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Das Lemgoer Nachrichten-Buffet: Warum wir am liebsten „Wunschkonzert“ lesen würden

Die Glosse

Haben Sie heute schon Ihr virtuelles Buffet bei „Mein Lemgo“ zusammengestellt? Es ist ein faszinierendes Phänomen: Ein Nachrichtenportal zu betreiben, gleicht dem Versuch, eine Hochzeitsgesellschaft von 80.000 Menschen gleichzeitig satt zu bekommen. Nur dass die einen strikte Veganer sind, die anderen nur Fleisch vom Mammut akzeptieren und der Rest sich lautstark darüber beschwert, dass die Gabeln auf der falschen Seite liegen.

Links, rechts, geradeaus? Hauptsache dagegen!

Egal, über welches Thema wir berichten – in der Kommentarspalte dauert es meist keine drei Minuten, bis die politische Kompassnadel wild auszuschlagen beginnt. Posten wir etwas über den Ausbau von Radwegen, schallt es aus der einen Ecke: „Typisch, diese linksgrüne Ideologie!“ Berichten wir im nächsten Moment über die Sorgen des örtlichen Handels, heißt es prompt: „Wieder mal typisch konservatives Sprachrohr!“

Manchmal frage ich mich, ob wir eine Schlagzeile wie „Sonne geht über Lemgo auf“ posten könnten, ohne dass jemand schreibt: „Aber nur für die da oben! Die Schattenseiten verschweigt ihr wieder mal ganz bewusst!“

Das „Kuschel-Kritik“-Dilemma

Mein persönlicher Favorit ist das Spielchen „Zu kritisch vs. Zu unkritisch“. Wenn wir über ein neues Projekt der Stadt berichten, ohne direkt den Untergang des Abendlandes zu prophezeien, sind wir sofort die „Hofberichterstatter der Verwaltung“. Wir kuscheln angeblich so viel mit dem Rathaus, dass man uns im Vorzimmer schon Pantoffeln anbietet.

Hinterfragen wir aber mal eine Entscheidung kritisch, kippt die Stimmung sofort: „Warum müsst ihr immer alles schlechtreden? Gönnt uns doch mal was! Ihr seid ja schlimmer als das Finanzamt!“ Es ist eine mathematische Unmöglichkeit: Für den einen sind wir die scharfen Kettenhunde der Opposition, für den anderen die sanften Streichelzoo-Wärter der Stadtspitze. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit genau dazwischen – aber „neutral“ ist im Internet ja leider so sexy wie eine kalte Bratwurst.

Zu viel Tor, zu wenig Goethe

Und dann ist da noch die inhaltliche Zerreißprobe. Bringen wir einen Spielbericht vom Handball, beschweren sich die Kulturfreunde: „Immer nur dieser Sport-Hype! Wo bleibt die Rezension zur Blockflöten-Sonate im Rathaus?“ Bringen wir die Kultur, schaltet der Sport-Fan ab: „Wer braucht das? Schreibt lieber, warum der Mittelstürmer den Elfmeter versemmelt hat!“

Es ist die Ära der „Ich-Nachricht“. Wir konsumieren News heute oft wie eine Playlist bei Spotify: Alles, was nicht meinem persönlichen Geschmack, meiner politischen Meinung oder meinem speziellen Hobby entspricht, wird als „schlechter Journalismus“ deklariert. Dass ein lokales Portal aber die ganze Stadt abbilden muss – vom Schützenfest bis zur Ratssitzung, vom Torjubel bis zur Theaterpremiere – wird dabei gern vergessen.

Die „Warum-berichtet-ihr-nicht-darüber“-Falle

Vielleicht sollten wir es so sehen: Eine Nachrichtenseite ist wie ein gut sortierter Wochenmarkt. Nur weil man keinen Rosenkohl mag, muss man nicht den Standbesitzer beschimpfen, dass er ihn anbietet. Man kann auch einfach am Stand daneben die Äpfel kaufen.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Weiterlesen. Und falls Ihnen dieser Text heute zu kritisch war: Keine Sorge, morgen schreiben wir bestimmt wieder etwas, das viel zu unkritisch ist. Wir müssen ja im Training bleiben!

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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