„Wir schenken uns nichts”

Die geschenkte Glosse von Micha Haudrauf
Noch 60 Tage. Seit August stehen die Spekulatius im Supermarkt, und am letzten Sonntag im Oktober sagt Heike beim Frühstück den Satz, den in diesen Wochen Millionen Paare sagen: „Dieses Jahr schenken wir uns nichts.” Jens nickt erleichtert. „Gute Idee. Nichts.” Beide lächeln. Beide lügen. Es ist ein Abrüstungsvertrag ohne Kontrollen, und jeder weiß, dass der andere heimlich Sprengköpfe baut.
Jens denkt nach. „Nichts” heißt bei Heike erfahrungsgemäß: nichts Großes. „Nichts Großes” heißt: eine Kleinigkeit. Und eine Kleinigkeit heißt: etwas, das klein aussieht, aber viel Überlegung zeigt. Am Dienstag kauft er einen Schal. Am Mittwoch bekommt er Panik, weil Heike vielleicht doch etwas Richtiges kauft, und besorgt ein Parfum für 89 Euro. Das Reservegeschenk. Es kommt in den Kellerschrank, hinter die Weckgläser, für den Ernstfall. Heike hat am Donnerstag genau dasselbe gemacht. Ihr Reservegeschenk liegt in der Garage, unter den Winterreifen.
Dann ist da noch Herbert. Herbert ist Heikes Vater, 81, und Herbert hat alles. Er hat drei Nasenhaartrimmer, zwei Fondue-Sets und einen Akkuschrauber, der noch originalverpackt ist, weil er den alten erst „aufbrauchen” will. Fragt man Herbert, was er sich wünscht, sagt er: „Gesundheit.” Das ist schwer einzupacken. Fragt man nach, sagt er: „Ihr sollt euch kein Geld ausgeben.” Das heißt übersetzt: Gebt Geld aus, aber so, dass ich es nicht merke.
Jens googelt „Geschenk für Mann der alles hat” und bekommt 4,3 Millionen Treffer. Ein Fallschirmsprung-Gutschein (Herbert hat Knie). Ein DNA-Test zur Ahnenforschung (zu riskant, man weiß nie, was rauskommt). Ein Whisky-Probierset (Herbert trinkt seit 1974 nur Korn). Am Ende kauft Jens für 39,90 Euro eine Sterntaufe. Irgendwo im Sternbild Orion leuchtet jetzt ein Himmelskörper namens „Herbert”. Er ist mit bloßem Auge nicht zu sehen. Das passt gut, Herberts Brille ist auch nicht mehr die neueste.
In der Mittelstraße beginnt im November das, was Fachleute die Gutschein-Kapitulation nennen. Wer einen Gutschein kauft, gibt zu, dass ihm nichts eingefallen ist, und lädt den Beschenkten ein, sich die Arbeit selbst zu machen. In Herberts Küchenschublade liegen bereits Gutscheine für ein Restaurant, das 2019 geschlossen hat, für eine Massage, die er „irgendwann mal” machen wollte, und für einen Kinobesuch aus der Zeit, als es noch Wetten, dass..? gab.
Im Verein wird gewichtelt. Limit: zehn Euro. Es kommen ein Duftkerzen-Set „Winterzauber”, eine Tasse mit der Aufschrift „Chef” und eine Flasche Whisky für 45 Euro. Der Whisky stammt vom Kassenwart, der damit zeigen will, dass Regeln für ihn nicht gelten. Gezogen wird er vom Einzigen, der keinen Alkohol trinkt. Die Duftkerze geht an Jens. Er wird sie nächstes Jahr wieder mitbringen.
Weitergeschenkt wird in dieser Familie ohnehin mit Methode. Seit 2017 zirkuliert eine Pralinenschachtel „Edle Tropfen in Nuss” durch die Verwandtschaft. Sie war bei Tante Gerda, bei Herbert, bei Heikes Bruder und zweimal bei Jens. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist im Mai 2019 abgelaufen. Jeder weiß es. Keiner sagt es. Die Schachtel ist inzwischen weniger Süßware als Familienerbstück.
Anfang Dezember fängt der Paketbote an, alles beim Nachbarn abzugeben. Der Nachbar weiß nun, dass Heike sich für 120 Euro eine Bluse bestellt hat, „für mich, das zählt nicht”, und dass Jens bei einem Versandhändler für Herrenpflege Stammkunde ist. Der Nachbar sagt nichts. Er lächelt nur sehr wissend.
Heiligabend, 18.30 Uhr. Heike legt ein kleines Päckchen auf den Tisch. „Ist nur eine Kleinigkeit. Wir hatten ja gesagt: nichts.” Jens öffnet. Eine Uhr. Keine Kleinigkeit. Eine Uhr mit Gravur. Jens überreicht den Schal. Stille. Dann murmelt er etwas von „Moment, da war noch was”, geht in den Keller und kommt mit dem Parfum zurück. Heike murmelt etwas von „Ach, ich hab ja auch noch”, geht in die Garage und kommt mit einer Lederjacke zurück. Am Ende haben sich zwei Menschen, die sich nichts schenken wollten, Geschenke im Wert von 640 Euro gemacht. Herbert packt seine Sterntaufe aus, liest die Urkunde, sieht aus dem Fenster in den bewölkten Lemgoer Himmel und fragt, ob man den Stern auch umtauschen kann.
Zum Abschied drückt Herbert den beiden noch ein kleines Präsent in die Hand. „Für euch. Hab ich selbst geschenkt bekommen, aber ich darf ja keinen Zucker.” Es ist eine Schachtel „Edle Tropfen in Nuss”.
Auf dem Heimweg sagt Heike: „Nächstes Jahr schenken wir uns aber wirklich nichts.” Jens nickt. „Wirklich nichts.” Noch 364 Tage.
Der Autor hat mit seinem Hund vereinbart, sich dieses Jahr nichts zu schenken. Der Hund hat zugestimmt. Er weiß, dass trotzdem ein Kauknochen unterm Baum liegen wird
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