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Zwischen den Fronten: Warum wir berichten, statt zu belehren

Ein Kommentar von Michael Pitt

Kürzlich fragte mich ein Leser nach einer kurzen Ankündigung für eine politische Veranstaltung: „Müsst ihr denen wirklich diesen Platz in der Zeitung geben?“ Es war eine ehrliche Frage, die eine Sorge widerspiegelt, die viele umtreibt. Und sie verdient eine ebenso ehrliche Antwort, die über das Handwerkliche hinausgeht.

Wir sind der Spiegel, nicht der Filter

Eine Lokalzeitung hat eine besondere Aufgabe: Sie ist das Gedächtnis und der Spiegel einer Gemeinde. Wenn auf unserem Marktplatz gestritten wird, wenn im Stadtrat kontroverse Entscheidungen fallen oder wenn eine Partei – egal welcher Couleur – zu einem Abend einlädt, dann sind das Ereignisse in unserer Nachbarschaft.

Ein Beispiel, das derzeit viele bewegt, ist der Umgang mit der AfD. Hier prallen oft zwei Erwartungen aufeinander: Die einen fordern strikte Ignoranz, die anderen absolute Neutralität. Für uns als Redaktion ist der Kompass jedoch klar: Wir berichten nicht über die AfD (oder irgendeine andere Gruppe, welche ausserhalb ihrer Blase umstritten ist), weil wir deren Inhalte teilen oder bewerben wollen. Wir berichten, weil sie Teil der hiesigen Realität sind. Würden wir beginnen, gewählte Gruppierungen einfach aus der Zeitung zu streichen, würden wir den ersten Schritt weg vom Journalismus und hin zur Zensur gehen.

Kritik ist kein „Nestbeschmutzen“

Dieser Grundsatz gilt in alle Richtungen. Wenn wir der Verwaltung kritische Fragen stellen oder Entscheidungen der etablierten Parteien im Rathaus hinterfragen, tun wir das nicht aus einer Lust am Kritisieren. Es ist unsere Pflicht als „vierte Gewalt“ im Kleinen.

In einer gesunden Demokratie muss es möglich sein, harte Fragen zu stellen, ohne dass dies sofort als „demokratiezersetzend“ oder „einseitig“ gelabelt wird. Guter Lokaljournalismus ist kein „Wohlfühl-Programm“ für die Politik, sondern ein Dienst am Bürger.

Die Chronistenpflicht: Hinsehen, wo es wehtut

Klassischer Journalismus basiert auf Grundsätzen, die heute fast schon radikal wirken:

  • Distanz: Wir machen uns mit keiner Sache gemein – auch nicht mit einer „guten“.
  • Audiatur et altera pars: Man muss auch die Gegenseite hören. Das ist kein Privileg für Politiker, sondern ein Recht des Lesers auf Vollständigkeit.
  • Neutralität: Eine Nachricht muss sachlich bleiben, auch wenn der Inhalt provoziert.

Wenn wir über eine kontroverse Veranstaltung berichten, ist das kein Applaus. Es ist die Dokumentation eines Zeitgeschehens. Wenn wir kritische Fragen stellen, ist das keine Lust am Krawall, sondern die Ausübung unserer Kontrollfunktion. Demokratie lebt nicht von der Einstimmigkeit, sondern vom sauberen Streit der Argumente.

Hier habe ich in der Vergangenheit als Redakteur nicht klar unterschieden. Zu häufig wollte ‚Mein Lemgo‘ Brücken bauen und eine vermittelnde Rolle einnehmen. Das war nicht richtig. Journalismus soll vermitteln – aber nicht zwischen zwei Positionen, sondern Standpunkte und Informationen: und zwar neutral und leidenschaftslos.

Vertrauen in Ihre Urteilskraft

Wir wissen, dass das oft anstrengend ist. Es ist angenehmer, nur das zu lesen, was die eigene Weltsicht bestätigt. Doch eine Zeitung, die nur noch schreibt, was den Leuten gefällt, verliert ihre wichtigste Währung: die Glaubwürdigkeit.

Wir trauen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, zu, dass Sie eine Information von einer Meinung unterscheiden können. Wir trauen Ihnen zu, dass Sie sich selbst ein Bild machen können, wenn wir Ihnen die Fakten liefern – nüchtern, distanziert und ohne erhobenen Zeigefinger.

Unser Ziel ist es nicht, Sie zu erziehen. Unser Ziel ist es, dass Sie wissen, was in Ihrer Stadt passiert. Denn nur wer informiert ist, kann wirklich mitreden.

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Michael Pitt

Michael Pitt betreibt das Portal Mein-Lemgo seit 2021. Er ist in Lemgo geboren, wohnt direkt am Marktplatz und ist Lemgoer mit Herz und Seele.

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