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Spiel, Satz und ein (kleines) Wirtschaftswunder: Das 49. Nationale Deutsche Jüngsten-Tennisturnier in Lippe

Lippe im Tennis-Fieber! Wenn die Region zum Mekka des deutschen Tennisnachwuchses wird, fliegen nicht nur die gelben Filzkugeln über die Netze, sondern auch die Übernachtungszahlen in die Höhe. Ein Blick hinter die Kulissen eines Turniers, das seit fast einem halben Jahrhundert Geschichte schreibt.

Vom 29. Juli bis zum 02. August 2026 war es wieder soweit: Das 49. Nationale Deutsche Jüngsten-Tennisturnier (NDJTT) verwandelte den Kreis Lippe in die unangefochtene Hauptstadt des deutschen Jugendtennis. Gleichzeitig wurden hier die Cetaphil SUN Kids Deutschen Jugendmeisterschaften der U12 ausgetragen, bei denen sich in diesem Jahr Luiz Bauer (TV Reutlingen) und Eva-Marie Kühle (TC BW Kassel) die begehrten Meistertitel sicherten. Neben dem sportlichen Erfolg standen aber auch Werte wie Respekt im Fokus, was durch Fairplay-Awards an junge Talente wie Sophia von Schenberg und Jannis Rehberg gewürdigt wurde.

Das Turnier ist eine wahre Talentschmiede. Wer einen Blick in die Siegerlisten der vergangenen Jahrzehnte wirft, liest Namen, die später Tennis-Geschichte schrieben: Steffi Graf, Boris Becker, Tommy Haas, Angelique Kerber und Alexander Zverev schlugen hier alle schon als Kinder auf. Doch nicht nur sportlich, auch logistisch und wirtschaftlich ist das Event ein Schwergewicht. Von bescheidenen 270 Kindern im Gründungsjahr 1977 wuchs das Teilnehmerfeld so rasant an, dass mittlerweile regelmäßig 700 bis 800 Kinder aus ganz Deutschland – von Kiel bis München – antreten. Teils müssen sogar Absagen erteilt werden, da die Kapazitäten schlichtweg erschöpft sind.
(Die höchste Teilnehmerzahl gab es im Jahr der Wiedervereinigung 1991 mit über 900, diese Zahl an Teilnehmern war aber dauerhaft nicht zu bewältigen.)

Für die Region Lippe bedeutet das einen massiven wirtschaftlichen Faktor: Konservativen Schätzungen zufolge generiert das Turnier einen Umsatz von rund 500.000 Euro in nur wenigen Tagen. Davon entfallen allein circa 230.000 Euro auf Übernachtungen und 260.000 Euro auf Verpflegungskosten der Teilnehmer, Helfer und ihrer Begleiter während ihres durchschnittlich 4-5tägigen Aufenthaltes in Lippe. Kein Wunder, wenn neben den Spielern auch Eltern, Geschwister, Großeltern und Trainer anreisen und die Hotels und Ferienwohnungen der Region buchen. Nicht enthalten in der Modellrechnung von Michael Koderisch sind die weiteren Kosten für Eintritte und Einkäufe in Lippe.

Um ein solches Mammutprojekt zu stemmen, bedarf es einer perfekten Organisation. Wir haben uns mit Michael Koderisch, dem Pressewart des TC Blau-Weiß Lemgo und einem echten Urgestein des Turniers, zu einem Hintergrundgespräch getroffen. Er ist seit den Anfängen dabei und gibt uns exklusive Einblicke in die Maschinerie und die kuriosesten Momente dieses Traditionsturniers.

Im Gespräch mit Michael Koderisch: „Eltern sind normalerweise ehrgeiziger als die Kinder“

Michael Koderisch. Pressewart TC BW Lemgo

Herr Koderisch, das Turnier erstreckt sich mittlerweile über unzählige Plätze. Wie behält man da den Überblick? Michael Koderisch: Das Turnier wird auf acht Hauptanlagen und rund 90 Plätzen ausgetragen. Dazu gehören unter anderem Lemgo, Detmold, Hiddesen, Leopoldshöhe, Bad Salzuflen, Lage, Horn und Herrentrup. Weil Lemgo das zum Beispiel gar nicht alles allein bewältigen könnte, hilft uns der TC Dörentrup an zweieinhalb Tagen mit vier zusätzlichen Plätzen aus. Dass so ein Turnier 49 Jahre lang funktioniert, ist eigentlich nicht normal. Oft enden solche Turniere nach zehn oder fünfzehn Jahren, wenn Führungspersonen wegbrechen. Bei uns läuft es aber hervorragend, auch weil den einzelnen Vereinen vor Ort ihre Freiheiten gelassen werden und nicht alles zentral von oben herab diktiert wird.

Hinter dem Turnier stehen schätzungsweise 100 ehrenamtliche Helfer. Wie sieht es mit den Zuschauern aus, gerade bei den Finalspielen? Michael Koderisch: Die Tradition begann damals in Lemgo, Bad Salzuflen und Lage. Später gingen die Endspiele oft nach Detmold, weil die ein größeres Clubhaus hatten. Seit einigen Jahren wechseln wir uns bei den Finalspielen zwischen Detmold und Lemgo ab. Dieses Jahr war Lemgo dran und wir hatten eine absolute Rekord-Beteiligung! Ich schätze, es waren bestimmt 400 bis 500 Zuschauer da. Die Straßen waren bis oben hin voller abgestellter Fahrräder und die Parkplätze bis zum Möbelhaus komplett belegt. Für uns als Verein ist das ein ganz besonderes Gefühl.

Lassen Sie uns über den wirtschaftlichen Aspekt sprechen. Sie haben ausgerechnet, dass das Turnier über eine halbe Million Euro in die Region spült. Wie macht sich das bemerkbar? Michael Koderisch: Viele Hotels sind ausverkauft. Teilnehmer, die aus einem Umkreis von 100 Kilometern kommen, fahren vielleicht abends nach Hause, aber alle anderen übernachten hier. Das geht so weit, dass selbst Ferienwohnungen in Blomberg gesucht werden, obwohl die Stadt gar nicht am Turnier beteiligt ist. Wenn die Kinder mittags mit ihren Spielen fertig sind, fahren die Familien herum, schauen sich Lippe an und besichtigen zum Beispiel das Hermannsdenkmal. Abends gehen dann alle essen. Die Unterstützung der lokalen Politik ist dabei toll. In Lemgo beispielsweise bekommt jeder Teilnehmer neben dem Grußwort vom Bürgermeister zur Begrüßung ein Lebkuchenherz von der Firma Pahna – das macht die Stadt schon seit 20 oder 30 Jahren so.

Sie haben in 45 Jahren viele spätere Stars gesehen. Gibt es Spieler, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind? Michael Koderisch: Laura Siegemund gewann hier 1997, Sabine Lisicki stand auch im Finale. Die Zeiten haben sich allerdings geändert. Zu den Eltern von Sabine Lisicki hatte ich einen guten Kontakt, aber bei Spielern wie Alexander Zverev war das schwieriger. Als wir zum 40-jährigen Jubiläum im Lemgoer Rathaus gefeiert haben, habe ich versucht, Zverev einzubinden. Aber er wurde damals von einem englischen Agenten massiv abgeschirmt, da war kein Durchkommen. Heute macht sein Bruder das Marketing, das ist etwas besser.

Was war Ihr absolutes sportliches Highlight in all den Jahren? Michael Koderisch: Das war ganz klar Tommy Haas im Jahr 1990. Das Wetter war furchtbar, also mussten wir das Endspiel in Detmold in der Halle auf Nadelfilz austragen. Ich habe das Match als Schiedsrichter geleitet. Haas war 12 Jahre alt und hat schon so unfassbar schnell aufgeschlagen, dass ich manche Bälle gar nicht mehr gesehen habe!. Ich musste mich oft auf mein Gehör verlassen, aber es gab zum Glück nie Probleme. Das hat mir enorm imponiert.

Und abseits des Platzes? Was war das verrückteste Erlebnis, bei dem heute noch gelacht wird? Michael Koderisch: Das war in den ganz frühen Jahren, so zwischen 1977 und 1980. Wir haben damals alles händisch auf großen Papiertafeln ausgelost. Das ging erst abends um halb zehn los, wenn alle Ergebnisse da waren. Gegen halb eins nachts waren wir fertig. Dann sind wir mitten in der Nacht in die einzelnen Orte gefahren, um die Spielpläne aufzuhängen. Als wir um halb drei morgens in der Dunkelheit ankamen, saßen da schon die Eltern auf der Anlage und warteten darauf, zu sehen, gegen wen ihre Kinder spielen müssen!. Wir dachten nur: Was ist denn hier los?. Da sieht man mal wieder: Die Eltern sind normalerweise immer ehrgeiziger als die Kinder. Früher war das noch schlimmer, heute läuft das alles professioneller ab.


Mein-Lemgo meint: Mehr als nur ein Tennisturnier

Das Interview mit Michael Koderisch beweist eindrucksvoll: Das Nationale Deutsche Jüngsten-Tennisturnier ist weit mehr als nur ein sportliches Kräftemessen. Es ist ein perfekt verzahntes Gemeinschaftsprojekt der lippischen Tennisvereine und rund 100 ehrenamtlichen Helfern, die Jahr für Jahr ein logistisches Meisterwerk vollbringen.

Die wirtschaftliche Strahlkraft von über 500.000 Euro tut der Region spürbar gut, füllt Hotels bis in die Nachbarstädte und kurbelt die Gastronomie an. Doch das eigentliche Herz des Turniers sind die Geschichten, die es schreibt: Ob es ein 12-jähriger Tommy Haas ist, der dem Schiedsrichter die Bälle um die Ohren zimmert, oder ehrgeizige Eltern, die nachts um halb drei auf handgeschriebene Turnierpläne lauern. Das NDJTT in Lippe ist und bleibt ein einzigartiges Erlebnis – für die Region, für den Tennissport und für jeden einzelnen Fan, der das Spektakel hautnah miterlebt.

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Michael Pitt

Michael Pitt betreibt das Portal Mein-Lemgo seit 2021. Er ist in Lemgo geboren, wohnt direkt am Marktplatz und ist Lemgoer mit Herz und Seele.
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