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Freie Fahrt für freie Radler

Eine Glosse von Micha Haudrauf

Micha Haudrauf

Vorweg, damit gar nicht erst der falsche Eindruck entsteht: Ich bin kein Korinthenkacker. Wirklich nicht. Ich stehe nicht mit dem Maßband am Straßenrand, ich notiere keine Kennzeichen, und wenn jemand sonntags bei menschenleerer Straße über eine rote Fußgängerampel geht, dann ist das für mich kein Fall für die Weltgeschichte. Ehrlich gesagt stört mich das alles meistens überhaupt nicht. Ich bin ein entspannter Mensch. Fragt ruhig meine Frau – sie wird es bestätigen, sobald sie aufgehört hat zu lachen.

Aber irgendetwas hat sich in unserer Stadt verschoben. Im Straßenverkehr herrscht inzwischen eine Grundhaltung, die man früher aus Abenteuerfilmen kannte. Regeln gelten nicht mehr als Regeln, sondern eher als Serviervorschlag. Rot ist ein Stimmungswert, Vorfahrt eine Verhandlungsbasis und Rücksicht etwas, das man gern von anderen einfordert, aber ungern selbst gewährt. Das betrifft, in aller Fairness, so ziemlich alle – die Autofahrer, die Fußgänger, die Scooter-Piloten. Die kommen hier alle noch dran, versprochen. Heute aber soll es um jene gehen, die besonders gern lautlos, blitzartig und mit dem stillen Glanz moralischer Überlegenheit an einem vorüberziehen: die Radfahrer.

Und nein, jetzt bitte nicht gleich aufs Pedal treten. Die meisten von euch sind tadellos. Vernünftig, rücksichtsvoll, ein Gewinn für die Stadt. Aber es gibt eben auch die andere Sorte – jene, die offenbar der festen Überzeugung sind, mit dem Umstieg aufs Rad nicht nur die Umwelt gerettet, sondern sich gleich auch von wesentlichen Teilen der Straßenverkehrsordnung befreit zu haben.

Diese besondere Freiheit zeigt sich vor allem dort, wo unpraktischerweise auch noch andere Menschen vorkommen. In der Fußgängerzone zum Beispiel. Der Name klingt eindeutig, wird aber von manchen eher als poetischer Arbeitstitel verstanden. Da wird durchgezogen mit einem Tempo, bei dem der Passant immerhin noch die Chance hat, einen Luftzug zu registrieren, bevor Rad und Fahrer am Horizont verschwunden sind. Das Klingeln ist dabei kein höflicher Hinweis mehr, sondern eine amtliche Mitteilung: Achtung, hier kommt die Hauptfigur.

Richtig spannend wird es auf dem gemeinsam genutzten Geh- und Radweg. Eine an sich gute Idee – sofern man davon ausgeht, dass beide Seiten sich gegenseitig als Mitmenschen wahrnehmen. In der Praxis wird daraus gelegentlich ein Versuchslabor für Naherfahrungen. Da rauscht jemand so knapp vorbei, dass man sich kurz am Hinterkopf vergewissert, ob die Haare noch vollzählig sind – Trockenschnitt im Vorbeifahren, ganz ohne Termin. Der Fußgänger ist dort weniger Verkehrsteilnehmer als bewegliches Slalomtor.

Und dann das E-Bike. Eine wunderbare Erfindung, gar keine Frage. Es hat nur einen kleinen Nebeneffekt: Es schenkt seinem Fahrer das angenehme Gefühl, gemütlich unterwegs zu sein, während er in Wahrheit mit beachtlichem Karacho durch die Gegend surrt. Verkehrspsychologisch ist das hochinteressant. ‚Das Fahrende‘ fühlt sich beschaulich, fast meditativ, und ist dabei objektiv so flott, dass ihn jeder Mopedfahrer respektvoll grüßt. Die Geschwindigkeit wird unterschätzt, der Bremsweg überschätzt, und die Existenz anderer Menschen kommt als überraschende Wendung im Tagesablauf daher. Man bremst dann mit dem ehrlichen Erstaunen eines Menschen, der gerade gelernt hat, dass Physik auch für Gutmeinende gilt.

Und das trifft, kleine Pointe am Rande, nicht nur Fußgänger. Auch strampelnde Radfahrer ohne elektrische Unterstützung dürfen die neue Dynamik der E-Biker genießen. Da wird geschnitten, knapp eingeschert und zum Bremsen gezwungen, als ginge es nicht zum Bäcker am Markt, sondern um die letzte Sprintetappe der Tour de France in Paris. Auf schmalen Wegen herrscht bisweilen die feste Überzeugung, der Schnellere sei automatisch auch der Berechtigtere. Sportlich gedacht – zivilisatorisch noch ausbaufähig.

Hinzu kommt die jüngste Spezialität unserer Zeit: das Familienfahrrad als städtebauliche Herausforderung. Lastenrad, E-Antrieb, Anhänger, Kinderaufsatz, zwei Körbe, ein Becherhalter – was heute auf zwei Rädern unterwegs ist, hat die Ausmaße einer kleinen Versorgungseinheit. Geparkt wird das Ganze dann gern so, dass Eingänge, Durchgänge und halbe Gehwege eine neue, kreative Funktion als Fitness-Parcours bekommen. Wer in Lemgo noch spontan einen Laden betreten möchte, sollte beweglich bleiben. Man weiß nie, wann ein quer abgestelltes Lastenrad den öffentlichen Raum vorübergehend in eine Sackgasse verwandelt.

Das alles wäre nur halb so schön, gäbe es nicht diese fast anrührende Selbstverständlichkeit, mit der es geschieht. Niemand fährt mit schlechtem Gewissen. Im Gegenteil. Viele wirken, als seien sie nicht zu schnell, zu breit oder zu knapp unterwegs, sondern im Besitz einer höheren verkehrsethischen Wahrheit. Frei nach dem Motto: Ich fahre Rad, also gehöre ich schon mal grundsätzlich zu den Guten. Und wenn ich dabei mit 30 Sachen durch die Fußgängerzone schieße, dann ganz sicher aus einem sehr verantwortungsvollen Grund.

Und genau da liegt der eigentliche Witz. Das Fahrrad ist in manchen Köpfen vom Fortbewegungsmittel zum moralischen Charakterzeugnis geworden. Wer radelt, meint es gut – mit dem Klima, mit der Welt, mit sich selbst. Das ist ehrenwert. Es erklärt nur noch nicht ganz, warum man deshalb an der Dame mit dem Rollator vorbeizischen darf, als sei sie ein Hindernis im Geschicklichkeitsparcours.

Mir geht es dabei wirklich nicht um Paragrafen. Ich will niemanden anzeigen, niemanden erziehen und schon gar keine Bußgeldordnung auswendig lernen. Mir würde völlig genügen, wenn an die Stelle des Regelwerks einfach wieder das treten dürfte, was wir früher gesunden Menschenverstand nannten – und ein bisschen von dem netten alten Gefühl, dass der andere da vorne auch ein Mensch ist und kein Slalomtor.

Bevor also die ersten empörten Radler Luft holen: Nein, ihr seid nicht allein. Die Autofahrer, die Scooter-Piloten und die Fußgänger mit ausgeprägtem Gottvertrauen arbeiten mit großem Engagement daran, dem Regelwerk seinen letzten Rest Verbindlichkeit auszutreiben. Sie alle bekommen noch ihren Auftritt – der Stoff geht uns in dieser Stadt so schnell nicht aus. Aber heute geht der freundliche Gruß eben an die Fraktion auf zwei Rädern: ein bisschen weniger Tempo, ein bisschen mehr Blick für die anderen. Und Verkehrsregeln, wenn es nicht zu viel verlangt ist, künftig vielleicht nicht nur als unverbindliche Menüempfehlung.

Ich selbst übe schon. Gestern habe ich an einer roten Ampel gehalten, ganz vorbildlich, und gewartet. Drei Leute haben mich überholt. Zwei davon hatten einen Helm. Der Dritte klingelte.

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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