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Das Lemgoer Lamento: Von Marken-Wahn, Geisterläden und der großen Eiszeit

Wenn man den Diskussionen in den einschlägigen sozialen Netzwerken glaubt, dann ist unsere schöne Hansestadt mittlerweile eine Mischung aus einer Geisterstadt im Wilden Westen und einer Hochpreis-Boutique in Monaco. Die Diagnose der „Empörungs-Beauftragten“ steht fest: Die Innenstadt ist tot, die Mieten sind kriminell und überhaupt fehlt ein Kaufhaus mit der Größe des Louvre – natürlich mit kostenlosem Parkplatz direkt in der Obstabteilung.

Die Parkplatz-Psychose und der Marken-Wahn

Fangen wir beim größten Schmerzpunkt an: Dem Parken. Für den modernen Innenstadt-Kritiker beginnt das Elend bereits 300 Meter vor der Fußgängerzone. Wer mehr als zehn Schritte vom Auto zum Bäcker laufen muss, wittert eine Verschwörung der Verwaltung. In der Kleinstadt-Logik gilt: Ein Parkplatz, der nicht direkt an den Tresen der Apotheke mündet, existiert quasi nicht.

Und was macht der Bürger? Er pflegt sein liebstes Hobby: Das konstruktive Maulen.

„Es gibt keine Parkplätze!“, schallt es aus dem SUV, während der Fahrer eigentlich am liebsten direkt bis vor das Regal mit den laktosefreien Haferkeksen rollen würde. Dass das Parkhaus nur 200 Meter entfernt leer steht? Geschenkt. Zu weit weg. Da klickt man lieber bei Amazon – da liefert der Bote bis an die Haustür, und man muss nicht mal die Jogginghose ausziehen.

Gleichzeitig wird beklagt, dass es keinen „attraktiven Einzelhandel“ mehr gebe. Man wünscht sich den charmanten Tante-Emma-Laden zurück, kauft dort aber höchstens mal eine Briefmarke, wenn das Internet ausgefallen ist. Die Mieten seien zu teuer, das Pflaster zu holprig und überhaupt: Früher war hier mehr Lametta.

Dazu gesellt sich der Ruf nach den „großen Marken“. „Warum haben wir kein Zara, kein H&M, kein KaDeWe?“, klagen diejenigen, die ihre letzte Jeans vermutlich 2024 bei Amazon bestellt haben. Man beklagt das mangelnde Angebot der lokalen Händler, kauft aber selbst online, während man gleichzeitig tippt, dass die Händler ja selbst schuld seien, wenn keiner mehr kommt.

Leerstands-Kosmetik: Das Hütchenspiel der Bürokratie

Und was macht die Stadtverwaltung gegen das „Loch-in-Loch“-Phänomen unserer Einkaufsstraßen? Hier trifft grenzenloser Optimismus auf die nackte Hilflosigkeit der Amtsstuben. Wenn im Rathaus die Pressemitteilung zur „Innenstadt-Belebung“ verfasst wird, klingt das nach Aufbruch, Silicon Valley und blühenden Landschaften. In der Realität sieht man dann eher ein behördliches Hütchenspiel: Dank üppiger Fördergelder wird der Leerstand A lediglich gegen den Leerstand B getauscht. Das Sortiment ändert sich dabei ungefähr so drastisch wie das Wetter im November – man hat am Ende vielleicht einen anderen Namen über der Tür, aber die Lücke im Angebot bleibt so beständig wie die Überzeugung, dass man mit einem „Pop-up-Store“ für handgeklöppelte Smartphone-Hüllen die Weltwirtschaft rettet.

Unsere Stadtväter und -mütter lassen nichts unversucht. Man hat das volle Programm aufgefahren: Runde Tische, an denen so viel geredet wurde, dass die Tischplatten schon Furchen ziehen. Es wurden externe Berater eingeflogen – meist dynamische Menschen in Slim-Fit-Anzügen, die für das Honorar eines Kleinwagens herausfanden, dass „Aufenthaltsqualität“ wichtig sei.

Die Verwaltung wirkt dabei oft wie ein Moderator, dem man das Mikrofon abgedreht hat. Denn am Ende entscheiden weder Förderrichtlinien noch bunte Broschüren darüber, wer einzieht, sondern die Immobilienbesitzer. Während im Rathaus noch an der neuesten Vision gefeilt wird, unterschreiben die Vermieter lieber den zehnten Vertrag für einen Laden, den eigentlich niemand braucht, solange die Rendite stimmt. Irgendwann fragt man sich als Bürger, ob Bürokraten eigentlich in der gleichen Realität leben oder ob sie ein Parallel-Lemgo bewohnen, in dem jedes leere Schaufenster ein „Chance“ und jeder Leerstand eine „kreative Pause“ ist.

Die Eisbahn: Ein frostiges Denkmal der Beharrlichkeit

Besonders dickfellig wurde es zuletzt beim Prestigeprojekt „Eisbahn“. Mit einer Entschlossenheit, die selbst einen Eisbrecher vor Neid erblassen ließe, boxten Stadt und Stadtmarketing das Projekt am Ende der Fußgängerzone trotz haarsträubender Finanzierungslücken durch. Klimaschutz? Während im Rathaus die Tinte auf dem Papier zur „Klimaneutralität“ noch trocknete, ließ man im Lippegarten die Stromzähler rotieren, bis sie glühten. Eine hoch subventionierte Eisfläche, die so viel CO2 in den Winterhimmel pustete, dass die Eisbären in der Arktis kollektiv Schnappatmung bekamen.
Klimaschutz trägt man im Rathaus sonst gern als heilige Monstranz vor sich her – doch für ein paar Wochen Schlittschuh-Spaß wurde die ökologische Korrektheit kurzerhand „auf Eis gelegt“.

Das Stadtmarketing hat dafür den letzten Euro aus dem Etat gekratzt – in der Hoffnung auf Massen an Schlittschuhläufern. Die kamen auch, froren und fuhren wieder heim. In der Innenstadt selbst herrschte derweil die Atmosphäre einer verlassenen Mondbasis. Auf dem zentralen Marktplatz gab es nicht mal eine einsame Glühweinbude, an der man sich die Frostbeulen hätte wegtrinken können. Ein teurer Spaß, der uns zwar kein Shopping-Wunder beschert hat, dafür aber eine Stromrechnung, die so lang ist wie die Liste der unerfüllten Versprechen zum Hundeauslaufplatz. Der bleibt nämlich auch nach sieben Jahren ein mythischer Ort – quasi das Atlantis unserer Gemarkung.


Während immense Sponsorengelder in die Kühlaggregate flossen, schauten andere gemeinnützige Institutionen und Vereine zur Weihnachtszeit in die Röhre – Sponsoren können eben auch nur eine Sache sponsern. Der erhoffte warme Regen in der Bugwelle der Eiswelt für Gastronomie und Handel im Rest der Stadt fühlte sich für die meisten eher wie kalter Schneematsch an. Die Kundschaft lief zwar auf der Eisfläche im Kreis, aber die Kassen in den Boutiquen blieben oft so frostig wie die Bahn selbst.

Fazit: Das Paradies ist immer woanders

Das Anspruchsdenken ist so groß wie die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die es so nie gab. Die Innenstadt soll alles bieten: Mega-Events, Weltmarken, Ruhe und freie Fahrt bis zum Marktplatzbrunnen. Vielleicht sollten wir den Ball mal flach halten. Unsere Stadt lebt davon, dass man hingeht – und zwar auch dann, wenn man mal 50 Meter laufen muss. Und an all jene Schönredner, die beim Anblick des Leerstands nur lächeln und sagen: „Alles halb so wild, wir haben doch ein Konzept!“ – herzlichen Glückwunsch. Aber Konzepte füllen leider keine Schaufenster.

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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