Glosse: Deutschland schwitzt – Eine Hitzewelle und ihre Nebenwirkungen
Oder: Wie 34 Grad im Schatten die Nation in den kollektiven Wahnsinn treiben
Es ist wieder soweit. Das Thermometer klettert in Regionen, die man sonst nur aus Backöfen und Saunen kennt, und Deutschland verwandelt sich in eine dampfende Masse aus Sonnencreme, Schweiß und Small Talk über – natürlich – das Wetter.
Die Liturgie der Begrüßung
Vergessen Sie „Guten Tag“ oder „Hallo“. In der Hitzewelle gibt es nur noch eine zulässige Begrüßungsformel, und sie wird mit der Inbrunst eines gregorianischen Chorals vorgetragen: „Na, ganz schön heiß!?“
Die Antwort ist standardisiert wie ein TÜV-Formular: „Ja, gabs früher auch schon.“ Oder: „Aber trocken ist es wenigstens!“ Oder:„Lieber zu warm als zu kalt, oder?“ – und der Klassiker aller Klassiker: „Und dabei ist das erst der Anfang!“
Wer es wagt, die Konversation mit einem schlichten „Mir geht’s gut“ zu beantworten, wird angesehen wie jemand, der im Gottesdienst „Gesundheit!“ ruft. Das macht man einfach nicht. Die Hitze muss besprochen werden. Ausführlich. Mit Leidenschaft. Und mindestens dreimal pro Stunde.
Das Freibad: Ein Soziologisches Feldexperiment
Nirgendwo offenbart sich der deutsche Volkscharakter so schonungslos wie im sommerlichen Freibad. Schon morgens um halb sieben – halb sieben! – stehen die ersten Pioniere am Eingang, bewaffnet mit Campingstühlen, Kühlboxen und dem unbedingten Willen, den Schattenplatz unter der einzigen Kastanie zu erobern.
Was folgt, ist ein stiller Krieg um Territorium, geführt mit Handtüchern als Flaggen. Der Deutsche reserviert seine Liegewiese mit der gleichen Verbissenheit, mit der seine Vorfahren Burgen verteidigt haben. Wer um elf Uhr kommt, findet ein Meer aus bunten Textilien vor – und keinen einzigen Menschen darin. Die Besitzer? Vermutlich zu Hause, frühstücken gemütlich. Aber der Platz ist GESICHERT.
Am Beckenrand dann das nächste Drama: Der Sprung ins kühle Nass. Ein Akt, der von 90 Prozent der Badegäste mit einem Schmerzensschrei vollzogen wird, als würde man nicht in Wasser, sondern in flüssigen Stickstoff eintauchen. „HUUUIII, ist das KALT!“ – bei 24 Grad Wassertemperatur. Sicher, Margret. Sicher.
Die Eisdiele: Wo Geduld stirbt
Vor der Eisdiele formt sich eine Schlange, die an die Warteschlangen in der DDR erinnert – nur mit mehr Sonnenbrand und weniger Solidarität. Kinder zerfließen buchstäblich vor unseren Augen, Eltern verhandeln mit der Verzweiflung von UN-Diplomaten: „Nein, du kannst NICHT vier Kugeln haben. Ja, ich weiß, dass Lisa fünf hat. Das Leben ist ungerecht. NÄCHSTER!“
Und dann, wenn man endlich dran ist, tritt der wahre Feind auf den Plan: der Unentschlossene. Da steht er, ein erwachsener Mensch, vor 28 Sorten Eis – und fragt: „Wonach schmeckt denn das Mango-Passionsfrucht-Sorbet?“ WONACH WOHL, GERALD? Nach Rhabarberkompott?
Die Schlange hinter ihm kollabiert innerlich. Das Eis in der Theke beginnt zu schwitzen. Die Verkäuferin lächelt ein Lächeln, das in Krisengebieten als Waffe klassifiziert wäre.
Der kollektive Wahnsinn: Veranstaltungen im Brutkasten
Und während der normale Mensch sich fragt, wie er die drei Meter von der Haustür zum Auto überleben soll, gibt es jene unerschrockenen Helden, die TROTZDEM ihre Großereignisse durchziehen.
Der Ironman in Frankfurt, zum Beispiel. 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42 Kilometer Laufen – bei Temperaturen, bei denen selbst Eidechsen die Jalousien runterlassen. Die Organisatoren verteilen „Abkühlungsschwämme“ – kleine, feuchte Lappen, die etwa so viel bringen wie ein Wattebausch gegen eine Lawine. Aber hey, man hat ja Vorkehrungen getroffen.
Oder das Dorffest in Untergiesing, das UNBEDINGT an diesem Wochenende stattfinden muss. Der Festzeltbetreiber hat schließlich gebucht! Die Blaskapelle ist bestellt! Da kann man nicht einfach absagen, nur weil das Bierzelt sich in ein Terrarium verwandelt hat und die Weißwürste im Kessel bereits von selbst platzen.
Die Musiker spielen tapfer, während ihnen das Messing in den Händen Brandblasen verpasst. Der Bürgermeister hält seine Rede – gekürzt auf 45 Sekunden, weil ihm nach „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“ die Zunge am Gaumen klebt. Und die Seniorentanzgruppe? Die hat sich stillschweigend aufgelöst. Wortwörtlich.
Die Überlebensstrategien
Natürlich fehlt es nicht an guten Ratschlägen. „Viel trinken!“, sagt der eine. „Leichte Kleidung!“, der andere. Und dann gibt es Onkel Herbert, der mit hochrotem Kopf und drei Weizenbieren intus verkündet: „Ich hab‘ mal gelesen, in der Wüste trinken die heißen Tee, dann schwitzt man sich kühl!“
Herbert. HERBERT. Bitte setz dich hin.
Inzwischen haben sich eigene Subkulturen gebildet: die Ventilator-Fetischisten, die Kühlmatten-Jünger, die Menschen, die nachts mit nassen Handtüchern schlafen und morgens aussehen wie gestrandete Robben. Und natürlich die Fraktion, die JETZT, ausgerechnet JETZT, verkündet, dass sie ja „eigentlich ganz gut mit Hitze kann“.
Man möchte sie in die Sonne stellen und beobachten. Für die Wissenschaft.
Epilog: Ein Hauch von Hoffnung
Aber irgendwann, so sagen die Propheten des Wetterberichts, wird sie enden. Die Hitzewelle wird weiterziehen, vielleicht nach Frankreich (die haben ja sonst nichts zu tun), und Deutschland wird sich erholen. Wir werden unsere Ventilatoren einpacken, unsere Sonnenbränge pflegen und zurückkehren zur deutschen Normaltemperatur – also Regen und 17 Grad.
Und dann, meine Lieben, dann werden wir uns am Bäcker treffen, uns in die Augen schauen und sagen: „Na, ganz schön frisch heute, oder?“
Denn das Wetter, es muss besprochen werden.
Immer.
Der Autor dieses Textes schreibt diese Zeilen übrigens bei 34 Grad im Schatten, ohne Klimaanlage, und mit einem Eis, das schneller schmilzt, als er tippen kann. Solidarität an alle Mitbetroffenen. Wir schaffen das. Irgendwie.
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