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Zwischen Schal und Sonnenbrand – ein ganz normaler Septembertag

Die unentschlossene Glosse von Micha Haudrauf

Es ist 6:30 Uhr. Der Wecker klingelt. Man schwingt die Beine aus dem Bett und berührt mit nackten Füßen den Boden. Sofort schießt eine Information ins Gehirn: Winter. Eindeutig Winter. Minus zwanzig, gefühlt. Man schlurft zum Fenster, reißt die Gardine auf und sieht – Nebel. Grau. Trostlosigkeit. Ein einzelner Jogger trabt durch die Fußgängerzone, vermummt wie ein Polarforscher. Man greift zum dicken Pullover, zur langen Hose, zur Jacke. Schal? Sicherheitshalber.

Um 7:15 Uhr steht man draußen und friert trotzdem. Der Schal war eine gute Entscheidung. Man klopft sich auf die Oberarme, macht kleine Trippelschritte. Andere Fußgänger nicken solidarisch. Wir verstehen uns. Wir leiden gemeinsam.

Um 10 Uhr passiert es dann. Die Sonne bricht durch die Wolkendecke wie ein Scheinwerfer auf einer Theaterbühne, und plötzlich hat man das Gefühl, in einem Dörrautomaten zu stehen. Der Pullover klebt. Der Schal würgt. Die Jacke wird zum tragbaren Dampfbad. Man schält sich Schicht für Schicht aus seiner Kleidung, stopft alles in die Tasche, in den Rucksack, klemmt sich den Schal unter den Arm – und sieht dabei aus wie jemand, der gerade seinen Kleiderschrank auf offener Straße ausräumt.

12 Uhr, Mittagspause. Man sitzt im T-Shirt auf einer Bank, die Sonne knallt, man wird rot wie eine Tomate. Sonnencreme? Natürlich nicht dabei. Es ist September. Wer packt im September Sonnencreme ein? Nur Verrückte, oder!? Also dieselben Menschen, die morgens im Schal los gehen und mittags im T-Shirt auf einer Bank braten.

Um 14 Uhr setzt der Nieselregen ein. Nicht richtig Regen, natürlich nicht. Das wäre ja ehrlich. September-Niesel ist diese heimtückische Sorte Feuchtigkeit, die so tut, als wäre sie gar nicht da. Man steht draußen und denkt: Ist das Regen? Oder bilde ich mir das ein? Brauche ich einen Schirm oder ist das übertrieben? Man entscheidet sich gegen den Schirm. Drei Minuten später ist man nass genug, um es zu bereuen, aber nicht nass genug, um es zuzugeben. Man geht einfach schneller und tut so, als wäre das geplant gewesen.

Um 15 Uhr reißt der Himmel wieder auf. Man beschließt, den Nachmittag mit einem Waldspaziergang zu retten. Herbstanfang, Blätter rascheln, die ersten Kastanien liegen auf dem Weg. Prachtstücke! Glänzend, rund, makellos. Man bleibt stehen, hebt eine auf, dreht sie zwischen den Fingern, fühlt sich für einen Moment wie in einem Werbespot für Landlust. Man denkt: Der Herbst hat auch seine schönen Seiten. Vielleicht ist September doch ganz- BONK. Eine Kastanie, frisch aus der Baumkrone, trifft einen am Hinterkopf. Mit Schale. Mit Stacheln. Man greift sich an den Kopf, flucht, schaut hoch. Der Baum steht da, völlig unbeteiligt. Die Eichhörnchen sagen auch nichts.

Um 17 Uhr kommt der Wind. Nicht irgendein Wind. September-Wind. Das ist diese spezielle Sorte, die einem wahlweise von vorn ins Gesicht bläst, von hinten in den Nacken kriecht oder seitlich unter die Jacke fährt – je nachdem, wo man gerade keine Schicht trägt. September-Wind hat ein Navigationsgerät für ungeschützte Körperstellen.

Um 19 Uhr sitzt man zuhause. Man ist im Laufe des Tages achtmal durch sämtliche Aggregatzustände der Bekleidung gegangen, einmal vom Nieselregen überfallen und einmal von einem Baum beschossen worden. Die Garderobe liegt verteilt auf Flur, Küchenstuhl, Wohnzimmersofa und einem Heizkörper. Man selbst sitzt in Jogginghose und Wollsocken unter einer Decke und überlegt, ob man morgen einfach in einem Schlafsack aus dem Haus geht. Reißverschluss auf, Reißverschluss zu – Problem gelöst.

Am nächsten Morgen steht man wieder am Fenster. Nebel. Kalt. Man greift zum Pullover. Und zum Schal. Und zur Sonnencreme. Und zur Windjacke. Und zum T-Shirt. Und zum Regenschirm. Die Tasche wiegt zehn Kilo, man trägt einen Fahrradhelm gegen Kastanien, und man ist noch nicht mal aus der Tür.

September ist kein Monat. September ist ein meteorologischer Hindernisparcours, und wir alle laufen ihn – falsch angezogen und leicht am Kopf getroffen.

Der Autor trägt inzwischen auch zu Fuß einen Fahrradhelm auf dem Wall und wird dafür von Eichhörnchen ausgelacht.

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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