Lemgoer Stadtentwicklungsausschuss vor wegweisenden Beschlüssen: Millionen-Projekt Maibolte, Baustopp in Leese und die Debatte um Schatten in der Mittelstraße
Am Dienstag, den 10. November 2026, tagt der Stadtentwicklungsausschuss der Alten Hansestadt Lemgo um 18:00 Uhr im Großen Sitzungssaal des Rathauses. Die 266 Seiten starke Sitzungsunterlage liefert reichlich Zündstoff für Kommunalpolitik und Bürgerschaft: von der endgültigen Beerdigung des umstrittenen Neubaugebiets „Auf dem Tipp“ in Leese über eine 75-Millionen-Euro-Zukunftsinvestition im Stadtwald bis hin zu Sonnensegeln an den Haken der Weihnachtsbeleuchtung.
1. Aus für Baugebiet „Auf dem Tipp“: Kostenexplosion stoppt Pläne in Leese
Die Pläne für ein Neubaugebiet am östlichen Rand von Leese stehen vor dem endgültigen Aus. Die Stadtverwaltung schlägt dem Ausschuss offiziell vor, das Baugebiet „Auf dem Tipp“ sowie weitere Neubauflächen im Ortsteil bis auf Weiteres nicht mehr weiterzuverfolgen. Der Ortsausschuss Entrup-Leese hatte sich in seiner Sitzung am 2. November 2026 bereits mehrheitlich gegen die Erschließung ausgesprochen.
- Astronomische Erschließungskosten: Ursprünglich sollten auf der rund 6.252 Quadratmeter großen Fläche etwa acht Einfamilienhäuser entstehen. Wegen der schwierigen Hanglage und des Starkregenschutzes wären jedoch der Bau eines 2.300 Kubikmeter großen Retentionsbodenfilters, massive Schutzwälle sowie die aufwendige Umlegung von Drainagen erforderlich gewesen. Die Kosten hätten den kalkulierten Grundstückspreis auf unwirtschaftliche 314,34 Euro pro Quadratmeter getrieben – bei einem örtlichen Bodenrichtwert von lediglich 110 bis 140 Euro.
- Massiver Bürgerprotest: Eine Anwohnerinitiative hatte mit einer Unterschriftensammlung mobilgemacht und vor zusätzlicher Flächenversiegelung, einer Überlastung des Kanalsystems bei Starkregen sowie Leerständen im Altbestand gewarnt.
- Fokus auf Baulücken: Die Verwaltung empfiehlt, die Entwicklung in Leese künftig auf Schließung bestehender Baulücken und Konversionsflächen im Ortskern zu konzentrieren – darunter das Areal der ehemaligen Astrid-Lindgren-Schule. Auch eine städtische Alternativfläche nördlich des Friedhofs scheidet wegen Hanglage, Geruchsimmissionen eines Tierhaltungsbetriebs und Bachausbau-Restriktionen aus.
2. 75-Millionen-Euro-Projekt: Großinvestition am Kompostwerk Maibolte
Im Lemgoer Stadtwald stehen die Weichen auf Großausbau. Mit der 52. Änderung des Flächennutzungsplans (FNP) soll das Planrecht für eine Süderweiterung des Kompostwerks Maibolte um rund 5,3 Hektar geschaffen werden.
- Interkommunale Kooperation: Die BioVerwertung Lemgo GmbH (BVL) – ein Zusammenschluss des Abfallwirtschaftsverbands Lippe (AWV/ABG), des Kreises Herford und der Stadt Bielefeld – plant vor Ort Investitionen von rund 75 Millionen Euro. Künftig sollen am modernisierten Standort bis zu 85.000 Tonnen Bioabfälle pro Jahr verarbeitet werden (bisher rund 48.000 Tonnen).
- Technik und Energiewende: Veraltete Anlagen werden durch geschlossene Intensivrottetunnel und moderne Biofilter ersetzt, um Gerüche und diffuse Stickstoffausträge zu minimieren. Das bei der Vergärung entstehende Biogas soll künftig direkt in das Transportnetz der Stadtwerke Lemgo eingespeist werden.
- Wald und Ersatzaufforstung: Die Erweiterung beansprucht überwiegend eine Fichtenkalamitäts- und Jungwuchsfläche im Stadtwald. Wertvoller Eichen- und Buchenaltbestand im Südosten wurde aus der Planung herausgenommen. Der forstliche Ausgleich erfordert bei einem Schlüssel von 1:1,9 rund 9,96 Hektar Ersatzaufforstung, die am Südosthang des Biesterbergs in Lemgo sowie bei Dörentrup-Schwelentrup realisiert werden sollen.
- Archäologische Spurensuche: Das Areal birgt historische Relikte. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) fordert eine archäologische Fachbegleitung und Grabungen vor Baubeginn, da im Waldboden mittelalterliche Wölbäckerfluren und alte Hohlwegtrassen erhalten sind.
- Verkehrsführung über die B 66: Gutachter prognostizieren maximal 23 zusätzliche Lkw-Fahrten pro Tag. Um Wohngebiete an der Herforder Straße und Bismarckstraße zu entlasten, favorisiert die Planung eine Führung der Anlieferungen über die Südroute (Isringhausen-Ring, Am Wasserturm, Braker Weg, Pagenhelle) zur Hamelner Straße.
3. Hitzeschutz: Sonnensegel über der Mittelstraße?
Ein Prüfantrag der SPD-Ratsfraktion greift die zunehmende Hitzebelastung in der Innenstadt auf. An extrem heißen Tagen – wie zuletzt während des Strohsemmelfests – verwandeln sich die Fußgängerzone und die versiegelten Plätze in Hitzestauzonen.
- Sonnensegel an Weihnachtshaken: Die Sozialdemokraten schlagen vor, temporäre Sonnensegel zwischen den historischen Häuserzeilen zu spannen. Zur Kostensenkung und Schonung der Bausubstanz soll geprüft werden, ob dafür die ohnehin vorhandenen Trag- und Befestigungssysteme der Lemgoer Weihnachtsbeleuchtung genutzt werden können. Da Baumpflanzungen in der Mittelstraße durch enge Rettungswege, dichte Versorgungsleitungen im Untergrund und Denkmalschutzauflagen kaum umsetzbar sind, böten textile Sonnensegel eine flexible Alternative.
- Verwaltung tritt auf die Bremse: Das Planungsamt verweist auf die laufende Erarbeitung der gesamtstädtischen Klimafolgenanpassungsstrategie. Das Thema Beschattung sei dort in der „Maßnahme Nr. 14“ verankert und müsse im Gesamtkontext mit Wasserelementen und baukulturellen Vorgaben betrachtet werden. Fassaden und historische Gebäudeensembles dürften im Gesamteindruck nicht beeinträchtigt werden.
4. Streit um Wälle und Bega-Auen: Kritik an „Smartphone-Pfaden“
Eine umfassende Bürgeranregung nach § 24 Gemeindeordnung NRW fordert mehr Freizeitinfrastruktur und Aufenthaltsqualität entlang des Lemgoer Walls und der Bega. Der Antragsteller zieht deutliche Vergleiche zu Nachbarstädten: Während Lügde mit dem Emmerauenpark einen Sandstrand mit Wasserzugang, Kioskgastronomie und Hundestrand vorweise und Bad Salzuflen oder Lage mit Kneipp-Parcours und echten Mehrgenerationen-Fitnessgeräten punkten, hinke Lemgo hinterher. Der städtische digitale Pfad „Bewegter Wall“ gehe am Bedarf vieler Bürger vorbei, da er ein Smartphone voraussetze, und vorhandene Calisthenics-Stangen seien nur für durchtrainierte Sportler geeignet. Gefordert werden unter anderem ein Kneipp-Tretbecken mit Barfußpfad am Teich am Regenstorplatz sowie ein eigener Hundestrand an der Bega.
Die städtische Stadtplanung hält dagegen: Lemgo habe seit 2010 über das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) rund 29 Millionen Euro in die Innenstadt investiert (durchschnittlich 1,8 Millionen Euro pro Jahr). Mit Bega-Balkon, Ice Box, Remise, Auenpark-Spielplatz und dem Erlentreff sei ein dichtes „Perlenketten-Konzept“ entstanden. Eine Umgestaltung des Nordwalls unter dem Motto „Stadt ans Wasser“ (Alter Fluss) bleibe jedoch eine Zukunftsaufgabe für das nächste Jahrzehnt.
5. Kleiner Spiegelberg: Veralteter Bebauungsplan wird kassiert
Am Kleinen Spiegelberg zieht die Stadt die Reißleine gegen Fehlentwicklungen. Der Bebauungsplan aus dem Jahr 1974 (inklusive der Änderung von 1977) soll förmlich aufgehoben werden.
- Hintergrund: Die Festsetzungen aus den 1970er-Jahren basieren auf der alten Baunutzungsverordnung von 1968. Diese rechnet Zufahrten, Garagen und Stellplätze nicht auf die Grundflächenzahl an, wodurch rechtlich eine Versiegelung von Grundstücken bis zu 100 Prozent und massiver Geschosswohnungsbau in zweiter Reihe möglich gewesen wären.
- Ziel: Um den durchgrünten Gartenstadt-Charakter am Hang des Stadtwaldes zu schützen und bodenrechtliche Spannungen zu verhindern, gilt nach Aufhebung des Plans künftig das Einfügungsgebot nach § 34 Baugesetzbuch. Neubauten und Umbauten dürfen sich künftig nur noch an der tatsächlich vorhandenen, kleinteiligen Nachbarschaftsbebauung orientieren.
Die öffentliche Sitzung am 10. November 2026 bietet für interessierte Bürgerinnen und Bürger zu Beginn wie gewohnt die Möglichkeit für Einwohneranfragen. Die Beschlüsse des Fachausschusses gelten als maßgebliche Empfehlungen für den Rat der Stadt.
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