Kasse drei öffnet gleich. Ehrlich.
Die Glosse von Micha Haudrauf
Es ist Samstag vormittag. Eigentlich hatte ich alles richtig gemacht. Donnerstag, 19 Uhr, Großeinkauf, Zettel abgearbeitet, Kofferraum voll, Kühlschrank gestopft wie ein Schützenzelt um Mitternacht. Der Plan war simpel und genial: Am Wochenende betrete ich keinen Supermarkt. Ich wollte samstags auf dem Sofa sitzen und mit stiller Überlegenheit an all die armen Seelen denken, die gerade an Kasse zwei Schlange stehen. Samstagmorgen, die Kaffeemaschine röchelt, ich öffne den Kühlschrank. Käse, Wurst, drei Sorten Senf. Keine Milch. Auf dem Einkaufszettel vom Donnerstag steht sie ganz oben. Als einzige Zeile ohne Haken.
Wer samstags um 11:37 Uhr „nur Milch“ will, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Das weiß ich heute.
Der Einkaufswagen zieht nach links. Nicht ein bisschen, sondern mit voller Überzeugung, wie ein Dackel, der an der Fleischtheke Leberwurst gerochen hat. Ich steuere mit Gegendruck durch die Obstabteilung, wo eine Frau jede Avocado einzeln abtastet, als würde sie ein Kind auf Fieber prüfen. Sie legt alle wieder zurück. Alle. Dann nimmt sie die erste.
Am Probierstand gibt es Käsewürfel auf Zahnstochern. Ein Herr in beiger Weste kommt dreimal vorbei, jedes Mal mit einem anderen Gesichtsausdruck, als sei er ein neuer Kunde. Beim dritten Mal setzt er eine Sonnenbrille auf. Die Mitarbeiterin weiß Bescheid. Er weiß, dass sie Bescheid weiß. Beide lächeln. Es ist ein stilles Abkommen unter Erwachsenen.
Im Gang mit den Nudeln haben sich zwei Nachbarinnen getroffen. Sie stehen mit ihren Wagen nebeneinander, parallel, wie zwei Panzer an einer Grenze, und besprechen die Hüfte von Onkel Werner. Ausführlich. Mit Röntgenbefund. Ich warte. Hinter mir warten vier weitere. Niemand sagt etwas, denn der Westfale beschwert sich nicht. Der Westfale atmet nur sehr laut durch die Nase.
Dann die Kassen. Sieben gibt es, zwei sind offen. Über Kasse drei leuchtet ein Lämpchen, daneben ein Schild: „Diese Kasse öffnet gleich.“ Das Schild hängt dort vermutlich seit der Euro-Einführung. Es ist kein Versprechen, es ist eine Philosophie.
Neben mir steht ein Mann in Funktionsjacke und mustert die Schlangen wie ein Börsenmakler den DAX. Er analysiert Wagenfüllstände, Altersstruktur, Bargeldwahrscheinlichkeit. Dann wechselt er. Seine alte Schlange rückt sofort zwei Plätze vor. Er wechselt zurück. Die neue Schlange rückt vor. Ich nenne ihn innerlich „den Makler“. Der Makler hat in dieser Viertelstunde viermal die Kasse gewechselt und ist dabei netto drei Meter zurückgefallen. Würde er so investieren, er wohnte unter einer Brücke.
Vor mir zahlt eine ältere Dame. 23,47 Euro. „Moment, ich hab’s passend.“ Diesen Satz sollte man im Einzelhandel zwischen 10 und 14 Uhr gesetzlich verbieten. Sie kippt ihr Portemonnaie in die kleine Münzschale und beginnt zu zählen. Zehn Cent. Zwanzig. Ein Fünfer. Noch ein Zweier. Ein Knopf. Sie hält den Knopf ins Licht, prüft ihn ernsthaft und legt ihn dann wieder zurück, als wolle sie ihn für später aufheben. Es fehlen vier Cent. Sie durchsucht die Manteltasche und findet ein Hustenbonbon, ein Taschentuch und einen Einkaufszettel von 2011. Dann zahlt sie doch mit Karte. Die PIN ist falsch. Zweimal.
Hinter mir seufzt jemand so tief, dass ich es in den Kniekehlen spüre.
„Frau Krüger bitte an Kasse drei“, sagt die Durchsage. Frau Krüger kommt nicht. Ich bin mittlerweile überzeugt, dass es Frau Krüger nicht gibt. Frau Krüger ist eine Legende, die man jungen Kassiererinnen erzählt, damit sie nachts ruhig schlafen.
Dann passiert es. Eine Mitarbeiterin läuft zu Kasse drei, zieht die Schublade auf und ruft: „Ich mach hier auf, aber bitte der Reihe nach!“ Der Satz hat die gleiche Wirkung wie ein Startschuss beim Stadtlauf. Die Letzten sind die Ersten. Ein Mann mit drei Bierkästen überholt eine Mutter mit Zwillingskinderwagen über die Außenbahn. Der Makler, der gerade in meine Schlange gewechselt ist, steht jetzt hinten in meiner und sieht zu, wie die neue Kasse binnen Sekunden voll ist. Er bleibt. Zum ersten Mal an diesem Tag bleibt er. Ich habe beinahe Mitleid.
Endlich bin ich dran. „Haben Sie eine Payback-Karte?“ Nein. „Möchten Sie eine?“ Nein. „Sammeln Sie die Treuepunkte für das Messerset?“ Nein. „Den Kassenbon?“ Ja, bitte, ich brauche ihn als Beweis für die Nachwelt.
Die Frau vor mir hat inzwischen bezahlt und beginnt nun, und zwar erst jetzt, mit dem Einpacken. Sie packt wie andere Menschen Puzzles legen: konzentriert, meditativ, ohne jede Rücksicht auf die Zeit. Joghurt nach links, Gurke nach rechts, Eier obenauf, nein, doch unten. Meine Sachen rollen derweil unaufhaltsam auf ihre Eier zu. Der Warentrenner liegt irgendwo dazwischen wie ein UN-Blauhelm, den niemand ernst nimmt.
12:58 Uhr stehe ich auf dem Parkplatz. In der Tüte: Kaffee, Käse, Kekse, ein Grillanzünder im Oktober und irgendein Gewürz, das ich im Vorbeigehen für eine gute Idee hielt. Für 34,80 Euro. Keine Milch. Zum zweiten Mal in drei Tagen.
Durch die Scheibe sehe ich, wie das Lämpchen über Kasse drei grün wird. Davor steht, ganz allein und strahlend: der Makler.
Der Autor kauft weiterhin donnerstags ein. Seit diesem Wochenende steht „Milch“ allerdings nicht mehr auf dem Zettel, sondern mit Edding auf seinem Handrücken.
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