Ein Vormittag beim HSV Lieme: Was hinter dem Kurs „Der Alltagshund“ wirklich alles steckt
Lemgo. Der Trainingsplatz des Hundesportvereins Lieme (HSV Lieme) wirkt an diesem Samstagmorgen wie eine friedliche Oase. Die Hunde hören aufs Wort, die Übungen sitzen. Doch die Realität da draußen – auf den Straßen von Lemgo, im Park oder beim Vorbeifahren an der nächsten klappernden Mülltonne – sieht oft anders aus. Genau hier setzt der Erziehungskurs „Der Alltagshund“ an, bei dem es um weit mehr geht als um das klassische „Sitz, Platz, Fuß“. Ein Blick hinter die Kulissen eines Trainings, das auch am anderen Ende der Leine ansetzt.
Das Team: Geballte Kompetenz aus dem „Winterschlaf“ geweckt
Der HSV Lieme wurde vor einigen Jahren aus dem Winterschlaf geholt. Der Grund war pragmatisch: Eine Handvoll Hundehalter suchte während der Brut- und Setzzeit nach einer sicheren Freilauffläche für ihre Vierbeiner – darunter einige echte „Jagdraketen“. Heute zeichnet den Verein eine Besonderheit aus: Im Umfeld tummeln sich gleich sechs bis sieben ausgebildete Trainer und erfahrene Trainingsassistenten, was das gemeinsame Arbeiten extrem bereichert. Das Team kann für seine Angebote auf ein breites Fundament an Fachwissen im eigenen Verein zurückgreifen. Neben den aktiven Kursleitern gehören zum Kreis der ausgebildeten Trainer vor Ort nämlich auch Experten wie Katharina Fischer-Grünschlag oder Wilfried Eggert, die den Verein mit ihrer großen Erfahrung unterstützen.

Foto: mein-lemgo
Durch den aktuellen Kurs führt an diesem Vormittag ein engagiertes Trio: Tobias Lambracht (51), ehrenamtlicher Hundetrainer im Verein, Judith Caspers (32), selbstständige Hundetrainerin mit der mobilen Hundeschule „Best Buddies“ in Detmold, und Evelyn Burre, die Vereinsvorsitzende, die mit jahrzehntelanger Erfahrung als Trainingsassistenz unterstützt.
Zwischen „Mensch-Pädagogik“ und Genetik
Fragt man die Experten, wer in den zehn Kurseinheiten eigentlich am meisten lernt, ernten die altbekannten, pauschalen Sprüche wie „Das Problem ist immer am anderen Ende der Leine“ erst einmal Gegenwind. Ganz so einfach ist es laut Judith Caspers nicht: „Es ist immer ein Zusammenspiel aus beiden – aus dem Charakter und der Genetik des Hundes, aber auch aus der Erfahrung des Halters und wie er dem Tier gegenüber auftritt“.
Dennoch liegt der Fokus extrem stark auf der Schulung des Menschen. Im Schnitt teilt sich das Training laut Tobias Lambracht 50:50 in Menschen- und Hundetraining auf. In der aktuellen Gruppe ist das theoretische Interesse der Halter sogar so groß, dass das Verhältnis fast bei 60 Prozent „Menschen-Pädagogik“ liegt. „Man merkt einfach, die nehmen unheimlich viel an Theorie auf, statt nur praktische Übungen zu machen“, lobt Lambracht den Wissensdurst der Teilnehmer. Evelyn Burre ergänzt, dass auch die Vorerfahrung eine riesige Rolle spielt: „Manche hatten vorher einen ganz anderen Hund als den, den sie jetzt haben, oder schlechte Erfahrungen gemacht. Das formt die Leute natürlich auch“.
Führungslos in der Menschenwelt: Was Hunde missverstehen
Ein großes Missverständnis in der modernen Hundehaltung ist der Wunsch, dem Vierbeiner im Alltag maximale Freiheiten zu gewähren und ihn wie einen Partner auf Augenhöhe zu behandeln. Judith Caspers warnt eindringlich vor den Folgen:
„Die Hunde haben 10.000 bis 15.000 Jahre lang mit uns gearbeitet, sie sind jagen gegangen, sie hatten eine Aufgabe. Vor etwa 20 Jahren haben wir Menschen dann überlegt, dass das jetzt ‚Familienhunde‘ sind und sie eigentlich gar keine Aufgabe mehr haben. Wir wissen das, aber die Hunde wissen das noch nicht. Wenn wir sie komplett führungslos in diese Welt entlassen, sind sie verloren.“
Ohne liebevolle, aber klare Führung und Orientierung im Alltag geraten viele Hunde schlicht unter Dauerstress.
Die Tücken der unbewussten Körpersprache
Oft sind es kleine, gut gemeinte Gesten, die beim Hund Bedrohung oder Kontrollverhalten auslösen. Der absolute Klassiker: Das spontane Streicheln über den Kopf. Evelyn Burre erinnert sich an ein einschneidendes Aha-Erlebnis mit dem eigenen Vierbeiner: „Ich hatte das glücklicherweise auf Video und habe gesehen, wie er zurückgezuckt ist. Das hat mich echt für alle Zeiten kuriert“. Berührungen von unten unter dem Kinn sind für Hunde weitaus angenehmer.
Tobias Lambracht verweist hierbei auf das vereinseigene Handout, eine Art „kleine Hundeknigge“: „Dieses Kopfstreicheln, sich über den Hund beugen oder ein frontales, schnelles Annähern mit direktem Augenkontakt – das sollte man unterlassen. Das hat für den Hund einen Bedrohungscharakter.“ Auch das plötzliche Anfassen von hinten, wenn das Tier den Menschen gar nicht sieht, führt oft zu Erschrecken. Der einfache Rat des Teams: Immer von der Seite herantreten, damit der Hund eine optische Ausweichmöglichkeit hat.
Die Social-Media-Illusion und der Faktor Zeit
Wer durch Instagram oder TikTok scrollt, bekommt oft den Eindruck, man könne jedes tief sitzende Problem mit zwei schnellen Tricks und innerhalb einer Woche lösen. Eine Illusion, die das Trainerteam regelmäßig zerstören muss.
„Der absolute Knackpunkt ist der Zeitfaktor“, betont Tobias Lambracht. „Ein Hund lernt durch Wiederholung. Die Standardwiederholung für eine ganz einfache Sache liegt bei 6.000 bis 8.000 Mal – je komplizierter es wird, desto höher schraubt sich das Ganze. Da steckt Zeit und Konsequenz dahinter.“ Wer ein echtes Problem nachhaltig lösen will, kommt um eine Umstellung des gesamten Alltags oft nicht herum. „Viele fragen, wie lange sie das jetzt so machen müssen. Die ehrliche Antwort lautet: Für immer“, so Judith Caspers deutlich. „Es bringt nichts, wenn wir nur am Hund rumdoktern, aber uns selbst überhaupt nicht verändern.“
Warum platzt die „Trainingsplatz-Blase“?
Dass auf dem Vereinsgelände alles perfekt funktioniert, draußen im Alltag aber oft die totale Amnesie einsetzt, liegt laut Evelyn Burre daran, „dass die Leute oft nur auf dem Platz trainieren und draußen das Ganze so ein bisschen schlüren lassen“. Hunde verknüpfen ortsgebunden und generalisieren schlecht. Das Geheimnis des „Alltagshundes“ liegt darin, die gelernten Übungen permanent in den normalen Spaziergang einzubauen. Tobias Lambracht erinnert die Teilnehmer ununterbrochen daran: „Sucht euch auf der Runde eine ruhige Ecke, setzt euch hin, atmet durch, nehmt euch die Zeit. Das Training muss in den Alltag übertragen werden.“ Für den akuten Ernstfall – sei es eine klappernde Mülltonne, ein kreischender E-Scooter oder der unangeleinte „Der-tut-nix“-Hund – lautet die goldene Regel des Teams schlicht: Rückzug. Ausweichen ist für die meisten Hunde die entspannteste Strategie, um Stresssituationen gar nicht erst eskalieren zu lassen.
Abschied von alten Erziehungsmythen
Mit veralteten Erziehungsmethoden räumt das Team radikal auf. Die berüchtigte „Rudelführer-Theorie“ und das krampfhafte Dominanzgehabe sind wissenschaftlich längst widerlegt. „Dass man den Hund auf den Rücken legen muss, um zu zeigen, wer der Chef ist, oder dass er nicht aufs Sofa darf, weil er sonst dominant wird – das ist alles kompletter Schwachsinn“, stellt Lambracht klar. Ebenso unsinnig sei es, einen Hund über Tage hungern zu lassen, damit er aufmerksamer wird: „Damit erziehe ich mir höchstens eine schöne Futteraggressionsstörung an“, so Burre.
Gleichzeitig positionieren sich die Trainer gegen das extreme Schwarz-Weiß-Denken im Netz, wo sich oft die Lager der reinen „positiven Bestärkung“ und der Verfechter von Strafen unversöhnlich gegenüberstehen. Der richtige Weg liege in der goldenen Mitte: Ein neues Verhalten wird positiv aufgebaut, aber es werden dem Hund auch wohlwollend, klar und körpersprachlich deutliche Grenzen gesetzt.
Sinken die Toleranzgrenzen in unserer Gesellschaft?
Gefühlt nimmt die Zahl der Hunde zu, gleichzeitig sinkt in der Öffentlichkeit oft die Toleranz, wenn ein Vierbeiner mal bellt oder an der Leine zieht. „Es ist teilweise sehr übersensibel draußen. Ein Wuff, und der Hund gilt sofort als unerzogen oder gefährlich“, schildert Evelyn Burre ihre Eindrücke.
Tobias Lambracht sieht allerdings auch die Kehrseite: Viele Menschen schaffen sich Hunde an, ohne deren genetische Veranlagung zu verstehen. Wenn ein geborener Hof- oder Wachhund meldet und bellt, tun viele Halter das fälschlicherweise als Erziehungsfehler ab. „Der Hund tut schlicht das, wofür er genetisch gezüchtet wurde. Da muss man den Leuten erst einmal erklären, dass wir hier ein Ersatztraining aufsetzen müssen, um das Bellen zu kontrollieren und zu reduzieren, statt es ihm stumpf verbieten zu wollen.“
Aufgrund der steigenden Reizdichte im Alltag – Judith Caspers berichtet von Spaziergängen, auf denen den Haltern teils zwei Dutzend Hunde begegnen – bricht das Team auch eine Lanze für den vieldiskutierten Hundeführerschein. Ein paar Pflichtstunden in Theorie und Praxis für jeden, der sich ein Tier anschafft, würden das gegenseitige Verständnis im Alltag drastisch verbessern.
Wenn der Sportverein an seine Grenzen stößt
Ein Erziehungskurs im Verein stößt naturgemäß irgendwann an strukturelle Grenzen. Wenn Probleme in der Gruppe nicht mehr sinnvoll lösbar sind oder die Basis komplett fehlt, verweisen die Verantwortlichen klar auf professionelle Einzelstunden. Judith Caspers betont:
„Ein gutes Vereinstraining zeichnet sich für mich genau dadurch aus, dass man ehrlich sagt: ‚Hier ist noch Bedarf, da muss noch mal jemand im Einzelnen genauer drüber gucken‘. Wenn man als Verein nicht so reagiert und die Leute bei gravierenden Problemen nicht weiterverweist, ist das kein gutes Training. Man muss klar sagen können: Dieses Problem können wir hier in der Gruppe nicht lösen.“
Kann ich nun schnell einen Kurs belegen beim HSV Lieme?
Wer nun Lust bekommen hat, im Verein mitzuwirken, braucht etwas Geduld: Aufgrund des enormen Zulaufs arbeitet der HSV Lieme, bei dem das familiäre Miteinander und die artgerechte Auslastung ohne Turnierdruck im Vordergrund stehen, derzeit an der absoluten Kapazitätsgrenze. Neue Mensch-Hund-Teams müssen sich vorab melden und quasi „bewerben“.
Für das späte Jahr gibt es jedoch einen Lichtblick: Im Spätsommer/Herbst plant der Verein einen dreiteiligen Clickerkurs, der sich als spezielles Werkzeug zur Belohnung und Strukturierung explizit auch an externe Interessierte richtet. Informationen dazu werden rechtzeitig in der lokalen Presse und auf dem Facebook-Auftritt des Vereins bekanntgegeben.
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