Zwischen Netiquette und Nervenzusammenbruch: Das digitale Schützenfest

Früher war der Lokaljournalismus eine saubere Sache. Man schrieb einen Artikel über die neue Einbahnstraßenregelung der Breiten Straße, das Blatt wurde gedruckt, und wer sich beschweren wollte, musste mühsam zum Kugelschreiber greifen, eine Briefmarke suchen und den Weg zum Briefkasten finden. Bis der Zorn in der Redaktion einschlug, war er meistens schon auf Zimmertemperatur abgekühlt.
Heute haben wir Social Media. Heute findet das Schützenfest der Meinungen 24/7 in unseren Kommentarspalten statt. Und wir, die Online-Redaktion, stehen mittendrin – bewaffnet mit nichts als einer löchrigen Netiquette und dem naiven Glauben an die Sachlichkeit.
Der Themenbaum der Verdammnis
Es beginnt meistens harmlos. Wir posten eine sachliche Information, etwa: „Der Stadtrat berät über neue Mülleimer im Kurpark.“ Ein klassisches Sachthema, sollte man meinen. Doch innerhalb von drei Minuten hat sich der Kommentarstrang so weit verästelt, dass wir uns in einem Dschungel aus Absurditäten wiederfinden:
Kommentar 1: „Wieder Steuerverschwendung! Die sollen lieber die Schlaglöcher in der Mozartstraße flicken!“
Kommentar 2 (Antwort auf 1): „Mozart war ein Rassist, informieren Sie sich mal!“
Kommentar 3: „Mülleimer? Dass ich nicht lache. In meier Starße ist immer noch kein H&M“ (Da ist er wieder, der Klassiker).
Nach zehn Minuten diskutiert die Community unter dem Mülleimer-Post leidenschaftlich über die Golddeckung des US-Dollars, die korrekte Zubereitung von Grünkohl und warum der Redakteur auf seinem Profilbild so eine arrogante Brille trägt. Wir nennen das intern die „Themen-Migration“ – ein Phänomen, bei dem jeder Inhalt innerhalb kürzester Zeit durch den persönlichen Frust-Filter der Leserschaft gepresst wird.
Anspruchsdenken: „Warum antwortet hier keiner?“
Dann ist da das Anspruchsdenken. Der moderne Leser erwartet von uns nicht nur neutrale Berichterstattung, sondern eine 24-Stunden-Rundum-Betreuung. Moderieren wir nicht konsequent genug, sind wir ein „Hort des Hasses“. Löschen wir eine Beleidigung, die unter die Gürtellinie eines Tiefseefisches geht, sind wir die „Zensur-Diktatur“.
„Neutralität!“ fordern sie alle. Doch Neutralität bedeutet in der Welt der Kommentarspalten meistens: „Schreib genau das, was ich denke, sonst bist du gekauft!“ Wenn wir versuchen, mit Fakten zu kommen, werden wir mit dem ultimativen Totschlagargument niedergestreckt: „Früher war alles besser!“ Früher gab es nämlich noch richtigen Journalismus (sprich: Da stand nur das drin, was man beim Friseur auch schon gehört hatte) und keine „Online-Fritzen“, die einen darauf hinweisen, dass Großbuchstaben kein Ersatz für Argumente sind.
Der Kampf gegen die Windmühlen
Wir moderieren uns die Finger wund. Wir mahnen zur Sachlichkeit wie eine Kindergärtnerin in einer Gruppe von Dreijährigen auf Zucker-Entzug. Wir setzen Emojis ein, um die Wogen zu glätten, aber ein Smiley unter einem Wutbürger-Kommentar wirkt oft wie ein Glas Wasser auf einen Fettbrand.
Am Ende des Tages sitzen wir vor dem Bildschirm, blicken auf 400 Kommentare unter einem Bericht über die Sanierung des städtischen Taubenschlags und stellen fest: Wir wissen jetzt alles über die geheimen Machenschaften der Illuminaten und warum Hildegard aus der Vorstadt ihren Ex-Mann hasst. Nur über die Tauben hat keiner geredet.
Und jetzt?
Social Media in der Lokalredaktion ist wie ein digitales Klassentreffen, bei dem alle gleichzeitig schreien und keiner zuhört. Aber wir machen weiter. Schließlich brauchen wir den Stoff für die nächste Glosse.
Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte – unter dem Post zum neuen Seniorenbeirat wird gerade über die flache Erde diskutiert. Ich muss da mal eben… ach, vergessen Sie es
Infokasten: Das kleine „Ein-Mal-Eins“ der Kommentarkultur
(Ein Service Ihrer Redaktion – bitte ausschneiden und auf den Monitor kleben)
Regel 1: Die „Was-ist-mit“-Taktik (Whataboutism) Egal, worum es im Artikel geht (z.B. ein neues Rezept für Apfelkuchen): Kommentieren Sie grundsätzlich mit einem völlig anderen Thema, das Sie gerade ärgert. Beliebt sind: Die Benzinpreise, der Zustand der Weltmeere oder – natürlich – die fehlenden Parkplätze.
Regel 2: GROSSBUCHSTABEN SIND ARGUMENTE Wenn die Faktenlage dünn ist, drücken Sie einfach die Feststelltaste. SCHREIEN ERSETZT LOGIK UND VERLEIHT IHRER MEINUNG DIE NÖTIGE SCHWERE. Wer leise schreibt, hat meistens Unrecht oder ist von „denen da oben“ bezahlt.
Regel 3: Die Goldene Drei-Minuten-Regel Lesen Sie auf keinen Fall den ganzen Artikel. Die Schlagzeile reicht völlig aus, um sich ein abschließendes Urteil zu bilden. Wer klickt, verliert wertvolle Zeit, in der man schon drei wütende Emojis (😡😡😡) posten könnte.
Regel 4: Der „Zensur“-Joker Sollte die Redaktion Ihren Kommentar löschen, weil Sie jemanden als „evolutionsgebremsten Amöben-Züchter“ bezeichnet haben, schreien Sie sofort „ZENSUR!“. Berufen Sie sich auf das Grundgesetz, das Internetrecht von 1848 und fordern Sie die sofortige Entlassung des Online-Redakteurs.
Regel 5: Der „Früher“-Faktor Beenden Sie jede Diskussion mit dem Satz „Früher hätte es das nicht gegeben“. Was genau es früher nicht gegeben hätte (Internet? Meinungsfreiheit? Den Artikel?), lassen Sie dabei bewusst im Dunkeln. Das verleiht Ihnen eine Aura von mystischer Altersweisheit.




