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„Die kennen uns da”

Die Urlaubsglosse von Micha Haudrauf

Uwe betritt die Lobby des Hotels Poseidon auf Kreta wie ein heimkehrender Feldherr. Es ist sein zweiter Urlaub hier. Er legt die Pässe auf den Tresen, lehnt sich vor und sagt erwartungsvoll: „Na, da sind wir wieder!” Kostas an der Rezeption lächelt. Er lächelt, weil er dafür bezahlt wird, und zwar genau so, wie er seit letztem Sommer rund 6.000 andere Gäste angelächelt hat. Uwe dreht sich zu Petra um und flüstert: „Hab ich doch gesagt. Der hat uns sofort erkannt.” Beweis: Kostas hat „Welcome” gesagt. Letztes Jahr hat er auch „Welcome” gesagt. Das kann kein Zufall sein.

Petra zieht derweil den Koffer aufs Zimmer. Beim Check-in in Hannover wog er 22,9 Kilo, davon acht Kilo Kleidung und der Rest Versorgungslage: zwei Pfund Jacobs Krönung, ein Paket Pumpernickel, eine Tube Senf, drei Mettenden und eine Dose Leberwurst „für den Notfall”. Was für ein Notfall das sein soll, auf einer Insel mit 400 Tavernen, kann sie nicht sagen. Aber man weiß ja: Die Griechen können vieles, nur Brot können sie nicht. Das Brot hier besteht nach Uwes Einschätzung zu achtzig Prozent aus Luft und zu zwanzig Prozent aus Enttäuschung. Und der Kaffee ist ein Witz. Ein Fingerhut voll, und dann kostet der noch drei Euro.

6.12 Uhr, der Wecker klingelt. Uwe schlüpft in Badelatschen und weiße Tennissocken – das sei orthopädisch, sagt er, seit 1998 – und geht in die Dämmerung hinaus wie andere Männer zur Jagd. Am Pool liegen schon vier Handtücher. Uwe erkennt am Muster: Bayern. Er wirft seins auf die Liege in der ersten Reihe, Halbschatten ab elf, Blick auf die Bar, beschwert es mit dem Buch, das er nie lesen wird, und geht zurück ins Bett. Die Liege bleibt bis 15 Uhr leer. Aber sie gehört ihm. Das ist kein Urlaub mehr, das ist Grundbesitz.

Petra misst unterdessen nach. Im Katalog stand „Meerblick”. Wenn man sich über das Balkongeländer lehnt, sich links am Fallrohr festhält und den Kopf um 40 Grad dreht, sieht man zwischen Parkplatz und Wäscheleine tatsächlich einen blauen Streifen. Petra hat ihn fotografiert, mit Zollstock im Bild. Die Frankfurter Tabelle für Reisemängel kennt sie besser als ihre eigene Handynummer. Fünf Prozent Minderung, sagt sie. Mindestens.

Abends in der Taverne bestellt Uwe auf Deutsch. Langsam und laut, weil er davon ausgeht, dass Griechisch im Grunde Deutsch ist, nur leiser. „ZWEI. BIER. GROSS.” Es kommt Ouzo. Uwe trinkt ihn tapfer und rechnet um: „Vier fuffzig. Dafür kriegste bei uns im Edeka ’n halben Kasten.” Er sagt das jeden Abend, zu jedem Getränk, und jeden Abend nickt Petra, als höre sie es zum ersten Mal. Das Trinkgeld wird auf den Cent berechnet und dann großzügig aufgerundet, sofern die nächste glatte Zahl nicht mehr als 50 Cent entfernt liegt. Großzügigkeit ja, Verschwendung nein.

Mittwoch ist Wandertag. Funktionsjacke, Zip-off-Hose, Trekkingschuhe mit Profilsohle, Trinkrucksack, Regencape. Es sind 34 Grad, Regenwahrscheinlichkeit null, die Strecke ist die asphaltierte Uferpromenade bis zum Leuchtturm. Neben ihnen schlendern Italiener in Leinenhemden und Slippern. Uwe schüttelt den Kopf. Die wären verloren, wenn’s kippt.

Donnerstag, Frühstücksbuffet, zwischen Rührei und Melone. Hinter ihnen sagt jemand: „Kannste mir mal die Butter rüberreichen?” Uwe erstarrt. Petra wird blass. Deutsche. Hier. In ihrem Hotel. „Furchtbar”, zischt Uwe, „überall nur Deutsche.” Gesagt von einem Mann in Socken, mit einer Tube Senf in der Hemdtasche. Dann stellt sich heraus: Die beiden sind aus Detmold. Ab Freitag wird die Liege um 5.45 Uhr belegt.

Im Inland ist das übrigens nicht anders. In der Ferienwohnung an der Ostsee packt Petra zuerst das eigene Spüli aus, dann das eigene Klopapier, dreilagig, weil man den Mecklenburgern da nicht über den Weg traut. Und am Ende gibt’s vier von fünf Sternen in der Bewertung. Die Fernbedienung hat geklebt.

Nach zwei Wochen geht es heim. Bei der Landung klatscht Uwe, als Einziger an Bord. Zu Hause wird als Erstes Filterkaffee aufgesetzt und Graubrot geschnitten. „Endlich wieder was Vernünftiges”, seufzt Uwe und bucht noch am selben Abend fürs nächste Jahr. Selbes Hotel, selbes Zimmer. „Die kennen uns da ja.”

Und tatsächlich: In der Gästedatei des Poseidon steht neben ihrem Namen ein Vermerk. Das Zimmermädchen hat ihn am dritten Tag durchgegeben. Er lautet: „Die mit der Mettwurst.”

Der Autor geht seit Jahren ins selbe Café und ist fest überzeugt, dass man sich dort freut, wenn er kommt. Die Bedienung bestätigt das. Sie meint allerdings den Hund.

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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