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Lemgoer Leerstand mit Stil: Wenn die Gestaltungssatzung den Sargnagel poliert

Die Glosse

Es gibt Nachrichten, die klingen wie ein Hilferuf: Die Leerstände in unserer geliebten Fußgängerzone werden nicht weniger. In den Schaufenstern, wo früher Leben herrschte, sammeln sich heute nur noch Staubmäuse und die verblassten Träume lokaler Einzelhändler. Man könnte meinen, im Rathaus schrillen die Alarmglocken. Doch keine Sorge: Die Verteidigungslinie steht. Und sie besteht aus Papier, Paragrafen und einer Gestaltungssatzung, die so unnachgiebig ist wie der Beton des Glockenturms Heilig Geist.

Die Ästhetik der Einsamkeit

In Lemgo haben wir nämlich Prioritäten. Es ist uns anscheinend lieber, ein Geschäft steht zwei Jahre leer, als dass ein Gastronom es wagt, einen Stuhl nach draußen zu stellen, dessen Beine nicht exakt im vorgeschriebenen Winkel zur historischen Fassade stehen. Wer braucht schon belebte Plätze und fröhliche Menschen, wenn er stattdessen eine perfekt harmonisierte Tristesse haben kann?

Während der Online-Handel die Innenstadt langsam aber sicher auffrisst, sitzt in der Verwaltung jemand mit dem Farbfächer und prüft, ob das Markisen-Blau des neuen Cafés auch wirklich mit dem Lemgoer Denkmalschutz-Himmel korrespondiert. „Ausnahmegenehmigung?“ – In Lemgo ist dieses Wort ein größeres Tabu als ein Parkplatz auf dem Marktplatz.

„Ein Windschutz aus Glas? Um Himmels willen! Wenn die Leute beim Essen nicht mehr vom Lemgoer Zugwind durchgeschüttelt werden, verlieren sie doch völlig den Bezug zur rauen Historie einer Hansestadt. Wer Komfort will, soll nach Bad Salzuflen fahren – hier in Lemgo wird stilvoll gefroren!“

„Der Gastronom klagt über die strengen Auflagen für seine Sonnenschirme? Er sollte uns dankbar sein! Durch unsere strikte Farbvorgabe ‚Aschgrau-Matt‘ bereiten wir die Gäste psychologisch perfekt auf die triste Aussicht der gegenüberliegenden Leerstände vor. Das ist ganzheitliches Stadtmarketing.“

Das Lemgoer Paradoxon: Runder Tisch trifft auf harten Paragrafen

Die eigentliche Ironie dabei ist jedoch das emsige Treiben hinter den Kulissen. Mit einer Energie, die man sich bei der Genehmigung einer Außenterrasse wünschen würde, gründet die Stadtverwaltung einen „Runden Tisch“ nach dem anderen. Es werden Konzepte zur „Revitalisierung“ geschrieben, Arbeitsgruppen getagt und Strategiepapiere gewälzt, die so dick sind wie die Stadtmauer.

Man sitzt also bei Keksen und Mineralwasser zusammen, um darüber zu grübeln, wie man wieder Leben in die Bude kriegt, während man draußen vor der Tür jedem mutigen Gründer schon beim Aufhängen des Werbeschilds die Beine weggrätscht. Es ist ein bürokratisches Perpetuum Mobile: Man bekämpft den Leerstand mit teuren Konzepten, den man zuvor mit maximaler Unflexibilität selbst mitverursacht hat.

Flexibilität ist etwas für Anfänger

Es ist eine faszinierende Form der Logik: Wir sterben lieber in Schönheit, als den Handel und die Gastronomie mit ein bisschen Pragmatismus am Leben zu erhalten. Ein Händler möchte eine moderne Werbeanlage, die Kunden anlockt? „Tut uns leid, passt nicht zum spätgotischen Gesamtkonzept.“ Ein Gastronom möchte seine Terrasse so gestalten, dass Gäste auch bei Nieselregen nicht flüchten? „Unmöglich, die Sichtachse auf den nächsten Leerstand könnte beeinträchtigt werden.“ Ein kleiner roter Teppich vor dem Lokal für den Kunden als König? „Wenn das jeder machen würde!“

Die Verwaltung hütet die Gestaltungssatzung wie den heiligen Gral. Dass der Gral aber langsam einstaubt, weil niemand mehr da ist, der daraus trinken möchte, scheint im Sitzungszimmer des „Runden Tisches“ unterzugehen. Es ist die reine Lehre: Ein leerer Laden ist ein guter Laden, solange kein falsches Schild die Fassade stört.

„Ein beleuchteter Stopper vor dem Laden? Denken Sie doch mal an die Sicherheit! Wenn ein Kunde über ein modernes Werbeschild stolpert, sieht er im Fallen vielleicht, wie schön die historische Fassade im ersten Stock saniert wurde. Das können wir nicht riskieren. Ein dezenter Hinweis in Blindenschrift am Türrahmen muss reichen.“

„Wir haben dem Modegeschäft die neue Leuchtschrift untersagt. Wir wollen verhindern, dass Kunden durch zu viel Helligkeit geblendet werden und am Ende noch den ‚Zu Vermieten‘-Zettel im Nachbarhaus übersehen. Die Dunkelheit ist unser wichtigster Partner bei der Konsolidierung der Innenstadt.“

Das Ziel: Die perfekte Kulisse

Am Ende erreichen wir so das ultimative Ziel: Lemgo wird zum Museum. Eine wunderschöne, denkmalgeschützte Kulisse, in der man zwar nichts mehr kaufen kann und keinen Kaffee mehr bekommt, aber die Schilder an den verwaisten Türen haben wenigstens die richtige Schriftart.

Vielleicht sollten wir die Gestaltungssatzung um einen Punkt ergänzen: „Leerstände haben sich in ihrer Ausstrahlung der allgemeinen Friedhofsruhe anzupassen.“ Dann wissen die verbliebenen Händler wenigstens, woran sie sind. Aber hey, Hauptsache das Konzept für den Runden Tisch steht – auch wenn man der Einzige ist, der es noch liest.

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Hausmann Optik

Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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