Es ist wieder Kürbis
Die orange Glosse von Micha Haudrauf
Es ist Herbst in Lemgo. Man erkennt es nicht am Laub im Abteigarten und auch nicht an den beschlagenen Autoscheiben am Morgen. Man erkennt es daran, dass man kein Getränk mehr bestellen kann, ohne dass irgendwo ein Kürbis beteiligt ist.
Es hat gereicht, dass das Thermometer an einem Dienstagmorgen elf Grad anzeigte und zwei Blätter vom Baum fielen. Noch vor Mittag hatte der Kürbis Lemgo übernommen. Er lag beim Bäcker, stand vor den Geschäften und schwamm im Getränk. Offenbar gibt es irgendwo einen geheimen Herbstplan, und sobald die Temperatur unter zwölf Grad fällt, tritt Stufe Orange in Kraft.
Beim Bäcker liegt das Kürbiskernbrötchen jetzt ganz vorn, dort, wo früher das normale Brötchen lag. Das normale Brötchen gibt es noch. Man muss nur danach fragen, und zwar leise, ungefähr so, wie man früher nach dem Raucherzimmer gefragt hat. Im Café nebenan steht der Pumpkin Spice Latte auf der Tafel, mit Kreide geschwungen, ein kleiner Kürbis daneben gemalt. 5,80 Euro. Auf Deutsch hieße er Kürbis-Gewürz-Milchkaffee, und dafür würde niemand 5,80 Euro bezahlen, nicht einmal für einen guten Zweck. Pumpkin Spice Latte dagegen klingt nach Wollschal, Kaminfeuer und einem Leben, in dem man sonntags Marmelade selbst einkocht.
Im Restaurant gibt es Kürbissuppe. Das ist in Ordnung, Kürbissuppe gab es schon, als Kürbisse noch Gemüse waren. Es gibt aber auch Kürbisrisotto, Kürbisgnocchi und Kürbis an Kürbisschaum. Ich warte auf den Tag, an dem in Lippe der erste Kürbis-Pickert auftaucht. Er ist vermutlich schon in Planung. Die Kürbis-Mettwurst auch.
Vor den Haustüren stehen Zierkürbisse, daneben eine Laterne, daneben eine Bank mit Wolldecke, auf der nie jemand sitzt, weil die Decke sonst unordentlich aussieht. Der Herbst findet nicht mehr einfach statt. Er wird aufgebaut wie eine Schaufensterdekoration, nur dass das Schaufenster jetzt das ganze Leben ist und abends fotografiert wird.
Früher stand der Kürbis im Garten, wurde irgendwann zu Suppe und hatte damit seine Pflicht erfüllt. Heute muss er dekorieren, posieren, duften, aromatisieren und in Kerzenform herumstehen. Gegessen wird er nur noch nebenbei, wie ein Schauspieler, der hauptberuflich Werbung macht und gelegentlich noch Theater spielt.
Ich rechne fest damit, dass mir beim Friseur nächste Woche Pumpkin Spice Highlights angeboten werden. Die Stadtwerke führen einen saisonalen Kürbistarif ein, Rechnung in Orange. Und irgendwann fällt jemandem auf, dass das ‚Hexennest‘ Lemgo Ende Oktober ja geradezu prädestiniert wäre. Dann steht vor dem Hexenbürgermeisterhaus ein Kürbis mit geschnitztem Gesicht und guckt, als hätte er auch keine Wahl gehabt.
Hat er auch nicht. Jahrzehntelang lag der Kürbis unauffällig neben dem Komposthaufen und wollte nichts weiter, als gelegentlich Suppe zu werden. Dann kamen Marketing, Instagram und Pumpkin Spice und machten ihn zur Helene Fischer des Herbstgemüses: Sobald seine Saison beginnt, ist er überall, und wer ihn nicht mag, sagt es lieber nicht laut.
Mein Hund hat gestern in der Mittelstraße an einem Zierkürbis vor einem Geschäft das Bein gehoben. Ich habe mich entschuldigt. Insgeheim fand ich, er hat als Einziger in der Stadt eine klare Haltung zum Thema.
Der Autor trinkt seinen Kaffee schwarz und wird deshalb im Oktober angesehen wie jemand, der im Dezember noch Sandalen trägt.
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