Die Stunde, die keiner bestellt hat
Die Glosse von Micha Haudrauf
Sonntagmorgen, 6.12 Uhr. Neben meinem Bett steht der Hund und starrt mich an. Nicht vorwurfsvoll, eher sachlich, so wie ein Gerichtsvollzieher. Für ihn ist es 7.12 Uhr, Frühstückszeit, und dass irgendwo in Europa beschlossen wurde, die Nacht um eine Stunde zu verlängern, hat ihm niemand mitgeteilt. Die geschenkte Stunde gehört ab sofort ihm. Ich darf sie im Flur verbringen, mit Napf.
Schon am Samstagabend war die Frage aufgekommen, die jedes Jahr zweimal ganze Familien spaltet: vor oder zurück? Die Schwiegermutter schwört auf die Gartenmöbel, im Frühjahr vor die Tür, im Herbst zurück in den Schuppen. Der Nachbar hat eine Theorie mit dem Thermometer, Sommer plus, Winter minus. Ein Dritter sagt, im Herbst fallen die Blätter, also fällt die Uhr. Am Ende guckten alle aufs Handy, das es sowieso von allein macht und dabei dieses leise, überlegene Schweigen hat.
Handy, Laptop und Funkwecker erledigen das nachts selbst. Übrig bleiben die Geräte, die einen hassen. Der Backofen zum Beispiel. Die Bedienungsanleitung ist 2014 ins Altpapier gegangen. Zwei Tasten gleichzeitig, vier Sekunden halten, irgendwas piept, jetzt läuft die Grillfunktion und im Display blinkt 00:00. Es wird blinken bis März. Die Mikrowelle zeigt eine Uhrzeit an, die nicht falsch ist, nur eben auf den Azoren.
Und dann das Auto. Die Uhr im Auto stelle ich grundsätzlich nicht um. Das ist kein Versäumnis, das ist Haltung. Ein halbes Jahr lang stimmt sie, ein halbes Jahr lang rechne ich. Die Uhr zeigt 8.47 Uhr, also ist es 7.47 Uhr. Oder 9.47 Uhr? Ich war deshalb zweimal zu spät und einmal eine Stunde zu früh beim Zahnarzt, wo man mich im Wartezimmer behandelt hat wie jemanden, der Hilfe braucht.
2019 hat das Europaparlament übrigens beschlossen, die Zeitumstellung abzuschaffen. Seitdem liegt das Thema in Brüssel in einer Schublade, deren Uhr offenbar auch keiner umgestellt hat.
Sonntag, zehn Uhr, Frühstück mit Freunden im Café. Ich bin pünktlich, alles korrekt umgestellt, ich bin fast ein bisschen stolz auf mich. Um Viertel nach zehn ist noch keiner da. Um halb elf kommt eine Nachricht: „Wir waren um neun hier und sind jetzt los. Alles okay bei dir?“ Im Jahr davor war es umgekehrt. Da kam ich bestens gelaunt um elf, und am Tisch saßen drei Leute vor leeren Tellern und kalten Kaffeetassen und sahen mich an wie einen verspäteten Regionalexpress. Irgendwer hat es immer vergessen, und man ist es abwechselnd selbst. Dass am Sonntag nach der Zeitumstellung alle zur selben Zeit am selben Tisch sitzen, ist statistisch nicht vorgesehen. Die Cafés wissen das längst und decken an diesem Tag nur Einzeltische.
Am Montag dann sitzen sie überall, die Gezeichneten. „Ich bin völlig durch, das ist die Zeitumstellung“, sagt der Kollege, der am Sonntag bis halb elf geschlafen hat. Eine Stunde Unterschied, und halb Lemgo schlurft durch die Mittelstraße, als käme es gerade aus Neuseeland zurück. Ohne Strand, ohne Urlaubsfotos, nur mit dem Jetlag.
Der Hund hat sich nach einer Woche eingegroovt. Pünktlich zum März, wenn wir die Uhren wieder vorstellen und ich eine Stunde zu spät mit dem Napf komme. Er wird mich ansehen wie jemanden, der seine Steuererklärung gefälscht hat. Und ich werde ihm nicht erklären können, warum. Ich weiß es ja selbst nicht.
Der Autor hat diese Glosse in der Nacht zu Sonntag zwischen zwei und drei Uhr geschrieben. Zweimal.
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