Eine Art Baseline, von der aus man nach oben verhandeln kann. 40 in der 30er-Zone bedeutet eigentlich: „Ich habe 30 gesehen, aber ich bin ein guter Fahrer.“

In verkehrsberuhigten Bereichen gilt Schrittgeschwindigkeit. Vier bis sieben Kilometer pro Stunde. Das ist langsamer als manche Menschen joggen. Der geübte Autofahrer interpretiert dies als philosophische Herausforderung: Was ist ein Schritt? Wessen Schritt? Der eines Marathonläufers? Der eines panischen Sprinters? Mit diesen Fragen im Kopf rollt er mit gemütlichen 25 km/h durch den Spielstraßenbereich. Nachdenken macht langsam.

Epilog: Eine Liebeserklärung

Natürlich wäre es unfair, nur die Schattenseiten zu beleuchten. Der Autofahrer ist auch der Mensch, der anhält, wenn man mit plattem Reifen am Straßenrand steht. Der den Krankenwagen durchlässt. Der den verwirrten Touristen durch das Seitenfenster erklärt, wie man zum Bahnhof kommt.

Der Verkehr, das sind wir alle – nur eben hinter Blech. Und hinter Blech, da passieren manchmal Dinge, die uns draußen nie passieren würden. Wir werden ungeduldig. Wir vergessen die Regeln. Wir hupen, obwohl die Ampel erst seit 0,0003 Sekunden grün ist.

Vielleicht ist der Stadtverkehr am Ende weniger ein Kampf als ein Gesellschaftsspiel. Eines ohne klare Regeln, ohne fairen Schiedsrichter, und manchmal ohne erkennbaren Sinn. Aber mit vielen Mitspielern, die alle irgendwo hinwollen – kurz mal eben.

Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich muss nur kurz mal eben in zweiter Reihe parken.

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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