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Weitere Ladenschließungen in der Lemgoer Innenstadt – Chance oder Krise?

Einige weitere Geschäftsaufgaben stehen aktuell an: neben dem im vergangenen Herbst eröffneten Secondhand-Shop East Village Outfitters werden beispielsweise auch KODI (Haushaltswaren), Peppermint (Schuhe) und AUST (Bekleidung) im Laufe der nächsten Wochen ihre Geschäfte aufgeben. Bei einem Rundgang in der vergangenen Woche zählten wir in der Mittelstraße und Haferstraße über 20 Leerstände. Es gibt mittlerweile zwar einige Neuzugänge und ‚Umzüge‘: so zog Schanis Giesler mit Time to Relax von der Haferstraße in die Mittelstraße, Die Komplizen der Region vom Pop-Up-Store in der Mittelstraße 14 in ihr endgültiges Domizil Mittelstraße 19, ein Secondhand-Kleidung Anbieter zog in das ehemalige Bekleidungsgeschäft Heaven Ecke Kramerstraße/Mittelstraße. In die Mittelstraße 70 (ehemals Dröge/Solfen) soll bald die Gastronomie Mahala einziehen und Immobilienmakler Sven-Eric Bierhenke gab gestern die Vermietung der Geschäftsräume in der Mittelstraße 92 (Friseur und Nagelstudio) bekannt. Der Redaktion sind aber anderseits auch mindestens zwei weitere geplante Abwanderungen namhafter Filialisten bekannt (diese sind noch nicht auf der Übersichtskarte vermerkt).

Karte der aktuellen (und anstehenden) Leerstände in der vergangenen Woche. Karte: Open Street Maps, Grafik Mein Lemgo

In den letzten Jahren wurde Lemgo von der bundesweit beginnenden Leerstandskrise der Innenstädte verschont. Leerstandquoten von rund 3% waren die Regel, wirtschaftlich starke und bekannt Ketten wie C&A oder H&M eröffneten Niederlassungen in der Mittelstraße. Gerade die Filialisten entwickeln sich aber zur Zeit zum Problem. Wolfgang Jäger (Lemgo Marketing) stellt eine Abkehr der Ketten aus den Mittelzentren fest: „Wenn eine Marke stationär und mit dem Online-Handel vertreten ist, so gibt sie zur Zeit bei unbefriedigenden Umsatzzahlen meist die Filiale auf und konzentriert sich auf das Internetgeschäft.“ Nach seiner Meinung ist die Leerstandsituation zwar kritisch, er weist aber auf die intakte Infrastruktur der Stadt hin: „Wir haben nach wie vor eine architektonisch attraktive Innenstadt, einen wunderschönen Marktplatz und auch an den Bega Terrassen hat sich ja einiges zum Guten gewendet.“ Wolfgang Jäger ist sich sicher, dass Lemgo auch weiterhin für Besucher attraktiv bleibt. Nichts desto trotz weist er auf einen Wandel hin:“ Künftig werden Innenstädte keine reinen Einkaufstraßen, wie wir sie Jahrzehnte kannten, mehr sein – in den erfolgreichen Innenstädten wird künftig Begegnung und Kultur stattfinden, das Erlebnis im Vordergrund stehen.“ Die Struktur der Fußgängerzonen ändere sich, künftig werde man vermehrt Dienstleister, Praxen oder Kanzleien sowie Kunst, Kultur oder Gastronomie vorfinden. Auch Umwidmung zu Wohnraum ist mittlerweile ein Lösungsvorschlag vieler Beteiligter zur Bekämpfung des Leerstands.

Tobias Vietz (Wirtschaftsförderung Lemgo) beurteilt die Situation des Strukturwandels ähnlich, er kann sich zusätzlich auch eine engere Einbindung von Studenten und Mitarbeitern des Campus und der Lemgoer Bürger mit Migrationshintergrund vorstellen: „Fachgeschäfte oder Pop-Up-Stores beispielsweise mit Lebensmitteln und Gewürzen hätten ein Alleinstellungsmerkmal und würden sicher gut angenommen.“ Die Wirtschaftskraft und Innovation der Lemgoer mit internationalem Kulturhintergrund dürfe man nicht unterschätzen. Auch hält er nach wie vor das Wirtschaftsförderungsprogarmm „Stärkung der Innenstädte“ für ein starkes Werkzeug. Bei diesem erneut aufgelegten Programm werden, bei Verzicht des Vermieters auf 30% der ursprünglichen Miete, nur 40% der Pacht bis Ende 2026 vom Mieter getragen, die Differenz trägt die Stadt Lemgo, bzw. das Land NRW. Nach Angaben der Stadt Lemgo seien beim abgelaufenen Programm „18 Unternehmerinnen und Unternehmen mit Mitteln des Programms gefördert worden, darunter ein Kunsthandwerksunternehmen, drei Dienstleister, vier gastronomische Betriebe und zehn Einkaufsgeschäfte. Von den 18 Unternehmen bestehen 11 weiter (1x Kunsthandwerk, 1x Dienstleistung, 4x Gastro, 5x Einkaufserlebnis), das entspricht einer Quote von 61 Prozent.

Gerade diese wirtschaftliche Unterstützung kritisieren aber einige Lemgoer Geschäftsleute mittlerweile teils heftig. „Ein Schlag ins Gesicht des bestehenden Handels, der ohne Subventionen in den schwierigen letzten Jahren klarkommen muss“, kommentiert ein Inhaber in den sozialen Medien die temporäre Bezuschussung der Pacht durch die Stadt als Wettbewerbsverzerrung. Und auch Rosi Diekmeier (Chefin des gleichnamigen Immobilienbüros) moniert die ihrer Meinung nach zu schwache Erfolgsquote des Programms. Zu wenig sei bisher bei der Bewilligung der Anträge auf die Qualität der Konzepte, die Steigerung der Attraktivität für die Innenstadt und die Erfolgschancen der Unternehmer geachtet worden. Aber auch die Immobilienbesitzer sieht sie in der Pflicht, manche Vermieter müssten sich von überhöhten Mietzinsforderungen verabschieden. Das sieht auch Sven-Eric Bierhenke (Bierhenke Immobilien) so: „Ich empfehle den Vermietern mittlerweile dringend, mit dem alten Mieter nachzuverhandeln.“ Dies sei für alle Beteiligten oft eine befriedigendere Lösung, als ein Leerstand und die anschließende Suche nach neuen Mietern.

Teils gäbe es auch Bewerber für freie Ladenflächen, diese würden aber häufig mit einer gewissen Naivität den Schritt in die Selbstständigkeit gehen oder würden Geschäftsideen präsentieren, welche nicht im Sinne des Vermieters seien oder das Besuchserlebnis der Innenstadt auch nicht zwingend reizvoller gestalten würden, so Bierhenke. Andere Interessenten hätten gute Ideen, würden aber auf dem Arbeitsmarkt nicht fündig, wieder andere sind durch die politische Entwicklung und stetig steigende Preise und Kosten verunsichert.

Wünsche und Forderungen der Geschäftsleute an die Politik sind unter anderem verbesserte Parkbedingungen für die Kunden und eine – wie auch immer geartete – Belebung der Innenstadt in der Weihnachtszeit sowie einen stärkeren Einbezug der ‚oberen‘ und ‚unteren‘ Mittelstraße bei Events, es konzentriere sich zu häufig alles am Marktplatz. Man zeigt sich durchaus selbstkritisch, was die Öffnungszeiten betrifft: hier wird von den Händlern durchaus die Notwendigkeit von einheitlichen Öffnungszeiten anerkannt. Auch fragen sich immer mehr Menschen in Lemgo, ob die Mittelstraße in ihrer gesamten Länge noch als Einkaufstraße funktionieren kann – oder ob sie in Zeiten des Onlinehandels und veränderten Kaufverhaltens nicht schlicht zu lang für ein befriedigendes Einkaufserlebnis ist. Petra Ebert (AUST), die ihr Geschäft wegen einer schweren Erkrankung schließen muss, meint allerdings: „Wenn man sich spezialisiert [in ihrem Fall auf ‚große Größen‘, Anmerkung der Redaktion] und guten Service bietet, dann hat man auch schnell eine treue Stammkundschaft. Wenn ich wieder gesunde und dann ein neues Geschäft eröffnen sollte, dann komme ich wieder nach Lemgo!“

Einig sind sich alle Beteiligten: eine einfache Lösung existiert für diese neue Situation nicht. Und zu bewältigen ist die sich abzeichnende Krise (oder Chance?) nur in abgestimmter Zusammenarbeit von Handel, Gastronomie, Immobilienbesitzern, Politik, Verwaltung und Lemgo Marketing – und vor allem der Lemgoer Bürger. Die Rahmenbedingungen können geschaffen (und eventuell verbessert) werden, am Ende stimmt aber der Konsument ‚mit den Füßen ab‘ und entscheidet über Erfolg oder Misserfolg der Händler, Gastronomen und Dienstleister in der Innenstadt.

Das Thema ist komplex und von großer Bedeutung. Daher werden wir künftig zeitnah in loser Reihenfolge über die Pläne der Verwaltung, der Politik, Lemgo Marketing und einzelner Händler und Gastronomen berichten sowie die Entwicklung dokumentieren und tiefer in die Materie eintauchen. Gerade die Meinung der Lemgoer (und damit unserer Leser) interessiert uns, unter redaktion@mein-lemgo.de könnt ihr uns gern Anregungen, Kritik oder Wünsche mitteilen.

Update 10. Januar, 6.29 Uhr: Wer sich umfassend informieren möchte und mehr über die Chancen eines Leerstandes oder Beispiele für kreative Alternativen erfahren möchte, dem empfehlen wir die Broschüre ‚Gute Geschäfte – Was kommt nach dem Einzelhandel?‘ der Baukultur NRW.

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