„Algorithmus kann keine Beratung ersetzen“ – Peter Lüssem über Reisetrends, Koffer-Tricks und die Zukunft in der Mittelstraße
LEMGO. Die Reisebranche hat sich gewandelt, doch Peter Lüssem von „eXpitur – Reisen vom Experten“ in der Lemgoer Mittelstraße sieht der Zukunft gelassen entgegen. Wir haben den Experten gefragt, wohin die Lemgoer dieses Jahr reisen, wie man sein Gepäck vor Dieben schützt und warum das persönliche Gespräch oft besser ist als jede Online-Bewertung. Ein Gespräch über Traumziele, Rettungsaktionen und Standorttreue.
Herr Lüssem, wenn Sie auf die Buchungen der letzten Monate schauen: Gibt es ein Ziel, das bei uns in Lemgo gerade überraschend hoch im Kurs steht?
Peter Lüssem: Eine ehrliche Antwort? Nein. Zurzeit werden eigentlich genau wie in den letzten Jahren die klassischen Urlaubsziele rund ums Mittelmeer gebucht: Spanien, die Türkei und Griechenland. Einen neuen Trend, der da gerade ausbricht, sehe ich im Augenblick nicht.
Viele planen jetzt ihren Sommerurlaub. Welchen Ort sollten wir für 2026 unbedingt auf dem Schirm haben, der noch nicht völlig überlaufen ist?
Lüssem: Das ist eine schwierige Frage. Die bekannten „Rennstrecken“ sind natürlich oft auch die Ziele, die preislich interessant sind. Wenn wir aber von einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis ausgehen und uns auch mal außerhalb Europas bewegen, würde ich den nordafrikanischen Bereich wie Tunesien oder Marokko empfehlen. Dort sind die Gästezahlen aus den europäischen Ländern noch recht gering. Dementsprechend wird man diese völlig überlaufenen Strände, wie man sie teilweise in der Türkei oder Spanien hat, dort sicherlich nicht vorfinden.
Inflation und steigende Preise sind ein großes Thema: Wo bekommt man aktuell noch am meisten Urlaub für sein Geld?
Lüssem: Wenn wir Leistungen auf einem bestimmten Qualitätsniveau vergleichen, sind wir im östlichen Mittelmeerraum gut aufgehoben. Die Türkei hat sich zwar, gerade nach Corona, preislich nach oben bewegt, ist aber für Familien immer noch ein sehr interessantes Ziel. Was mittlerweile bei uns auch sehr gut gebucht wird – und da spreche ich auch aus eigener Erfahrung – ist Bulgarien. Ziele wie der Sonnenstrand oder Goldstrand bieten ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.
Das Internet ist voll von Buchungsportalen. Was ist der Moment im Beratungsgespräch, den kein Algorithmus der Welt ersetzen kann?
Lüssem: Die Antwort ist ganz einfach: Den Menschen. Die Erfahrungswerte, die man als Touristiker hat – ich bin seit über 30 Jahren in der Branche –, das kann auch die beste KI nicht. Dazu gehört das Wissen rund um die Zielgebiete, die man selbst besucht hat, aber vor allem auch die Reflexion der Gäste nach ihrer Rückkehr. Das kann kein Algorithmus ersetzen, weshalb wir uns da auch keine Sorgen machen, dass es für uns schwieriger wird.
Was ist der häufigste Fehler, den Leute bei der Urlaubsplanung machen, und wie vermeidet man ihn?
Lüssem: Wir erleben oft Kunden, die zu uns kommen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Sie haben online gebucht und Probleme, weil Beratung fehlte oder haben auf Bewertungen vertraut, von denen kein Mensch weiß, wo sie herkommen. Im stationären Bereich, in einem qualifizierten Reisebüro mit Fachwissen, passieren solche gravierenden Fehler eigentlich nicht.
Hand aufs Herz: Gab es mal eine „Rettungsaktion“, bei der Sie einen Kunden aus einer komplizierten Reisesituation von Lemgo aus herausgepaukt haben?
Lüssem: Definitiv, das ist noch gar nicht lange her. Aufgrund des Winterwetters und vereister Autobahnen saßen Kunden im Stau fest und haben ihren Flug von Frankfurt auf die Malediven verpasst, zumal der Flughafen zeitweise gesperrt war. Wir haben von hier aus sofort Ersatz gesucht und gebucht. Die Kunden konnten die Reise einen Tag später antreten und haben sich dann glücklich von ihrer Trauminsel gemeldet.
Was war das außergewöhnlichste Reiseziel, das Sie in Ihrer Laufbahn jemals vermittelt haben?
Lüssem: Da fällt mir sofort eine Expeditionsreise in die Antarktis ein, die ein langjähriger Stammkunde vor einigen Jahren gebucht hat. Er hat uns danach mit vielen Informationen, Fotos und Videos versorgt. Da konnte man wirklich miterleben, wie faszinierend diese Region ist.
Gibt es einen Profi-Tipp für den Flughafen oder den Koffer, den Sie jedem Ihrer Kunden mit auf den Weg geben?
Lüssem: Wir empfehlen grundsätzlich, keine Kofferanhänger mit Namen und Adresse außen am Koffer anzubringen. Sobald ein Namensschild sichtbar ist, wissen Dritte, dass Sie nicht zu Hause sind, was Einbrecher anlocken könnte. Mein Tipp: Legen Sie einfach einen Zettel mit Ihren Daten oben in den Koffer auf die Kleidung. Falls ein Koffer verloren geht, wird er von den Behörden geöffnet und kann so zugeordnet werden – zu 95 Prozent bekommt man ihn wieder.
Thema Nachhaltigkeit: Wie erkenne ich als Laie eigentlich, ob ein Hotel oder ein Reiseveranstalter wirklich ökologisch arbeitet?
Lüssem: Das ist ein schwieriges Thema, bei dem der Begriff „nachhaltig“ oft aus wirtschaftlichen Gründen genutzt wird, ohne dass unbedingt viel dahintersteckt. Es gibt Veranstalter und Hotels, die qualifiziert sind, und wir können in unseren Systemen danach selektieren. Ich rede aber am liebsten offen mit dem Kunden im Beratungsgespräch darüber, um eine passgenaue Lösung zu finden, statt mich nur auf Labels zu verlassen.
Sie engagieren sich stark vor Ort, etwa beim TBV Lemgo oder Lemgo Marketing. Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Standorts in der Innenstadt?
Lüssem: Wir haben hier in der Mittelstraße keine Zukunftsangst. Die Lage direkt am Marktplatz ist einer der interessantesten Standpunkte in Lemgo und sorgt für eine sehr hohe Frequenz – Zählungen ergeben hier etwa 6000 Bewegungen am Tag. Zudem sind wir stark mit der Stadt verbunden, auch als langjähriger Werbepartner beim TBV Lemgo. Wir sind dort seit Jahren im Partnerkreis und ganz explizit in der Bandenwerbung vertreten, zum Beispiel sind wir bei Siebenmetern auf der Bande präsent. Das macht Lemgo für uns auch werbetechnisch interessant.
Natürlich ist die Mittelstraße ein heikles Thema; sie ist für die heutige Zeit vielleicht zu lang. Sie wird in Zukunft sicherlich auch durch andere Mieter bespielt werden müssen, etwa Dienstleister, Handwerker oder Wohnraum, da der klassische Handel allein das nicht füllen kann. Aber ich als ehemaliger Lemgoer und wir als eXpitur fühlen uns hier sehr wohl und freuen uns auf die nächsten Jahre in Lemgo.



