Anzeige: T&R Lemgo
Verschiedenes

Und, wie war’s?

Die Glosse von Micha Haudrauf über das kommende Ende der Sommerferien

Montag, neun Uhr, Mittelstraße. Sechs Wochen lang konnte man hier in Ruhe sein Brötchen kaufen, ohne ein Dutzend Leute zu treffen, denen man erklären muss, ob man im Urlaub war. Das ist vorbei. Lemgo ist wieder vollzählig. Man merkt es am Geräuschpegel, am Verkehr und an den Gesichtern, die aussehen, als hätte jemand den Erholungsmodus mit einem Klick auf „Alle Termine synchronisieren“ gelöscht.

Halb acht, vor der Schule. Sechs Wochen konnte man um halb acht über die Richard-Wagner-Strasse Straße fahren, als wäre man der letzte Mensch auf Erden. Jetzt schwimmt man wieder im Schritttempo mit und es steht wieder ein Audi Q7 quer über dem Gehweg, weil Matteo die 300 Meter von der Haustür bis zum Klassenzimmer zu Fuß nicht zumutbar sind. Dahinter ein zweiter SUV, der eigentlich nur den Ranzen transportiert. Das Kind läuft nebenher. Sicherheit geht vor.

Dann die Einschulungen. Früher bekam man eine Schultüte, einen Klaps auf den Hinterkopf und die Ansage „Benimm dich“. Heute ist die Einschulung ein Event irgendwo zwischen Kommunion und Thronjubiläum. Die Schultüte ist so groß, dass das Kind dahinter verschwindet. Der Vater filmt. Die Mutter filmt aus einem anderen Winkel, falls der erste nicht reicht. Die Großeltern sind angereist, die Patentante ist angereist, eine entfernte Cousine aus Detmold ist da und weiß selbst nicht genau, warum. Danach geht es geschlossen zum Essen. Reserviert ist natürlich seit April. Für vierzehn Personen. Das Kind will eigentlich nur wissen, was in der Tüte ist.

Am Arbeitsplatz, in der Bäckerei, im Verein – überall dasselbe Spiel. Es muss erzählt werden. Man fragt aus Höflichkeit „Und, wie war der Urlaub?“, und was folgt, ist ein dreißigminütiger Reisebericht über Kreta, der in Ausführlichkeit und Dramatik jedem Podcast Konkurrenz macht. Dann kommt das Handy raus. „Warte, ich zeig dir mal kurz“ – ein Satz, nach dem noch nie irgendetwas kurz war. Sonnenuntergang. Noch ein Sonnenuntergang. Ein Teller mit Fisch. Noch ein Teller mit Fisch, diesmal von der Seite. Ein Pool. Der Pool von oben. „Das war unser Zimmer.“ Es sieht aus wie jedes Zimmer. „Und DAS war der Ausblick.“ Es war ein Parkplatz, aber mit Palme, also zählt es.

Die Bräune ist übrigens das neue Padel-Tennis. Wer braun zurückkommt, war richtig weg. Wer blass ist, hat entweder nur Balkonien gemacht oder war in Skandinavien, was man dann umständlich als „bewusste Entscheidung“ verkaufen muss. „Wir wollten mal was anderes.“ Ja. Regen. Regen wolltet ihr mal.

Zu Hause steht man dann vor dem leeren Kühlschrank und versucht sich zu erinnern, was man vor dem Urlaub eigentlich gegessen hat. Sechs Wochen Eis, Tapas und abends „Ach, wir gehen nochmal raus“ haben jede Erinnerung an den normalen Speiseplan ausgelöscht. Also steht man bei REWE und legt Dinge in den Wagen, die man noch nie gekauft hat. Bulgur zum Beispiel. Man hat das im Urlaub gegessen und es war großartig. In der Lemgoer Küche wird der Bulgur am 14. Dezember ungeöffnet in den Restmüll wandern.

Dienstagnachmittag, zweiter Arbeitstag. Man sitzt am Schreibtisch und denkt: War da was? Sechs Wochen Sommer, und die Erholung hat exakt bis Montag, 10:47 Uhr gehalten. Dann kam die erste Mail mit „Kurze Rückfrage“ im Betreff. „Kurze Rückfrage“ im Betreff ist wie „Ich geh mal kurz in die Rottbude“ auf dem Schützenfest. Danach steht man vier Stunden am Tresen.

Lemgo hat wieder alle zurück. Die Parkplätze sind voll, die Laune ist mäßig, und bis zu den Herbstferien sind es noch genau acht Wochen. Aber wer zählt schon mit.

Der Autor hat nach dem Urlaub drei Sonnenuntergänge, zwei Fischteller und einen Parkplatz mit Palme auf dem Handy. Zeigt er aber nur auf Nachfrage. Hartnäckige Nachfrage.

=

Unterstützung Redaktion

Dir gefällt unser täglicher Einsatz für Lemgo? Dann unterstütze meine Arbeit hier mit einem virtuellen Kaffee für den Redakteur – oder einem Kauknochen für Redaktionshund Bolle! 🐾

🦴 Kauknochen oder Kaffee spendieren
Mehr anzeigen
Anzeige: Hausmann Optik

Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"