Zero Points, zero Ahnung? Wer den ESC tatsächlich finanziert
Ein Kommentar von Michael Pitt
Der ESC ist vorbei, der Frust sitzt tief und der deutsche Lieblings-Mythos hat wieder Hochkonjunktur: ‚Wir zahlen den ganzen Bums doch eh alleine!‘ Schön wär’s, dann könnten wir uns wenigstens den Sieg kaufen. Warum die Legende vom deutschen ESC-Zahlmeister zwar gut an den Stammtisch passt, aber mathematisch auf ziemlich dünnen Beinen steht: Ein Realitätscheck.
Das Gerücht, Deutschland würde den Eurovision Song Contest (ESC) komplett alleine finanzieren, hält sich hartnäckig. Ganz falsch ist es nicht, aber es ist deutlich übertrieben.
Hier ist die nüchterne Wahrheit dahinter, wie der ESC finanziert wird und welche Rolle Deutschland dabei wirklich spielt:
1. Die „Big Five“ und der Löwenanteil
Deutschland ist kein Alleinzahler, gehört aber zu den fünf größten Geldgebern des ESC – den sogenannten „Big Five“ (zusammen mit Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien).
Da diese fünf Länder über ihre öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (in Deutschland die ARD/NDR) die höchsten Mitgliedsbeiträge an die EBU (European Broadcasting Union) zahlen, finanzieren sie logischerweise auch den ESC zu einem erheblichen Teil mit.
Das Privileg: Als Gegenleistung für diese hohen Zahlungen sind die „Big Five“ (und das jeweilige Gastgeberland) jedes Jahr automatisch für das finale Finale qualifiziert und müssen nicht durch die Halbfinals. Das soll garantieren, dass die größten Fernseemärkte im Finale zuschauen, was wiederum wichtig für die Werbeeinnahmen und Einschaltquoten ist.
2. Der ESC ist eine Gemeinschaftskasse
Deutschland zahlt keineswegs die gesamte Party. Die Kosten für den ESC verteilen sich auf mehrere Säulen:
- Teilnahmegebühren aller Länder: Jedes teilnehmende Land muss eine Gebühr entrichten, um mitmachen zu dürfen. Diese richtet sich nach der Größe und Wirtschaftskraft des Landes. Kleinere Länder zahlen deutlich weniger als Deutschland.
- Das Gastgeberland zahlt am meisten: Der Löwenanteil der eigentlichen Produktionskosten (Halle, Bühne, Technik, Sicherheit) wird von der Rundfunkanstalt des Landes getragen, das den ESC in diesem Jahr austrägt, oft unterstützt von der jeweiligen Gastgeberstadt und dem Tourismusverband.
- Sponsoren und Ticketverkäufe: Ein riesiger Teil der Kosten wird durch internationale Sponsoren (wie z.B. Booking.com, Moroccanoil etc.) und den weltweiten Ticketverkauf für die Live-Shows und Proben gedeckt.
3. Über welche Summen reden wir überhaupt?
Die genauen Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr, aber der deutsche Beitrag ist im Vergleich zu anderen TV-Großprojekten überraschend überschaubar.
Der deutsche Anteil an den reinen EBU-Teilnahmekosten lag in den letzten Jahren meist zwischen 350.000 und 450.000 Euro.
- Zum Vergleich: Eine einzige Folge eines großen ARD-Krimis (wie dem Tatort) kostet in der Produktion oft zwischen 1,5 und 2 Millionen Euro. Für den NDR ist der ESC – gemessen an den gigantischen Einschaltquoten und den vielen Stunden Sendezeit (Halbfinals + Finale) – programmtechnisch also eigentlich ein extrem gutes Geschäft („Cheap Content“).
Fazit
Der Begriff „Zahlmeister“ stimmt insofern, als Deutschland (zusammen mit vier anderen Nationen) die finanzielle Wirbelsäule der EBU und des ESC bildet. Ohne das Geld der Big Five wäre die Show in dieser Dimension kaum realisierbar.
Die ewige Behauptung, Deutschland zahle den ESC alleine oder würde dafür Unsummen an Steuer- oder Beitragsgeldern verschwenden, ist jedoch ein Mythos.
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