Entfolgt euch doch alle selbst

Die Content Glosse von Micha Haudrauf
Ich habe neulich zwanzig Minuten meines Lebens damit verbracht, ein Foto von meinem Hund zu posten. Nicht, weil der Hund sich nicht fotogen hingelegt hätte – der kann das im Schlaf, im wahrsten Sinne – sondern weil Instagram mir vorschlug, das Bild doch mit einem „Call to Action“ zu versehen. Einem Call to Action. Für ein Foto von einem schlafenden Hund. „Welcher Schlaftyp ist euer Vierbeiner? Schreibt es in die Kommentare!“ Nein. Einfach nein. Der Hund schläft. Das ist die ganze Geschichte.
Aber so läuft das jetzt auf Social Media. Nichts darf einfach nur sein. Alles muss performen, connecten, engagen. Mein Mittagessen ist kein Mittagessen mehr, es ist „Content“. Mein gelegentlicher Wutpost über Radfahrer in der Fußgängerzone ist kein ehrliches Aufregen mehr, sondern laut meiner Reichweitenstatistik mein „erfolgreichstes Format“. Großartig. Die beste Version meinerselbst im Internet ist offenbar die wütende.
Ich habe als Lokaljournalist Social Media jahrelang als Schaufenster genutzt. Hier ein Beitrag, da ein Link, schaut mal rüber zu Mein-Lemgo. Das funktionierte auch ganz ordentlich, solange man in der Timeline noch zwischen den Urlaubsfotos der Schwägerin und dem dritten Kuchenrezept von Tante Margret auftauchte. Heute? Heute konkurriere ich mit einem Friseur, der Tanztransitions dreht. Mit einer Hundeschule, deren Trainerin morgens um sechs in die Kamera weint, weil „Authentizität so wichtig ist“. Und mit einem Lemgoer Steuerberater, der jetzt Reels macht. Reels! Ein Steuerberater! Über Abschreibungsmodelle! Mit Musik von Drake!
Irgendwann in den letzten zwei Jahren hat offenbar restlos jeder in dieser Stadt eine Social-Media-Agentur gegründet oder eine angeheuert. Der Blumenladen hat einen Content-Berater, die Änderungsschneiderei hat eine „digitale Strategie“, und der Typ vom Dönerimbiss wurde von seinem siebzehnjährigen Neffen überredet, seine Falafel in Zeitlupe zu filmen. Der Algorithmus dankt. Die Falafel wird davon nicht besser, aber sie hat jetzt 4.000 Views.
Das Rattenrennen um Aufmerksamkeit ist längst kein Rennen mehr, es ist eine Massenkarambolage in Zeitlupe. Alle schreien gleichzeitig, und weil alle schreien, schreit jeder noch ein bisschen lauter. Der Handwerker postet nicht mehr seine fertigen Fliesen, er postet sich selbst beim Reagieren auf Hater-Kommentare. Die Yogalehrerin macht keine Yoga-Videos mehr, sie macht Videos darüber, warum sie keine Yoga-Videos mehr macht. Meta! Wirklich ganz furchtbar meta.
Am schlimmsten hat es die Politik erwischt. Vor ein paar Jahren gab es eine Handvoll Politiker, die Social Media tatsächlich konnten. Die haben erklärt, was sie warum entschieden haben, und man dachte: Oh, ein Politiker, der mit mir redet statt an mir vorbei. Schön war das. Kurz. Denn natürlich hat es dann jeder kopiert. Jetzt filmt sich wirklich jeder Stadtrat beim betroffen Nicken, jeder Mandatsträger will mich auf dem Weg zur Sitzung „mitnehmen“, und spätestens wenn sich die Schlagzahl der kleinen Handyvideos verdoppelt und plötzlich auch der letzte Hinterbänkler auf dem Wochenmarkt in die Kamera lächelt – dann weiß man: Ah, es steht eine Wahl an. Social Media als politisches Frühwarnsystem. Funktioniert zuverlässiger als jeder Wahlkalender.
Und dazwischen stehe ich mit meinem schlafenden Hund und meiner Frikadelle vom Vorabend und frage mich, ob ich den Verstand verloren habe oder alle anderen. Die ehrliche Antwort ist wahrscheinlich: ja.
Ich habe neulich aus reiner Neugier nachgeschaut, wer meinen letzten Beitrag tatsächlich gesehen hat. Von siebentausend Followern haben ihn ungefähr dreihundert angezeigt bekommen. Dreihundert. Das ist die Reichweite eines mittelgroßen Aushangkastens. Nur dass der Aushangkasten keine Daten sammelt, keinen Algorithmus hat und mich nicht dazu bringen will, für 29,99 Euro meinen Beitrag zu „boosten“. Der Kasten steht einfach da. Still. Ehrlich. Unmonetarisiert. Ein Held unserer Zeit, eigentlich.
Und das Image! Liebe Leute, das Image. Social Media ist angetreten, um uns alle sichtbar und sympathisch zu machen. Stattdessen schaue ich in meine Timeline und sehe erwachsene Menschen, die mit Zeigefinger in die Kamera zeigen und mir erklären, warum ich fünf Fehler beim Immobilienkauf mache. Ich habe gar keine Immobilie gekauft. Ich habe das Bild nur zwei Sekunden zu lang angeschaut, und jetzt verfolgt mich dieser Mensch durch das gesamte Internet. Man erreicht mit diesem ganzen Gezappel nämlich vor allem eines: dass Leute einen wiedererkennen, aber nicht so, wie man es sich wünscht. Nicht „Ach, das ist der nette Journalist!“ – sondern „Ach Gott, ist das der, der immer diese …?“ Und dann folgt ein Satz, den man wirklich nicht hören möchte.
Also, was bleibt? Der Hund schläft, das Essen wird kalt, und ich scrolle mich durch ein Meer aus Selbstdarstellung, Engagement-Bait und gesponserten Beiträgen für Heißluftfritteusen. Irgendwo zwischen dem dritten Coaching-Angebot und einer Werbung für Zahnschienen denke ich mir: Ich glaube, es reicht. Nicht mit einem großen Knall, nicht mit einem letzten heroischen Post. Einfach so. Leise. Wie ein schlafender Hund.
Wobei – den Hund poste ich vielleicht doch noch. Ein letztes Mal. Ohne Call to Action.
Der Autor geht jetzt offline. Theoretisch. Diese Glosse finden Sie selbstverständlich auch auf Facebook und Instagram. Man will ja Reichweite.
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