„Glühwein ist Gefühl”
Die Weihnachtsmarkt-Glosse von Micha Haudrauf
Die WhatsApp-Gruppe „Glühwein 🎄🍷” wird am 3. Oktober gegründet, bei 22 Grad. Elf Kolleginnen und Kollegen, ein gemeinsames Ziel: „Dieses Jahr gehen wir aber wirklich mal alle zusammen auf den Weihnachtsmarkt!” Es folgen eine Umfrage mit sechs Terminvorschlägen, 143 Nachrichten, drei Sprachnachrichten von Frank, die niemand anhört, und schließlich ein Termin: Freitag, 19. Dezember, 18 Uhr, am Glühweinstand. Zugesagt haben alle. Kommen werden drei.
Sabine ist eine davon. Sie hat sich seit Wochen auf diesen Abend gefreut. In ihrem Kopf duftet es nach Zimt und gebrannten Mandeln, Schnee fällt leise auf Fachwerk, irgendwo singt ein Kinderchor. In der Realität sind es sechs Grad, es nieselt seitlich, und es riecht nach Bratwurstfett und nassem Parka. Der Schnee liegt nur als Watte im Schaufenster der Apotheke.
Frank ist schon da. Frank ist immer schon da. Er hat einen Stehtisch erobert, auf dem außer ihm noch vierzehn fremde Menschen, zwei Handtaschen und ein Kinderwagen Platz finden müssen. Frank gilt in der Firma als Glühweinkenner. Das heißt: Er bestellt grundsätzlich „mit Schuss” und sagt nach dem ersten Schluck „Der ist ehrlich”, was immer das bedeuten soll.
Die Karte am Stand ist länger als die Speisekarte beim Griechen. Glühwein rot, Glühwein weiß, Heidelbeer-Glühwein, Erdbeer-Glühwein, Kirsch mit Amaretto, Feuerzangenbowle, Eierlikör mit Sahne und ein „Winterzauber”, über dessen Zusammensetzung selbst die Verkäuferin keine Auskunft geben will. Sabine nimmt den klassischen. 5,50 Euro. Plus vier Euro Pfand für eine Tasse in Stiefelform mit der Aufschrift „Weihnachtsmarkt 2026″. Der Glühwein schmeckt, als hätte jemand einen Lebkuchen in Batteriesäure aufgelöst und dann bei 90 Grad drei Stunden warmgehalten. Was ja auch genau so passiert ist. „Herrlich”, sagt Sabine. Glühwein ist Gefühl, nicht Geschmack.
Bettina kommt 40 Minuten zu spät, weil sie keinen Parkplatz gefunden hat und dann einen gefunden hat, der eigentlich keiner ist. Sie bestellt Heidelbeer. Nach dem zweiten Schluck hat sie blaue Zähne und erzählt Dinge über die Buchhaltung, die man nicht mehr vergessen kann.
Auf der Bühne spielt die Blaskapelle „Jingle Bells”. Dazwischen läuft aus einem Lautsprecher am Crêpes-Stand „Last Christmas”. Und um 18.52 Uhr. Und um 19.17 Uhr. Am Ende des Abends wird Sabine es vierzehn Mal gehört haben, zweimal davon gleichzeitig in zwei verschiedenen Versionen. Wham! hat dieses Lied geschrieben, um einen Liebeskummer zu verarbeiten. Auf dem Weihnachtsmarkt wird es eingesetzt wie ein Folterinstrument in einem Verhör.
Der Hunger kommt mit dem zweiten Glühwein. Eine Bratwurst kostet 4,90 Euro, eine Portion Reibekuchen 6,50, 100 Gramm gebrannte Mandeln 5 Euro. Die Mandeln riechen besser, als sie schmecken, und kleben nach drei Minuten so fest an den Backenzähnen, dass Bettina beim Reden klingt wie ein Bauchredner. Frank isst einen Langos mit Knoblauch und Käse und erklärt, das sei „traditionell”. Er meint damit: Er isst das seit 2011 jedes Jahr und hat jedes Jahr hinterher Sodbrennen.
Zwischen Glühweinstand und Toilettenwagen liegt das Kunsthandwerk. Es ist dasselbe Kunsthandwerk wie letztes Jahr und das Jahr davor: Filzpantoffeln, Holzschilder mit „Hier wohnt ein Schatz”, Seifen, die aussehen wie Pralinen, und Pralinen, die aussehen wie Seife. Sabine kauft eine Duftkerze „Bratapfel”. Sie weiß nicht, warum. Niemand weiß, warum man auf dem Weihnachtsmarkt Duftkerzen kauft. Es passiert einfach.
Gegen 20 Uhr muss Bettina zur Toilette. Die Schlange vor dem Toilettenwagen ist länger als die am Glühweinstand, was beides miteinander zu tun hat. Ein Euro Eintritt. Drinnen ist es wärmer als draußen, was Bettina für einen kurzen Moment ernsthaft überlegen lässt, ob sie nicht einfach dableibt.
Um 21 Uhr haben die drei 47 Euro pro Person ausgegeben, kalte Füße, klebrige Finger und Kopfschmerzen, die sich bereits ankündigen wie ein Gewitter überm Teutoburger Wald. Frank will noch „einen für den Weg”. Sabine lehnt ab. Sie stellt sich in die Schlange zur Pfandrückgabe, sieht die Stiefeltasse an, denkt an die vier Euro und steckt sie dann doch in die Manteltasche.
Zu Hause stellt sie die Tasse in den Hängeschrank. Neben die 23 anderen. Die älteste ist von 2009 und zeigt ein Rentier, dem beim Spülen der Kopf abhanden gekommen ist. Benutzt hat sie keine einzige davon.
Um 23.14 Uhr schreibt Frank in die Gruppe: „War super!! Nächstes Jahr wieder? 🎄” Elf Daumen hoch.
Der Autor wohnt in der Fußgängerzone und muss gar nicht auf den Weihnachtsmarkt gehen. Der Weihnachtsmarkt kommt jeden Abend zu ihm – durchs gekippte Fenster, als Bratwurstduft und als vierzehnte Version von „Last Christmas”.
Dir gefällt unser täglicher Einsatz für Lemgo? Dann unterstütze meine Arbeit hier mit einem virtuellen Kaffee für den Redakteur – oder einem Kauknochen für Redaktionshund Bolle! 🐾
🦴 Kauknochen oder Kaffee spendieren



