Ich glaub, mich laubt’s
Die herbstliche Glosse von Micha Haudrauf
Samstag, 7:58 Uhr. Irgendwo in Lemgo zieht ein Mann im Bademantel an einer Reißleine. Beim dritten Mal springt der Laubbläser an, und mit ihm die halbe Nachbarschaft aus dem Bett. Er hat bis zwei Minuten vor acht gewartet. Das ist der Rest Anstand, den der Herbst ihm noch lässt.
Das Blatt, um das es geht, ist ein einzelnes Ahornblatt. Es liegt auf der Einfahrt, rot, wehrlos, und es hat keine Chance. Mit 280 Stundenkilometern wird es über das Pflaster gejagt, prallt am Gartenzwerg ab, fliegt über den Zaun und landet bei Schneiders. Dort steht Herr Schneider bereits in Gummistiefeln, ebenfalls bewaffnet. Er bläst zurück. Gegen elf hat das Blatt mehr Grenzübertritte hinter sich als ein Interrail-Rucksack, und gegen Mittag liegt es wieder genau da, wo es um 7:58 Uhr lag. Beide Männer gehen zufrieden ins Haus. Man hat etwas geschafft.
Gegenüber wohnt Frau Brinkmann, und Frau Brinkmann bläst nicht. Frau Brinkmann saugt. Ihr Gerät hat einen integrierten Häcksler und einen Fangsack von der Größe eines Zweimannzelts. Sie saugt das Laub vom Rasen, dann vom Beet, dann vom Gehweg, dann, aus Versehen, die Hälfte des Rindenmulchs und eine Socke, die seit Juli vermisst wurde. Nachmittags fährt sie den gehäckselten Inhalt zur Grünabfallsammelstelle und steht dort in einer Schlange von SUVs mit Anhänger, deren Fahrer sich wortlos zunicken wie Veteranen.
Der Rasen bekommt seinen letzten Schnitt. Nicht irgendeinen. Herr Kowalski misst nach. 3,5 Zentimeter, so steht es im Forum, alles darunter friert, alles darüber fault. Er kniet mit dem Zollstock auf dem Grün und korrigiert mit der Nagelschere. Seine Frau bringt ihm Kaffee und fragt, ob er zum Abendessen kommt. Er sagt, er müsse noch die ‚Kanten‘.
Die Kübelpflanzen werden eingepackt. Der Oleander bekommt Vlies, darüber Luftpolsterfolie, darüber eine Jutehaube mit Kordel. Der Olivenbaum, im Mai für 189 Euro aus der Toskana importiert, sieht danach aus wie ein Christo-Kunstwerk, das sich verlaufen hat. Die Gartenmöbel verschwinden unter Planen, mit Spanngurten verzurrt, als müssten sie einen Hurrikan in der Karibik überstehen und nicht einen Novembernieselregen in Lippe. Die Auflagen kommen in den Keller. Die Garage ist inzwischen so voll, dass das Auto draußen überwintern muss.
Herr Schneider, der Blätterverteidiger von heute Morgen, holt nachmittags den Hochdruckreiniger. Die Fugen. Zwischen den Pflastersteinen wächst etwas Grünes, und Grünes zwischen Steinen ist für Herrn Schneider ungefähr so akzeptabel wie Ketchup auf dem Bundesverdienstkreuz. Er strahlt die Fugen frei, bis kein Sand mehr drin ist. Nächste Woche wird er neuen Fugensand kaufen. Der Baumarkt kennt ihn schon beim Vornamen.
Und dann ist da noch Robbie. Robbie ist der Mähroboter der Familie Hagemeier und hat einen Namen, einen Geburtstag und ein Instagram-Profil. Robbie wird zur Wintereinlagerung gereinigt, mit einer Zahnbürste, die Messer werden geölt, der Akku auf 70 Prozent geladen, weil das gesund ist. Dann kommt er in die Garage, auf eine Decke, unter eine zweite Decke. Die Kinder dürfen ihm „Gute Nacht” sagen. Oma Hagemeier, die im Februar zuletzt Besuch hatte, hätte auch gern eine Decke.
Spulen wir kurz vor. Mitte Januar, sechs Uhr früh, minus vier Grad. Über Nacht hat es gefroren, dann geregnet, dann wieder gefroren. Die Gehwege der Straße glänzen wie frisch polierte Eisbahnen. Der Laubbläser schläft im Keller, gleich neben dem Schneeschieber, der noch das Preisschild von 2010 trägt. Herr Schneider, der im Oktober jedes einzelne Blatt mit Zielfernrohr verfolgt hat, sieht vom Küchenfenster aus zu, wie der Briefträger auf seinem Gehweg einen doppelten Rittberger hinlegt. Er nippt am Kaffee. Er findet, dafür sei doch die Stadt zuständig. Frau Brinkmann hat ihren Häckselsauger nicht im Griff, aber den Satz „Streusalz ist schlecht für die Umwelt” sehr wohl, und so bleibt ihr Bürgersteig naturbelassen, ökologisch wertvoll und lebensgefährlich. Herr Kowalski, der Mann mit dem Zollstock, misst die Schneehöhe auf seinem Gehweg übrigens auch. Aus reiner Neugier. Räumen tut er nicht. Robbie liegt währenddessen warm unter seinen zwei Decken. Oma Hagemeier ist auf dem Weg zum Bäcker gestürzt.
Zurück im Oktober. Ganz am Ende des Tages, wenn die Geräte schweigen und die Dämmerung über die frisch gekehrten Einfahrten fällt, passiert das Unvermeidliche. Ein leichter Wind kommt auf. Die Eiche am Ende der Straße schüttelt sich einmal, ganz entspannt, und lässt ein paar Tausend Blätter fallen. Sie hat noch etwa 40.000 übrig. Sie hat Zeit.
Morgen ist Sonntag. Sonntags darf man nicht blasen. Es wird ein sehr, sehr langer Tag.
Der Autor wohnt in der Fußgängerzone und besitzt keinen einzigen Baum. Trotzdem hat er sich vorsichtshalber einen Laubbläser gekauft. Im Januar will er damit Schnee räumen. Bei den Nachbarn.
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