Das Schlagloch, der Heinz und die Tränen
Wenn jeder Experte wird, sieht keiner mehr das Ganze – Eine Glosse von Micha Haudrauf
Es war einmal eine Zeit, da konnte man sich über etwas aufregen, ohne vorher einen Masterabschluss in der entsprechenden Disziplin zu machen. Man ging zum Bäcker, fand die Brötchen zu teuer, und das war’s. Heute braucht man anscheinend drei Expertisen, um mitreden zu dürfen: die Getreidepreisentwicklung, die CO₂-Bilanz des Backofens und seine persönliche Betroffenheit als Kind einer glutenintoleranten Mutter.
Willkommen im Zeitalter des Tunnelblicks – nur dass jeder durch einen anderen Tunnel schaut.
Früher hatte ich alle BWLer im Verdacht, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben – allerdings nur jene Löffel, die auf ihrer BCG-Matrix als „Stars“ eingestuft waren. Alles wurde in Modelle gepresst. Die Liebe? Eine Investition mit unklarem ROI. Freundschaft? Netzwerkpflege. Omas Apfelkuchen? Hätte im SWOT-Diagramm eine Schwäche bei der Skalierbarkeit.
Das Schöne daran: Mit genug Modellen kann man alles erklären. Außer natürlich die Dinge, die wirklich passieren. Die Finanzkrise 2008? Kam für die Modellierer so überraschend wie Weihnachten für die Deutsche Bahn. Aber keine Sorge – hinterher hatten alle sofort eine Erklärung. Ganze PowerPoint-Kathedralen wurden errichtet, um zu zeigen, warum man das hätte sehen können, wenn man nur die richtigen Parameter… aber wer konnte schon ahnen, dass…
Doch die BWLer waren nur die Vorhut. Heute macht jeder mit.
Der Fußball-Flüsterer
Nehmen wir den Fußball. Früher rief man „Schiri, brauchst du ’ne Brille?“ und das genügte. Heute erklärt mir mein Schwager anhand von „Expected Goals“ und „Pressing-Intensitäts-Indices“, warum mein Unmut statistisch nicht signifikant sei. Als wäre meine Enttäuschung ein Peer-Review-Verfahren.
Gleichzeitig wird jedes 0:0 zur existenziellen Krise hochstilisiert. „Dieser Verein ist meine Familie“, schluchzt jemand ins Mikrofon, der den Kapitän nur vom Panini-Album kennt. Und ich denke: Vielleicht ist es einfach nur… ein Spiel?
Der Umwelt-Wahnsinn
Oder der Umweltschutz. Ein wunderbares und wichtiges Anliegen, keine Frage. Aber diskutieren kann man es offenbar nur noch in zwei Modi: als promovierter Atmosphärenforscher mit mindestens drei Nature-Publikationen – oder als emotional Betroffener, der beim Anblick eines Plastikstrohhalms Weinkrämpfe bekommt.
Neulich wollte ich einfach nur anmerken, dass der Radweg vor meiner Haustür ein Schlagloch hat. „Das ist ja wohl das Allerletzte, wenn du JETZT mit Fahrrädern kommst!“, schnauzte mich jemand an. Ein anderer schickte mir spontan vier PDFs über nachhaltige Straßenbeläge in skandinavischen Kommunen.
Ich wollte doch nur nicht vom Rad fallen.
Die Gefühls-Gazetten
Die Medien helfen dabei nach Kräften. Früher las man: „Stadtrat beschließt neue Parkgebühren.“ Heute: „Rentner Heinz (78) weint vor leerem Parkplatz: ‚Das ist das Ende meiner Würde.'“ Dazu ein Foto von Heinz, wie er erschüttert auf einen Parkscheinautomaten starrt, als hätte der ihm gerade die Scheidung eingereicht.
Fakten allein reichen nicht mehr. Jede Nachricht braucht ein Gesicht, eine Träne, einen O-Ton mit bebender Stimme. Strompreis steigt? Finden wir eine alleinerziehende Mutter, die im Kerzenlicht Suppe kocht. Autobahn wird saniert? Her mit dem Pendler, dessen Lebensträume an der Umleitungsstrecke zerbrochen sind.
Es ist, als hätte jemand beschlossen: Information ohne Emotion ist wie Pommes ohne Salz – technisch essbar, aber wer will das schon? Dass man dabei manchmal vergisst zu erwähnen, warum der Strompreis steigt oder wie lange die Baustelle dauert – Nebensache. Hauptsache, das Herz ist schwer.
Der General ist tot, lang lebe der Spezialist
Das eigentliche Problem: Der Generalist ist ausgestorben. Dieser wunderbare Mensch, der von allem ein bisschen verstand und deshalb Zusammenhänge sehen konnte. Der wusste, dass ein Fußballspiel auch mal langweilig sein darf, dass Umweltschutz pragmatisch geht und dass nicht jede Brötchenpreiserhöhung das Ende der Zivilisation einläutet.
Stattdessen haben wir jetzt sieben Milliarden Fachleute, die alle durch ihre eigene Brille schauen – und wundern uns, warum wir aneinander vorbeireden.
Der BWLer sieht Zahlen. Der Umweltaktivist sieht Katastrophen. Der Fußballfan sieht Schicksal. Und am deutlichsten sehen sie alle: sich selbst. „Ich als jemand, der…“ ist zum beliebtesten Satzbaustein der deutschen Sprache geworden, gleich nach „Aber mein Gefühl sagt mir…“.
Ein irrer Vorschlag
Vielleicht sollten wir einen neuen Beruf erfinden: den Zusammenhangserkenner. Jemand, der bei jedem aufgeregten Streitgespräch dazwischengeht und sagt: „Meine Damen und Herren, könnte es sein, dass Sie alle ein winziges bisschen recht haben – und gleichzeitig dabei das große Bild übersehen?“
Der würde vermutlich von allen Seiten empört angestarrt werden. Und dann gelyncht.
Aber immerhin wären sich endlich mal alle einig.
Der Autor trinkt seinen Kaffee übrigens ohne vorherige Risikobewertung und findet manchmal Sachen einfach so gut oder schlecht. Er bittet um Nachsicht.
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