Der Fußgänger: Das freie Radikale im Verkehrssystem
Die Glosse von Micha Haudrauf
Es gibt Führerscheine für Autos, Motorräder, sogar für Gabelstapler. Aber für die älteste Fortbewegungsart der Menschheit? Nichts. Einfach aufstehen und loslaufen. Zwei Beine, ein Ziel, null Prüfung. Was soll schon schiefgehen.
Wer regelmäßig zu Fuß unterwegs ist – sei es auf der Promenade, in der Fußgängerzone oder auf dem Weg zum Bäcker – weiß: Hier gelten keine Regeln. Hier gilt Bauchgefühl. Und dieses Bauchgefühl flüstert zuverlässig: Geh rechts. Immer rechts. Rechts ist Heimat.
Warum eigentlich? Keine Ahnung. Vielleicht Solidarität mit dem Autoverkehr. Vielleicht Herdentrieb. Jedenfalls marschiert die große Mehrheit stur auf der rechten Seite, Blick nach vorn, Ohren auf Standby, Rücken zum Weltgeschehen. Wenn dann ein Radfahrer von hinten heranrauscht, fährt der Schreck in alle Glieder. „Unverschämtheit! Klingeln die überhaupt noch?!“
Das Ironische daran: Außerhalb geschlossener Ortschaften schreibt der Gesetzgeber das Linksgehen sogar vor. Paragraph 25 StVO, nachzulesen für alle, die’s nicht glauben. Der Staat sagt: Geh links, dann siehst du, was kommt. Der Fußgänger sagt: Ich geh rechts, dann muss ich’s nicht sehen. Ignoranz als Selbstschutz – ein deutsches Kulturgut.
Dabei wäre links so entspannt. Man sieht Radfahrer kommen, bevor sie da sind. Man kann ausweichen, lächeln, vielleicht sogar grüßen. Es ist, als würde man plötzlich Augen im Hinterkopf bekommen – nur eben vorne, wo sie hingehören. Aber das wäre ja praktisch. Und praktisch ist beim Spazierengehen verdächtig.
Eine Sonderrolle im Fußgänger-Kosmos spielt der Hundebesitzer. Genauer: der mit Flexileine. Fünf Meter Hightech-Schnur, dünn wie ein Versprechen, gespannt zwischen Herrchen und Hund wie ein Stolperdraht aus einem Bond-Film. Bello schnuppert links am Hydranten, Frauchen scrollt rechts durchs Handy, und dazwischen schwebt diese unsichtbare Barriere, an der schon so mancher Radfahrer seine Hürdensprung-Talente entdeckt hat. Das Beste: Kommt man irgendwie durch, erntet man einen Blick, als hätte man ungefragt den Vorgarten betreten. Bello bellt zur Sicherheit noch hinterher. Teamwork.
Weiter geht’s mit dem Engstellen-Magneten. Kennen Sie das Phänomen? Eine ganze Fußgängerzone, breit wie ein Flugzeughangar, und wo treffen sich zwei Bekannte zum Plausch? Exakt an der schmalsten Stelle der Stadt. Zwischen Blumenkübel und Wurstbude, da wo selbst Luft sich seitlich durchquetschen muss. Dort wird Wurzeln geschlagen. Dort wird die komplette Familienchronik durchgesprochen, vom Enkel bis zum Erbstreit. Die Welt darf warten. Wer vorbei will, schlängelt sich durch wie ein Aal – und kassiert dafür Blicke, als hätte er mitten in der Trauerrede geniest.
Nah verwandt: der Spontan-Stopper. Ein Fußgänger, der ohne jede Vorwarnung einfach stehen bleibt. Mitten im Strom. Kein Schaufenster, kein Schnürsenkel, keine Ohnmacht – einfach Stillstand. Vielleicht ein Gedankenblitz. Vielleicht eine WhatsApp von der Schwiegermutter. Vielleicht auch nur eine kurze Sinnkrise. Hinter ihm entsteht eine kleine Massenkarambolage aus Ausweichschritten und überraschten „Hoppla!“-Lauten. Noch schöner: die spontane Neunzig-Grad-Wende. Ohne Vorwarnung, ohne Schulterblick, einfach zack nach links. Als hätte jemand den Joystick rumgerissen. Wer dahinter läuft, entwickelt Reflexe, von denen er nicht wusste, dass er sie besitzt. Eine Steigerung gibt es allerdings noch: der Smartphone-Zombie – Blick aufs Display geschraubt, Kopfhörer auf Konzertlautstärke, der Gang eine sanfte Schlangenlinie zwischen den Welten. Er ist nicht unhöflich, er ist einfach kurz woanders. Bodenhaftung? Optional.
Mein persönlicher Favorit bleibt das stille Kräftemessen zwischen Fußgänger und Autofahrer. Schauplatz: eine kleine Gasse, Lieferverkehr erlaubt. Ein Transporter nähert sich im Schritttempo. Der Fußgänger davor spürt das irgendwo zwischen den Schulterblättern. Und was passiert? Er wird langsamer. Nicht zur Seite, nicht schneller – langsamer. Der Rücken strafft sich, der Nacken wird Granit, der Gang wird zur Meditation. Es ist der lautlose Revierkampf des kleinen Mannes: „Ich darf hier gehen. Du darfst hier warten.“
Im Transporter beißt derweil jemand in das Lenkrad. Aber egal. Der moralische Sieg wärmt von innen. Außerdem: Was will der Autofahrer machen? Hupen? In einer Fußgängerzone? Dann wäre ja er der Böse.
Und dann wären da noch die Ampeln. Rote Fußgängerampeln sind für Autofahrer bindend, für Radfahrer Verhandlungssache und für Fußgänger eine freundliche Empfehlung. So eine Art Wettervorhersage: Man schaut kurz, ob’s passt. Links gucken, rechts gucken, na ja, der Laster ist noch weit weg. Der bremst schon. Oder auch: gar nicht gucken. Einfach gehen. Im festen Vertrauen darauf, dass die Physik heute einen guten Tag hat. Und wozu eigentlich dreißig Meter bis zum Zebrastreifen laufen, wenn man die Straße auch diagonal queren kann? Hypotenuse schlägt Kathete – Pythagoras hätte es so gewollt.
Das Tröstliche an all dem: Wir alle machen das. Jeder von uns war schon der sture Rechtsgeher. Der Engstellen-Plauderer. Der Flexileinen-Akrobat. Der Spontan-Stopper. Der Zeitlupen-Rebell vor dem Lieferwagen. Und jeder von uns hat sich über genau diese Leute aufgeregt – meistens am selben Nachmittag.
Der Fußgänger ist eben kein Verkehrsteilnehmer im klassischen Sinn. Er ist ein Naturereignis. Unberechenbar wie Aprilwetter, freiheitsliebend wie eine Katze, und fest davon überzeugt, dass die anderen das Problem sind.
Vielleicht probieren wir’s beim nächsten Spaziergang einfach mal aus: Einen Meter weiter links. Kurz zur Seite, wenn’s eng wird. Und wenn ein Transporter von hinten naht – vielleicht, ganz vielleicht – nicht extra noch einen Gang runterschalten.
Aber nur vielleicht. Wir sind ja schließlich Fußgänger. Die letzte wirklich freie Spezies im Straßenverkehr.
Der Autor hat diesen Text übrigens diagonal über die Tastatur geschrieben – der Zebrastreifen zur Rechtschreibprüfung war ihm zu weit.
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