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Der unaufhaltsame Mitteilungsdrang und warum ich Angst vor dem Kühlschrank habe

Früher hatten Politiker Pressesprecher. Heute haben sie Smartphones.

Und nicht nur Politiker. Bürgermeister, Landräte, Minister, Parteivorsitzende, Journalisten, Aktivisten, Influencer, Experten, selbst ernannte Experten und Menschen, die einmal einen Podcast gehört haben und sich seitdem für Experten halten.

Alle senden. Ständig.

An dieser Stelle ein kurzer Hinweis in eigener Sache: Ja, wir nutzen soziale Medien auch. Sogar ziemlich intensiv. Schließlich wäre es unerquicklich, wenn wir morgens eine wichtige Nachricht veröffentlichen und sie anschließend wie eine Flaschenpost in die Bega werfen würden.

Aber wir haben uns vor Jahren für eine eher altmodische Auffassung entschieden: Im Mittelpunkt soll die Nachricht stehen. Nicht derjenige, der sie veröffentlicht.

Deshalb setzen wir unser Gesicht eher selten auf Titelbilder und ungern in Reels. Nicht aus Bescheidenheit. Sondern auch aus Selbstschutz. Wir sehen uns nämlich selbst nur äußerst ungern. Manche Menschen öffnen morgens die Frontkamera und denken: „Das muss die Welt sehen.“ Wir öffnen die Frontkamera und denken: „Ach du liebe Zeit.“

Dennoch beobachten wir mit einer gewissen Bewunderung jene Persönlichkeiten, die es schaffen, ihr Gesicht gleichzeitig auf Facebook, Instagram, YouTube, LinkedIn, TikTok und vermutlich demnächst auch auf der Innenseite eines Joghurtdeckels zu platzieren.

Man hat inzwischen gelegentlich Angst, den Kühlschrank zu öffnen. Nicht, weil die Milch abgelaufen sein könnte. Sondern weil einem jemand mit strahlendem Lächeln entgegenspringt und erklärt: „Hallo Freunde! Heute möchte ich euch kurz mitnehmen …“

Nein. Möchten wir nicht. Wir wollten eigentlich nur Käse.

Manchmal frage ich mich ohnehin, ob es überhaupt noch öffentliche Persönlichkeiten gibt, die einfach mal einen Kaffee trinken können, ohne die Nation darüber zu informieren. „Guten Morgen zusammen! Heute starte ich mit einem Cappuccino in den Tag.“

Eine Minute später: „Der Cappuccino war hervorragend.“ Drei Minuten später: „Viele von euch haben gefragt, wo es den Cappuccino gab.“

Hat niemand. Aber das spielt keine Rolle.

Social Media hat eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Ursprünglich sollte es Menschen miteinander verbinden. Inzwischen besteht ein erheblicher Teil der Kommunikation daraus, dass Menschen der Welt mitteilen, dass sie gerade dabei sind, der Welt etwas mitzuteilen. Besonders beeindruckend ist die Ausdauer.

Früher hielt man eine Rede, schrieb einen Artikel oder gab ein Interview. Heute wird zusätzlich dokumentiert, wie man zur Rede fährt, wie man vor der Rede wartet, wie man nach der Rede nachdenklich schaut und wie man anschließend im Auto sitzt.

Nicht selten bekommt man vom Weg zum Termin mehr Eindrücke als vom Termin selbst.

Dabei ist gegen gelegentliche Einblicke überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Es kann sympathisch sein, Menschen hinter den Kulissen zu erleben. Aber irgendwo zwischen dem dritten Selfie des Tages und dem achten Video aus dem Zugabteil stellt sich die Frage: Arbeiten diese Leute eigentlich noch – oder berichten sie nur noch live darüber, dass sie arbeiten könnten?

Besonders faszinierend ist die Geschwindigkeit. Kaum ist irgendwo ein Ereignis passiert, stehen bereits zehn Kameras, fünf Mikrofone und drei Statements bereit. Man hat manchmal den Eindruck, manche Menschen verlassen morgens das Haus nicht mehr ohne vollständig geladenen Akku, Ringlicht und einen vorbereiteten Satz für den Fall einer überraschenden Entwicklung.

Früher galt: Erst denken, dann sprechen. Heute lautet die Reihenfolge gelegentlich: Erst posten, dann posten, dann posten – und irgendwann vielleicht noch denken. Die eigentliche Pointe ist jedoch eine andere: Je lauter alle senden, desto schwieriger wird es überhaupt noch, jemandem zuzuhören.

Zwischen Millionen Fotos, Videos, Meinungen, Kommentaren, Reaktionen, Gegendarstellungen, Reaktionsvideos auf Reaktionen und Kommentaren zu Reaktionsvideos entsteht eine beinahe romantische Sehnsucht nach etwas völlig Verrücktem:

Ruhe.

Einfach mal einen Nachmittag ohne Live-Update. Ohne „Breaking News“ vom Mittagessen. Ohne Video aus dem Aufzug. Ohne Story darüber, dass man gleich eine Story aufnimmt. Vielleicht wäre das die wahre digitale Revolution unserer Zeit.

Eine öffentliche Persönlichkeit, die gelegentlich nichts postet. Man würde vermutlich sofort spekulieren. Ist alles in Ordnung? Gibt es technische Probleme? Wurde das Handy verlegt? Oder – und dieser Gedanke erscheint fast abwegig – arbeitet die Person gerade einfach?

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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