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Die längste Sonnenfinsternis aller Zeiten

Die finstere Glosse von Micha Haudrauf

Anderthalb Minuten. So lange dauerte am gestrigen Mittwoch die totale Sonnenfinsternis. Anderthalb Minuten, in denen der Mond sich vor die Sonne schob, es kurz dunkel wurde und das Ganze dann auch schon wieder vorbei war.

Anderthalb Minuten. Das ist kürzer als ein Werbeblock. Kürzer als die Wartezeit auf einen Cappuccino beim Bäcker. Kürzer als die Ansage am Lemgoer Bahnhof, dass der Zug heute leider ausfällt. Aber offensichtlich lang genug, um das gesamte deutsche Fernsehen in einen kosmischen Rauschzustand zu versetzen.

RTL hat dafür einen Sendungstitel erfunden, der in Marmor gemeißelt gehört: „Sonnenfinsternis am Ballermann Live – Das Himmelsspektakel des Jahrzehnts.” Am Ballermann. Live. Endlich zusammengebracht, was zusammengehört: Keplersche Gesetze und Sangria-Eimer. Irgendwo in der Redaktionskonferenz muss jemand gesagt haben: „Wir brauchen Wissenschaft, aber mit Biergartenambiente.” Auftrag erfüllt. Newton wäre stolz. Oder betrunken. Oder beides.

WELT räumte vorsorglich eine zweistündige Sendestrecke frei. Zwei Stunden für anderthalb Minuten Finsternis – das ergibt pro Sekunde Dunkelheit rund 48 Sekunden Sendezeit. Ein Betreuungsschlüssel, von dem jede Kita nur träumen kann. Zur Not hätte man die restliche Sendezeit sicher auch mit einem Standbild der Sonne überbrücken können. Die bewegt sich ja bekanntlich nicht weg. Na ja. Meistens.

Im ZDF unterbrach man „Bares für Rares XXL” für eine Live-Schalte nach Mallorca. Horst Lichter musste pausieren, damit sich Millionen Zuschauer zehn Minuten lang einen dunkler werdenden Himmel über Palma anschauen konnten. Ein historischer Moment: Zum ersten Mal seit Bestehen des Formats hat etwas den Händlerraum geschlagen. Kein Bembel, keine Jugendstil-Butterdose – sondern der Mond.

Die Moderationen waren eine eigene Kunstform. „Was wir gleich sehen werden, ist etwas ganz, ganz Besonderes.” Das sagten sie um 18:55 Uhr. Und um 19:30. Und um 20:00 Uhr. Und dann nochmal um 20:14, eine Minute bevor es „losging”. Wäre die Spannung ein Soufflé gewesen, es wäre viermal aufgegangen und dreimal wieder zusammengefallen. Dazu wurden auf ntv gleich drei Sondersendungen hintereinandergeschaltet: „News Spezial: Himmelsspektakel über Europa.” Das klang, als würde mindestens ein Asteroid auf Brüssel zurasen. Dabei hat einfach nur der Mond seinen Job gemacht.

Natürlich durfte die Experten-Armada nicht fehlen. Astrophysiker erklärten geduldig zum achten Mal, dass der Mond zwischen Erde und Sonne tritt. Zum Glück. Ohne diesen Hinweis hätte ich persönlich auf ein göttliches Zeichen oder zumindest einen Stromausfall bei der Sonne getippt. Dazu ein Professor, der in seiner gefühlt 27. Schalte des Tages tapfer noch Begeisterung in die Stimme legte, während hinter ihm drei Touristen versuchten, die Sonne mit dem Handy zu fotografieren. Ohne Filter, ohne Brille, dafür mit Selfie-Stick. Die Aufnahmen wurden sicherlich grandios. Komplett schwarz, mit Linsenfleck. Perfekt für Instagram.

Und wir hier in Lemgo? 87 Prozent Bedeckung. Klingt dramatisch, sah aber eher so aus, als hätte jemand einen Dimmer an der Sonne angebracht und ihn nicht ganz runtergedreht. Wer nicht gezielt hingeschaut hat – mit Brille natürlich, denn auch das wurde uns in geschätzten 400 Beiträgen eingeschärft sowie den dazu gehörigen hysterisch medial aufbereiteten Schlangen vorm Brillenladen -, der hat das Ganze für einen leicht bewölkten Abend gehalten und den Grill angeworfen. Vermutlich die entspannteste Art, eine Sonnenfinsternis zu erleben.

Die nächste vergleichbare Finsternis über Deutschland kommt 2081. Bis dahin bleibt genug Zeit, die Sondersendungen vorzuproduzieren. RTL arbeitet bestimmt schon am Titel. Mein Vorschlag: „Sonnenfinsternis am Ballermann XXL – Jetzt wird’s richtig dunkel.” 96 Seiten Drehbuch. Pro Sekunde Finsternis eine.

Der Autor hat die Sonnenfinsternis übrigens verpasst. Er war Bier aus dem Keller holen. Das hat länger gedauert.

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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