Lemgos „Warten auf Bell-O“ – Zwischen Kammmolch-Diplomatie und kollektivem Koma
Die Glosse zur Posse
Man muss die Lemgoer Hundebesitzer einfach gern haben. Sie sind wie die Stadt selbst: Ein bisschen gemütlich, sehr geduldig und offenbar in einem Zustand tiefster spiritueller Gelassenheit gefangen. Während in anderen Städten die Menschen für weniger wichtige Dinge auf die Barrikaden gehen, trotten die Lemgoer Hundehalter im feinen lippischen Nieselregen an der Zwei-Meter-Leine durch die Gegend und akzeptieren ihr Schicksal als ewige Bittsteller. Seit gefühlten Lichtjahren wird über eine Hundewiese diskutiert, aber in Lemgo hat ein solches Projekt die Halbwertszeit von Uran – es passiert einfach nichts, aber es strahlt eine ungeheure bürokratische Energie aus.
Das Innovations-Zentrum für Stillstand
Unsere Stadtverwaltung ist ja für ihre Innovationskraft berühmt. Wir haben wahrscheinlich die am besten dokumentierten Nicht-Hundewiesen der Welt. Es ist eine logistische Meisterleistung, über Jahre hinweg jede noch so kleine Parzelle Gras so lange zu prüfen, bis darauf entweder ein seltener Halm wächst, ein Kammmolch seine Ferienwohnung bezieht oder das Budget für Gutachten den Wert eines Mittelklassewagens übersteigt.
Dabei ist der Wunsch der rund 3.000 Hundefreunde bescheiden. Es geht nicht um einen „Central Park“ mit integrierter Leckerlie-Wurfmaschine und beheizten Hydranten. Es geht um einen einfachen Ort der Begegnung. Ein Platz, an dem Bello mal kurz die Nase in den Wind halten und feststellen kann, dass es in Lemgo tatsächlich noch andere Artgenossen gibt, die nicht nur am anderen Ende einer gespannten Leine existieren. Sozialisierung? In Lemgo scheinbar ein Fremdwort, solange man Pfoten hat.
Die Kunst der Prioritätensetzung
Es ist faszinierend: Wenn für eine wie auch immer geartete spézialisierte Randgruppe ein Projekt aus dem Boden gestempelt werden muss, glühen im Rathaus die Drähte. Da wird geplant, gebaut und eingeweiht, dass es eine wahre Freude ist. Aber sobald das Wort „Hundeauslauf“ fällt, verfällt die Politik in eine kollektive Schockstarre. Man bekommt das Gefühl, die Errichtung eines 1,20 Meter hohen Maschendrahtzauns sei in Lemgo statisch ähnlich anspruchsvoll wie der Bau der Pyramiden von Gizeh.
Das Phlegma-Diplom
Der eigentliche Star in diesem Trauerspiel ist der Hundebesitzer selbst. Er zahlt, er geht Gassi, er wartet. Er wartet beim Frühstück, er wartet beim Abendbrot und wartet vermutlich irgendwann auf der Hundewiese im Jenseits, weil die irdische Variante in Lemgo im „Ausschuss für ökologische Bedenkenträgerei“ festsitzt. Wo bleibt der Aufschrei? Wo ist die „Bell-Demo“ vor dem Rathaus?
Wahrscheinlich ist es wie bei den Hunden selbst: Wenn man ihnen nur lange genug „Sitz!“ und „Bleib!“ sagt, dann tun sie das auch. Die Lemgoer Verwaltung hat das Kommando „Bleib!“ Auf jeden Fall perfektioniert – vor allem, wenn es um das Projekt Hundewiese geht.
Vielleicht sollten wir die Sache pragmatisch angehen: Wir erklären die geplante Wiese einfach zum „Innovationsraum für interaktive Vierbeiner-Kommunikation“. Vielleicht fließt dann ja ein EU-Förderstrom und der Zaun steht bis Weihnachten. Aber wahrscheinlich auch erst 2040. Bis dahin: Schön an der Leine bleiben, Lemgo!




